War watt? Wir stehen erst am Anfang der Digitalisierung

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist

Nach Studium, politischem Engagement und Berufseinstieg in Aachen zog es Hubertus Grass nach Sachsen. Beruflich war er tätig als Landesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Prokurist der Unternehmensberatung Bridges und Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Seit 2011 ist er als Unternehmensberater freiberuflich tätig.

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15. Dezember 2016

Digitalisierung nervt. Meine smarte Uhr erinnert mich daran, dass ich mich bewegen soll. Der kurze Imperativ „Los!“ erscheint auf dem Display. Dazu eine kurze Vibration. Wenn meine Watch wirklich smart wäre, hätte sie durch Erfahrung längst erkannt, dass ich a) um diese Zeit immer am Schreibtisch sitze und mich bestenfalls bewege, um mir einen neuen Kaffee zu holen. Und dass ich mir b) von einer Uhr nicht vorschreiben lasse, wann ich mich bewege. Auch an einem anderen Umstand in meinem persönlichen Umfeld kann man erkennen, dass es mit der Digitalisierung und Big Data noch nicht so weit her ist. Angeblich weiß ja Google alles über mich. Doch immer wieder erhalte ich digitale Einladungen zu Konzerten von Helene Fischer. Ein untrügliches Zeichen, dass wir mit der Digitalisierung erst ganz am Anfang stehen. Und bei der Digitalisierung der Energiewende sieht es nicht anders aus.

Digitalisierung: Noch in der Nische

Wer sich ausschließlich über die sozialen Medien über die Energiewirtschaft informiert, muss einen falschen Eindruck über die Entwicklung gewinnen. Bei Facebook, Twitter und Co. wird fast stündlich ein neuer Rekord der Erneuerbaren gefeiert. Von Anfang an waren diese Erfolge der Erneuerbaren gekoppelt mit einer Hoffnung auf eine schnelle, disruptive Entwicklung. Ob Mieterstrom, Öko-Strom aus der Region oder Öko-Strom aus dem Schwarm mit Qualitätsanspruch – all diese Geschäftsmodelle in der Kombination von Digitalisierung und Erneuerbaren zeugen eher von der Gemächlichkeit des Umbruchs als von disruptiven Ereignissen. Auch der Hype um die Blockchain zeigt: Das öffentliche Tamtam ist viel größer als das, was in der Realität passiert. Wie bei allen jungen Hühnern: Die Lautstärke am Anfang ist umgekehrt proportional zur Größe der Eier.

Bei der Energiewende stehen wir noch ganz am Anfang. Nur 12,5 Prozent beträgt der Anteil der Erneuerbaren.

Disruptive Entwicklungen? Ein postfaktischer Eindruck

Sind Vorreiter-Unternehmen aus dem Sektor der Erneuerbaren wie Next-Kraftwerke, Lichtblick mit seinem Schwarm oder Lumenaza nicht der Beweis dafür, dass die Digitalisierung der Energiewende längst den Anfang hinter sich gelassen hat und unseren Alltag verändert? Fleißige Rezipienten der neuen Medien werden diese Frage postfaktisch und aus dem Gefühl heraus mit Ja beantworten. Die Zahlen sagen etwas anderes. Der Bereich der Erneuerbaren Energien machte Ende 2015 gerade einmal 12, 5 Prozent des gesamten Energiemarktes aus. Fast drei Prozent gab es schon (Wasserkraft, Holz als Brennstoff), bevor die Energiewende im Jahr 2000 mit dem EEG richtig einsetzte. Die durchschnittliche Umstellungsrate von fossil auf erneuerbar lag pro Jahr in der Größenordnung von 0,6 Prozent. Bei Beibehaltung dieser Geschwindigkeit wird die Energie“wende“ über 160 Jahre dauern.

Wir reden ständig über die zehn Prozent des Energiemarktes, in denen Veränderungen  stattfinden. In dem anderen Bereich, immerhin 90 Prozent des Marktes, passiert seit Jahren wenig. Ob bei Öl, Gas oder an der Strombörse: Da laufen die Geschäfte nach den gleichen Mechanismen wie zu Beginn des Jahrtausends. Nur schlechter, weil das Angebot auf allen Märkten die Nachfrage deutlich übersteigt.

Digitalisierung und Erneuerbare: Aller Anfang ist schwer

Aus Gründen des Klimaschutzes, das wissen mittlerweile alle außerhalb des künftigen Kabinetts der US-Regierung, müssen wir in den nächsten Jahrzehnten unsere Wirtschaft vollständig dekarbonisieren. Das geht nur mit den Mitteln der Digitalisierung. Energiewende ist mehr als die Umstellung der Erzeugung von fossil auf erneuerbar. Energiewende bedeutet auch, Energie-Dargebot und –verbrauch aufeinander abzustimmen, drastische Verbesserungen bei der Energieeffizienz zu erzielen und endlich damit aufzuhören, Energieerzeugung und –verbrauch ausschließlich innerhalb der bekannten Sektoren – Strom, Wärme und Verkehr – zu denken. Das wird mit ein paar smarten Apps, die das Licht und die Heizung anschalten, bevor ich das Haus betrete, nicht zu machen sein. Vor allem muss die Digitalisierung die Sektorengrenze des Stroms überwinden und endlich auf den größten der Energiemärkte erobern: den Wärmemarkt.

Als Google für drei Milliarden US-$ das kleine Unternehmen Nest erwarb, da ahnten wir alle: Die Digitalisierung des Wärmemarktes wird das nächste große Ding. Wer sich heute, fast drei Jahre später, auf den Seiten von Nest umsieht, wird enttäuscht sein. Digitale Thermostate und Kameras, Out- und Indoor, hat das Unternehmen zu bieten. Und das hat drei Milliarden US-$ gekostet? Man täusche sich nicht. Die selbst lernende Steuerung ist work in progress, wie ein Blick auf die Update-Historie des Thermostats verrät. Schnell und disruptiv geht es auch bei Nest nicht zu. Das Unternehmen lernt seit 2011 ständig dazu und ist, obwohl technisch Marktführer, von der Durchdringung einzelner Märkte noch weit entfernt.

Aller Anfang ist schwer: Auch die Digitalisierung der EnergiewendeAuch bei der digitalen Agenda der Bundesregierung spielt die Digitalisierung über den Sektor Strom hinaus nur ganz am Rande eine Rolle. Selbst bei Beegy dreht sich (noch) alles um den Strom. Das wundert, denn zu den Eignern des Startups zählen neben dem Energie Versorgers MW Energie, der Konzern BayWa sowie der Heiz- und Kühlsystemhersteller Gien Dimplex und die Softwarespezialisten von GreenCom Networks. Doch selbst in dieser Konstellation, in der es an Know-how nicht mangelt, konzentriert sich die Digitalisierung auf die erneuerbare Stromerzeugung. Am Anfang wird Digitalisierung in der Nische geübt. Disruptiv kommt später.

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Blogparade zum Thema Digitalisierung der Energiewende, initiiert von sunny, dem SMA-Blog.

Heute endet die Blogparade über die Digitalisierung der Energiewende im Blog der SMA. Unser Tipp: mal reinschauen.

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