Wie die Europäische Union ihr Nullemissionsziel bis 2050 kostenneutral erreichen kann

Gastautor Portrait

Hauke Engel

Partner, McKinsey & Company

Hauke Engel ist Partner im Frankfurter Büro von McKinsey & Company. Sein Schwerpunkt liegt in der Unterstützung von Organisationen, die den Übergang zu einer kohlenstofffreien Wirtschaft anstreben. Hauke Engel betreut Investoren und Banken, Regierungen und NGOs, Mobilitäts- und Industrieunternehmen sowie sektorale und branchenübergreifende Net-Zero-Koalitionen auf der ganzen Welt mit seiner Expertise zu Klima- und Nachhaltigkeitsthemen.

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17. Februar 2021

Ehrgeizige Ziele: Ende 2019 machte die EU-Kommission den Vorschlag, die Europäische Union bis 2050 klimaneutral zu machen. Seitdem sind andere wichtige Länder nachgezogen: China, Südkorea, Kanada und Japan. Mit der neuen US-Administration könnte 2021 zu einem Wendepunkt in der Bekämpfung des Klimawandels werden.

Die EU hat in ihrem Zielvorschlag noch nicht konkretisiert, wieviel jeder Sektor und jedes Mitgliedsland zu den gewünschten Emissionsreduktionen beitragen sollte – und vor allem, was diese Reduktionen die Volkswirtschaft kosten würden. Daher hat McKinsey in der Studie „Net-Zero Europe“ – ohne Auftraggeber und Bezahlung – 600 mögliche Initiativen zur Emissionsreduzierung in 75 Wirtschaftssektoren analysiert.

Klimaschutz rechnet sich für die Gesamtwirtschaft

Die gute Nachricht vorweg: Die Europäische Union kann das erklärte Ziel der Klimaneutralität bis 2050 ohne gesamtwirtschaftliche Mehrkosten erreichen. Es müssten jährlich zusätzliche 180 Milliarden Euro investiert werden, die jedoch durch Einsparungen an anderer Stelle kompensiert würden. Der grüne Umbau der europäischen Wirtschaft könnte unterm Strich fünf Millionen zusätzliche Arbeitsplätze schaffen: Während zwar sechs Millionen Jobs verloren gingen, entstünden in Zukunftsbranchen elf Millionen neue Arbeitsplätze. Die Hälfte der insgesamt nötigen Emissions-Einsparungen können mit bereits ausgereiften Technologien erreicht werden.

Der Umbau der europäischen Wirtschaft ist ein Generationenprojekt und erfordert eine Kraftanstrengung in allen Industrien und Regionen des Kontinents. Unsere Analyseergebnisse sind ermutigend: Sie zeigen, dass ein klimaneutrales Europa auch wirtschaftlich profitieren kann. Um die Ziele zu erreichen, müssen jährlich knapp 1.000 Milliarden Euro investiert werden. 800 Milliarden Euro entfallen auf Investitionen, die heute bereits getätigt werden – allerdings noch in kohlenstoffintensive Technologien wie Gas-Heizungen oder Dieselzugmaschinen – und zukünftig in CO2-arme Anwendungen umgelenkt werden müssten. Die jährlich zusätzlich nötigen Investitionen von 180 Milliarden Euro würden durch Einsparungen an anderer Stelle – z.B. durch geringere Rohölimporte – überkompensiert.

Unsere Analyse beschreibt einen für ganz Europa kostenoptimalen Weg in die Klimaneutralität. Die Belastungen und Vorteile betreffen alle Länder, Regionen und Branchen, aber nicht gleich verteilt. Im Grundsatz gilt: Die Klimaziele sind auf EU-Ebene gemeinsam einfacher zu erreichen als auf nationaler Ebene. Spaniens Emissionen beispielsweise sind aufgrund des starken Wirtschaftswachstums seit 1990 stärker gewachsen als die von Deutschland. Ein Ziel von minus 55% im Vergleich zu 1990 wäre daher für Spanien schwieriger zu erreichen als für Deutschland. Andererseits könnte Spanien um 2050 verbleibende Emissionen aus der deutschen Industrie durch günstige Erneuerbare oder negative Emissionen ausgleichen. Hier gilt es, politisch und gesellschaftlich entsprechende Anreize und Ausgleichsmaßnahmen zu finden. Dies reicht von direkten Subventionen und Anreize über CO2-Preise und Emissionshandelssysteme bis hin zu effektiver Unterstützung für Regionen und Industrien mit Beschäftigungsverschiebungen. Für die Akzeptanz der Maßnahmen ist besonders wichtig, dass sich die Kosten für die Bürgerinnen und Bürger Europas insgesamt nicht erhöhen würden. Heizen und Kühlen sowie Mobilität würden günstiger, während die Preise für Lebensmittel und Ferienflüge zunehmen könnten. Haushalte mit geringerem und mittlerem Einkommen würden sogar etwas entlastet, wohlhabende Haushalte etwas stärker belastet.

