Geothermie in Baden-Württemberg: „Erdwärme ist ein wertvoller Bodenschatz“

Gastautor Portrait

Thomas Kölbel

Geschäftsführer, GeoB GmbH

Dr. Thomas Koelbel, Geologe, schloss sein Studium an der Universität Karlsruhe, Fachbereich Angewandte Geowissenschaften, 1993 ab. Seine Promotion erfolgte ebenfalls an der Universität Karlsruhe (KIT) und befasste sich mit Geothermie. Nach dem Studium arbeitete er in verschiedenen Beratungsunternehmen. Seit 1996 ist er in leitender Position tätig und beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Thema Geothermie. Im Jahr 2003 übernahm er die Leitung der Geothermieabteilung eines internationalen Bohrunternehmens. Seit 2005 arbeitet er in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung der EnBW Energie Baden-Württemberg AG und ist seit 2010 Konzernreferent für geologische Themen. Daneben war er Lehrbeauftragter an der Universität Karlsruhe (KIT) und Geschäftsführer des Geothermiekraftwerks in Soultz-sous-Forêts, Frankreich. Von 2014 bis 2019 war er Leiter des Reservoir-Management-Teams eines Geothermieprojekts in der Türkei mit mehreren Bohrungen bis zu 4500 m Tiefe, begleitet von mehreren hydraulisch-chemischen Stimulationsmaßnahmen. Von 2020 bis 2024 war er Aufsichtsratsmitglied der GeoB GmbH, einer Betreibergesellschaft des Geothermiekraftwerks Bruchsal. Seit Februar 2024 ist er Geschäftsführer der GeoB GmbH.

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16. April 2024
Foto: Alex Emanuel Koch/Shutterstock.com

Redaktion Stiftung Energie und Klimaschutz: Vor allem in Oberrheingraben sind die Voraussetzungen für Geothermie sehr gut. Warum gibt es in Baden-Württemberg so wenige Anlagen?

Thomas Kölbel: Im Stromsektor ist der Umstieg auf Erneuerbare Energie eine Erfolgsgeschichte. Etwas mehr als die Hälfte unseres Energieverbrauchs steckt aber im Wärmeverbrauch und hier haben wir noch einen erheblichen Nachholbedarf. Die Nutzung der Tiefen Geothermie weist an dieser Stelle bedeutende Vorteile auf: Sie bringt die notwendige Temperatur mit, ist ganzjährig verfügbar und ist auch in der Lage, in Fernwärmesystemen einen wichtigen Beitrag zu leisten. Gerade in den letzten Jahren ist die Zahl von Geothermieanlagen in Planung und Umsetzung daher sehr deutlich gestiegen, gerade auch im Oberrheingraben.

Redaktion Stiftung Energie und Klimaschutz: Für die Nutzung der Erdwärme kommen verschiedene Verfahren in Betracht. Erläutern Sie kurz, was die Unterschiede sind.

Thomas Kölbel: Geothermie ist nichts anderes als in Form von Wärme im Gestein oder im Grund- oder Tiefenwasser gespeicherte Energie.
Wir unterscheiden die tiefe Geothermie und oberflächennahe Geothermie. Bei der tiefen Geothermie werden entweder natürliche oder künstlich angelegte Heißwasservorkommen in bis zu 5.000 m Tiefe genutzt. Die oberflächennahe Geothermie nutzt dagegen die in sehr viel geringerer Tiefe gespeicherte Erdwärme. Hier können Wärmepumpen das Grundwasser nutzen oder aber über geschlossene Systeme, allgemein als Erdwärmesonden bekannt, versorgt werden.

Die Sorgen der Menschen sind aber unbedingt ernst zu nehmen. Hier ist Aufklärungsarbeit zu leisten und transparent zu informieren.

Thomas Kölbel

Redaktion Stiftung Energie und Klimaschutz: Die EnBW betreibt derzeit zwei Geothermie-Werke in Bruchsal und Soultz-sous-Forêts, zusammen mit einem französischen Partner. Weitere Anlagen sind geplant. Wie weit sind die Planungen fortgeschritten?

Thomas Kölbel: Tatsächlich betreibt die EnBW seit etwa 15 Jahren zusammen mit Partnern zwei Geothermieanlagen: im elsässischen Soultz-sous-Forêts wird Strom erzeugt, im baden-württembergischen Bruchsal zusammen mit den Stadtwerken neben Strom auch Wärme bereitgestellt.

