In drei Schritten zum Ziel: Wie Deutschland bis 2050 klimaneutral werden kann

Gastautor Portrait

Dr. Patrick Graichen

Agora Energiewende

Dr. Patrick Graichen hat Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft studiert und am Interdisziplinären Institut für Umweltökonomie der Universität Heidelberg über kommunale Energiepolitik promoviert. Von 2001 bis 2012 hat er im Bundesumweltministerium gearbeitet, zuletzt als Referatsleiter für Energie- und Klimapolitik. Bei Agora Energiewende startete er als stellvertretender Direktor. Im Januar 2014 trat er die Nachfolge von Rainer Baake als Direktor der Agora an.

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11. Januar 2021

Der designierte Präsident Biden wird es 2021 für die USA tun. China, Japan, Südkorea und Kalifornien haben es gerade verkündet. Deutschland hat sich letztes Jahr dazu bekannt. Die EU schreibt es in ihrem Green Deal fest und es werden viele folgen: Das Gebot der Stunde lautet Klimaneutralität. Das heißt, wir ersetzen in allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen Kohle, Öl und Gas durch Strom und Wasserstoff aus Erneuerbaren Energien. Innerhalb der nächsten 20 bis 30 Jahre sinken Deutschlands Emissionen so auf null. Damit wird Klimaneutralität zum Kompass bei allen kommenden Investitions- und volkswirtschaftlichen Entscheidungen: Sind Konjunkturpakete, Modernisierungen in deutschen Fabriken oder die energetische Sanierung, die eine Hausbesitzerin heute vornimmt, zielsicher, verfehlen sie Klimaneutralität bis 2050 oder wirken sie gar in die entgegengesetzte Richtung? Um Investitionsruinen zu vermeiden, muss die Entscheidung fortan auf die klimaneutrale Innovation fallen.

Für den klimaneutralen Umbau ist ein umfassendes Investitionsprogramm erforderlich, das den Ausbau der Erneuerbaren Energien prioritär vorantreibt, die weitgehende Elektrifizierung von Verkehr, Wärme und Industrie umfasst, die energetische Sanierung aller Gebäude beinhaltet und den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur anstößt. Der erfolgreiche Weg in die Emissionsfreiheit lässt sich in drei Schritte aufteilen.

Grafik: Agora Energiewende

Schritt 1: Minus 65% Treibhausgasemissionen bis 2030

Wind- und Solarstrom sind Motor dieser Entwicklung.

Dr. Patrick Graichen

Deutschlands erstes Etappenziel auf dem Weg zur Klimaneutralität lautet 65 Prozent weniger Treibhausgasemissionen bis 2030 gegenüber 1990. Das sind 10 Prozentpunkte mehr Ehrgeiz als die Bundesregierung sich bisher vorgenommen hatte. Und gleichzeitig Deutschlands Beitrag, um auf eine Erhöhung der EU-Klimaziele einzuzahlen – worauf sich die europäischen Staats- und Regierungschef*innen bis Ende 2020 einigen wollen.

Wind- und Solarstrom sind Motor dieser Entwicklung. Deshalb ist wesentlicher Bestandteil einer beschleunigten Klimapolitik der ebenso deutlich beschleunigte Zubau von Wind- und Solarstromanlagen: Er muss sich gegenüber heute verdreifachen. Das im aktuellen Entwurf des Erneuerbare-Energien-Gesetzes gesetzte Ziel eines Anteils von 65 Prozent Erneuerbaren Energien am Stromverbrauch im Jahr 2030 reicht für ambitionierteren und bezahlbaren Klimaschutz nicht aus, es müsste auf 70 Prozent erhöht werden – bei höherem Stromverbrauch als heute. Denn der steigt durch neue Verbraucher wie Elektroautos und Wärmepumpen.

Um den Strombedarf zu decken und gleichzeitig Emissionen zu mindern ist bei der Photovoltaik bis 2030 eine Verdreifachung der aktuell installierten Leistung auf 150 Gigawatt nötig. Bei Windkraft an Land muss sie von aktuell 54 auf 80 Gigawatt steigen. Die Windkraft auf See muss von derzeit knapp 8 auf 25 Gigawatt im Jahr 2030 wachsen. Im Gegenzug wird der Ausstieg aus der Kohleverstromung bereits bis 2030 abgeschlossen.

Schritt 2: Ausschließlich klimaneutrale Technik bis 2050

Das zweite Etappenziel liegt im Jahr 2050: 95 Prozent Emissionsminderungen dank dem konsequenten Einsatz von fossilfreien Technologien. Bis Mitte des Jahrhunderts kommt unser Strom aus 100 Prozent Erneuerbaren Energien. Grüner Wasserstoff wird in Back-up-Kraftwerken eingesetzt, die einspringen, wenn Wind- und Solaranlagen keinen Strom liefern können. In Industrieprozessen ist Grüner Wasserstoff an die Stelle von Kohle, Öl und Gas gerückt. Schiff- und Flugverkehr haben auf synthetische Kraftstoffe umgestellt. Der Gebäudebestand ist fast komplett saniert. Effizienzsteigerungen und Elektrifizierung führen dazu, dass sich einerseits der Stromverbrauch von jetzt 611 auf 960 Terawattstunden erhöht, während sich andererseits der Energieverbrauch halbiert.