Dekarbonisierungspfade in den Sektoren unterscheiden sich

Ohne einen Wandel in der Ernährung (z.B. durch geringeren Fleischkonsum) sind hier Nullemissionen nicht machbar.

Hauke Engel

Der Energiesektor könnte nach unseren Berechnungen Mitte 2040 als erster auf Netto-Nullemissionen kommen. Dafür müssten vor allem Wind- und Solarenergie massiv ausgebaut werden, um die zu erwartende verdoppelte Stromnachfrage (z.B. durch Wasserstoffelektrolyse) zu decken. Die Ausbaurate von Solarkapazität müsste von heute 15 GW pro Jahr auf 44 GW ab 2030 steigen, die von Windenergie sich verdoppeln von heute 10 GW pro Jahr auf 24 GW pro Jahr ab 2030. Der Transportsektor könnte das Ziel 2045 erreichen – hierzu müssten in den kommenden zehn Jahren die Wertschöpfungsketten für Elektromobilität sowie die Ladeinfrastruktur in Europa rapide aufgebaut werden, so dass eine Verkaufsquote von 100% E-Fahrzeugen perspektivisch machbar ist. Transportmittel wie Schiffe und Flugzeuge müssten in der Folge auf Alternativen wie Bio- oder synthetische Kraftstoffe umgestellt werden. Gerade für Deutschland als starken Automobilstandort ist der Übergang in die CO2-freie Mobilität ein Kraftakt – aber kann langfristig ein großer Wettbewerbsvorteil sein.

Der Gebäudesektor könnte bis Ende 2040 klimaneutral werden – dafür muss bereits vorhandene Technologie wie z.B. Wärmepumpen flächendeckend eingesetzt werden. Viele Maßnahmen wie Dämmung, Isolierung und neue Wärmekonzepte lohnen sich eher langfristig. Daher sollten stärkere Anreize auch für Vermieter geschaffen werden, den Bestand zu modernisieren.

Die Industrie ist der Sektor, in dem die Kosten für die Dekarbonisierung am höchsten sind – daher erwarten wir hier die Neutralität auch erst 2050. Nicht vermeidbare Emissionen z.B. in der Schwerindustrie müssten durch natürliche CO2-Senken wie Wälder und Moore ausgeglichen werden. Das gleiche gilt in noch größerem Maße für die Landwirtschaft. Die Analyse zeigt: Ohne einen Wandel in der Ernährung (z.B. durch geringeren Fleischkonsum) sind hier Nullemissionen nicht machbar. Daher müssten auch hier entsprechende Ausgleichsmaßnahmen aus anderen Sektoren einbezogen werden.

Mehr als die Hälfte der Emissionsreduktion durch heute schon ausgereifte Technologie möglich

Was außerdem hoffnungsfroh stimmt: Drei Viertel der Maßnahmen, die wir bis 2030 umsetzen müssen, sind mit heute marktreifen Technologien machbar. Die Umstellung auf erneuerbar hergestellten Strom als Energieträger sowie Energieeffizienz sind die wesentlichen Hebel. Langfristig kommen pilotierte, aber noch nicht in der Breite eingesetzte Anwendungen wie Kohlenstoffabscheidung und -speicherung und Niedrigtemperaturheizungen auf Wasserstoffbasis hinzu. Zudem werden in der Studie keinerlei Verhaltensänderungen der Konsumenten unterstellt. Wenn europäische Bürger Veränderungen z.B. an ihren Ernährungs- oder Heizgewohnheiten vornehmen, könnte dies das Ziel der EU-Klimaneutralität sogar vereinfachen.

Die komplette Studie ist zum Download verfügbar unter: https://www.mckinsey.com/business-functions/sustainability/our-insights/how-the-european-union-could-achieve-net-zero-emissions-at-net-zero-cost

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    Peter Blidon

    vor 5 Monaten

    Der unten eingefügten Kommentar:

    Die Europäische Union kann das erklärte Ziel der Klimaneutralität bis 2050 ohne gesamtwirtschaftliche Mehrkosten erreichen. Es müssten jährlich zusätzliche 180 Milliarden Euro investiert werden, die jedoch durch Einsparungen an anderer Stelle kompensiert würden. Der grüne Umbau der europäischen Wirtschaft könnte unterm Strich fünf Millionen zusätzliche Arbeitsplätze schaffen: Während zwar sechs Millionen Jobs verloren gingen, entstünden in Zukunftsbranchen elf Millionen neue Arbeitsplätze. Die Hälfte der insgesamt nötigen Emissions-Einsparungen können mit bereits ausgereiften Technologien erreicht werden.

    Womit werden diese doch recht abenteuerlichen Behauptungen bewiesen??? Hört sich an, wie eine Absichtserklärung der GRÜNEN.

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