Aktuell liegt unser Fokus auf der Versorgung von Fernwärmesystemen und großen industriellen Wärmeverbrauchern. In Mannheim haben wir uns zum Ziel gesetzt, zusammen mit der MVV bis zu 600 GWh pro Jahr in die Fernwärme einzuspeisen. Hier sind wir in den Planungen bereits weit fortgeschritten und wir beschäftigen uns ganz aktuell mit der Auswahl geeigneter Standorte für Bohrungen. Auch in Karlsruhe – hier in Partnerschaft mit den Stadtwerken – ist die Dekarbonisierung der Fernwärme unser Ziel. Anders in Wörth: hier wollen wir mit unseren Partnern neben Fernwärme für die Stadt vor allem auch Industriewärme für den weltweit größten LKW- Produktionsstandort bereitstellen. Erste Geländemessungen sind hier in Vorbereitung. Aber auch am Standort in Bruchsal sind wir aktiv: zum einen wollen wir die dortige Geothermieanlage deutlich leistungsfähiger machen, zum anderen prüfen wir die Option, in der Region die Erdwärme mit weiteren Bohrungen zu erschließen.

Redaktion Stiftung Energie und Klimaschutz: Es gibt aber auch Kritik: Bürgerinitiativen gegen Tiefengeothermie wehren sich gegen neue Geothermie-Kraftwerke. Wie steht es um die Gefahren durch Geothermie-Nutzung und wie begegnen Sie diesen Argumenten?

Thomas Kölbel: Die Nutzung von Erdwärme ist weder neu noch selten. Eine erste geothermische Stromerzeugung wurde bereits 1907 in der Toskana in Betrieb genommen, die Wärmenutzung ist noch deutlich älter. Die Sorgen der Menschen sind aber unbedingt ernst zu nehmen. Hier ist Aufklärungsarbeit zu leisten und transparent zu informieren. Der Umstieg auf eine CO2-freie Energieversorgung ist dabei ein sehr starkes Argument für die Geothermie.

Redaktion Stiftung Energie und Klimaschutz: Es wird auch immer wieder darauf hingewiesen, dass geothermische Verfahren Erdbeben auslösen können.

Thomas Kölbel: Was Ihre Frage bezüglich Erdbeben angeht: Bei der Erschließung der tiefen Geothermie unterscheiden wir zwei Verfahren: Beim so genannten petrothermalen Verfahren (Enhanced Geothermal System – kurz EGS) wird Wasser mit hohem Druck in die Erde gepresst, um künstliche Risse/Fließwege im Gestein zu erzeugen, in denen sich vorhandenes Tiefenwasser sammeln und erhitzen kann.
Durch das Einpressen von Wasser kommt es zu Mikroseismizität – also feinsten Erschütterungen -, die aber in den allermeisten Fällen an der Erdoberfläche nicht spürbar sind. An der Oberfläche wahrnehmbare Erschütterungen sind sehr selten, aber nicht auszuschließen. Das petrothermale Verfahren ist in Baden-Württemberg nicht genehmigungsfähig und wird von der EnBW nicht angewendet.

Redaktion Stiftung Energie und Klimaschutz: Es liegt nahe, die Geothermie auch mit der Lithiumgewinnung verbinden. Gibt es da bereits Initiativen?

Thomas Kölbel: Wir betreiben unsere Geothermieanlagen mit dem Ziel, erneuerbare Energie bereitzustellen. Hat man das Thermalwasser dazu bereits aus der Tiefe an die Erdoberfläche gefördert, ist es naheliegend, auch die Gewinnung von Lithium als Co-Produkt zu untersuchen. Mittlerweile ist uns unter anderem gelungen, verschiedene, im Labor entwickelte Gewinnungsverfahren unmittelbar in den Anlagenbetrieb in Bruchsal einzubinden und unter realen Bedingungen Lithium zu gewinnen. Und das, ohne die Strom- und Wärmeerzeugung zu beeinflussen.

Redaktion Stiftung Energie und Klimaschutz: Herr Kölbel, Sie sind Geologe, was wäre ihr großer Wunsch im Zusammenhang mit der Geothermie?

Thomas Kölbel: Erdwärme ist ein wertvoller Bodenschatz, der gerade im Oberrheingebiet aus geologischer Sicht besonders gut nutzbar ist. Mein Wunsch wäre daher ein großer Beitrag der Geothermie im Energiesystem der Zukunft und damit eine CO2-freie Versorgung mit Wärme für viele Bürger.

Redaktion Stiftung Energie und Klimaschutz: Vielen Dank für Ihre interessanten Insights!

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