Schritt 3: CO₂-Abscheidung und -Lagerung von nicht vermeidbaren Restemissionen

Zuletzt gilt es die Bergetappe zu bewältigen. Denn es bleiben Treibhausgasemissionen aus Landwirtschaft und Industrie übrig, die wir im letzten Schritt zur Klimaneutralität abscheiden und einlagern. Bei der Zementproduktion etwa entsteht während des Klinkerbrennens stets CO2. Um solche nicht vermeidbaren Emissionen zu neutralisieren, führt kein Weg an Abscheidung und unterirdischer Deponierung (Carbon Capture and Storage; CCS) vorbei. Restemissionen aus der Landwirtschaft werden ebenso mit CCS in Kombination mit der Nutzung von Biomasse kompensiert.

Schritt 3 im Detail: residuale THG-Emissionen und deren Kompensation in 2050

Grafik: Agora Energiewende

Mindestens genauso wichtig ist es, die Bürgerinnen und Bürger mitzunehmen.

Dr. Patrick Graichen

Ja, dieser Umbau wird eine Kraftanstrengung. Ohne diese werden wir aber das Pariser Abkommen nicht einhalten. Und das Jonglieren mit Zahlen und Zielen reicht längst nicht aus: Mindestens genauso wichtig ist es, die Bürgerinnen und Bürger mitzunehmen. Denn ein Energiesystem auf Basis dezentraler und kleinteiliger Erzeugungsanlagen rückt automatisch näher an unsere Lebenswelten heran. Es ist daher notwendig den Rückhalt für die Energiewende zu stärken. Dass für den Windkraft- und Solarausbau hohe Zustimmung in der Bevölkerung vorhanden ist, gerät oft in Vergessenheit, weil eine kleine, laute Gegnerschaft viel Aufmerksamkeit für sich beansprucht. Die politischen Bemühungen sollten sich jedoch darauf fokussieren, die breite Gruppe von Befürwortern und Unterstützerinnen zu aktivieren. Dafür muss die Regierung auch den Widerspruch zwischen formulierten Zielen und konkreten Maßnahmen auflösen und regulative Hemmnisse abbauen. Etwa um Windräder zu erhalten, die nach 20 Jahren aus der Ökostromförderung fallen. Dass deren etablierte Standorte wegen fehlender Rahmenbedingungen verloren gehen könnten, obwohl doch offensichtlich ist, dass die Flächendiskussion eine der kompliziertesten Themen ist, ist ein schwer verdaulicher Widerspruch. Ebenso dass für Solarpionier*innen kein Konzept für den Eigenverbrauch aus ausgeförderten Anlagen vorliegt.

Das Paradigma Klimaneutralität 2050 verlangt im Großen wie im Kleinen eine konsequente Ausrichtung auf die Transformation. Das ist die Herausforderung, die sich mit politischem Gestaltungsmut bewältigen lässt.

Mehr Infos zur Agora-Studie „Klimaneutrales Deutschland“ auf www.agora-energiewende.de

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    Peter Gabriel

    vor 6 Monaten

    Wieso endet jeder Beitrag von Fachleuten zur Energiewende abrupt dort, wo erklärt werden müsste, wie Wind- und Photovoltaik Kohle und Atom ersetzen werden. Auch sie wissen doch sicher, dass der Wind nicht immer weht und die Sonne nicht immer scheint. Weshalb also diese Wortkargheit an einer alles entscheidenden Stelle? Hier entscheidet sich an der Frage: Gibt es ein schlüssiges Konzept für diese Energiewende, ob Bürgerinnen und Bürger mitgenommen werden können oder nicht. Meine Zweifel wachsen jeden Tag durch die Erklärfaulheit der Fachleute. Oder habt ihr selbst außer viel Experimentierfreude einfach keine Ahnung?

    Musterschüler

    vor 1 Monat

    Dafür gibt es dann Kraftwerke, welche Mithilfe von nachhaltig produzierten Wasserstoff angetrieben werden.
    Ich glaube das es auch aufs richtige Verständnis ankommt, Herr Gabriel.
    Des weiteren liegt Ihnen hier ein herausgearbeites Konzept vor, welches auch sehr schlüssig ist, da der Autor damit wirbt, daß viele Bürger bereit dazu sind auf erneuerbare Energien umzuschalten. Dadurch möchte er auch der Regierung zeigen, dass diese die erneuerbaren Energien lukrativer wirken lassen müssen, da die Deutschen meiner Erfahrung nach nur an Profit denken usw.

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