Fleischkonsum und die katastrophalen Auswirkungen auf unser Klima

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Inka Dewitz

Referentin für Internationale Ernährungspolitik, Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin

Inka Dewitz arbeitet seit 2017 in der Heinrich-Böll-Stiftung im Team Internationale Agrarpolitik. Sie studierte internationale Agrar- und Entwicklungspolitik an der Humboldt-Universität Berlin und Produktion am Filmhaus Köln/ HFF Babelsberg. Sie arbeitete als Radio- und Fernsehproduzentin und produzierte preisgekrönte Dokumentarfilme.

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03. September 2020

Seit vielen Jahren belegen wissenschaftliche Studien, dass sich ein reduzierter Fleischkonsum positiv auf unser Klima und unsere Gesundheit auswirkt. Auch wenn der Fleischkonsum weltweit steigt, sind in Deutschland viele Verbraucher*innen bereit ihr Konsumverhalten zu verändern um Klima und Tiere zu schützen. Die Konsumänderungen bringen aber nichts, wenn die Produktion gleich bleibt und die Exporte aus Deutschland steigen. Darum müssen sich die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen ändern, um die globale Erwärmung auf 1,5 ° C zu begrenzen.

Intensive Landwirtschaft als Verursacher von Klimawandel

Die Landwirtschaft gehört zu den Hauptverursachern des Klimawandels.

Inka Dewitz

Die Landwirtschaft gehört zu den Hauptverursachern des Klimawandels. Fleisch und Milchprodukte stehen im Rampenlicht der Klimakrise. Das IPCC, die größte wissenschaftliche Organisation von Klimaforschern, kommt zu dem Schluss, dass das Nahrungsmittelsystem bis zu 37% aller vom Menschen verursachten Treibhausgase ausmacht und dass die Nutztierhaltung wesentlich dazu beiträgt.

Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen ist die industrielle Tierhaltung für rund 15 % der von Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Dabei geht es nicht nur um das von Rindern und anderen Wiederkäuern ausgestoßene Methan – auch der massive Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden, die Abholzung von Regenwald für die Produktion von Soja, die Umwandlung von Wiesen in Ackerland und die Trockenlegung von Feuchtgebieten tragen maßgeblich zur Erderwärmung bei.

Treibhausgas-Emissionen der industriellen Tierhaltung

Treibhausgase aus der industriellen Tierhaltung sind überwiegend Methan und Lachgas. Methan wird von Wiederkäuern wie Rindern in ihren Mägen produziert und ist rund 25-mal klimaschädlicher als CO2. Die andere große Quelle für klimaschädliche Gase kommt aus dem Boden. Um ausreichend Futter für die Nutztiere herzustellen, werden immer mehr Wald in Weideflächen und Weiden in Ackerland umgewandelt. Dabei wird das im Boden gespeicherte CO2 in die Atmosphäre abgegeben. Außerdem entsteht in der intensiven Nutzung Lachgas – vor allem über Stickstoffdünger, der auf die Felder ausgebracht wird. Ein Teil des ausgebrachten Stickstoffdüngers wird von den Pflanzen nicht aufgenommen. Kommt das Nitrat mit Sauerstoff in Verbindung entsteht daraus Lachgas und entweicht als Treibhausgas in die Atmosphäre. Eine Tonne Lachgas entwickelt eine 300 Mal stärkere Klimawirkung als Kohlendioxid, trägt sechs bis sieben Prozent zum weltweiten Treibhauseffekt bei und greift die Ozonschicht an. Alles in allem schätzte das Umweltbundesamt 2017, dass die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch bis zu 28 kg Treibhausgase verursacht, bei Obst und Gemüse sind es weniger als ein Kilogramm.

Moore als effektivsten CO2-Speicher weltweit

Pflanzen und Böden sind in der Lage, CO2 zu speichern und können, wenn sie nachhaltig genutzt werden, dem Klimawandel entgegenwirken. So sind zum Beispiel Moore die effektivsten CO2-Speicher, die es auf der Erde gibt. Moore bedecken nur 3 Prozent der Erdoberfläche aber speichern in ihrem Torf mehr CO2 wie der gesamte Wald aller Kontinente. Doch Moore können CO2 nur speichern so lange sie intakt sind. Die Menschen haben Moore seit Jahrhunderten trockengelegt um sie als Weideland zu bewirtschaften. Gerät der Torf in Kontakt mit Sauerstoff gibt er im Laufe weniger Jahrzehnte das Kohlendioxid an die Atmosphäre ab, das über Jahrtausende gespeichert wurde. 43 Millionen Tonnen CO2, so informieren Wissenschaftler*innen vom Greifswald Moor Centrum, entweichen allein in Deutschland Jahr für Jahr aus trockengelegten Mooren. 7 Prozent der gesamten Agrarfläche in Deutschland verursachen damit 57 Prozent der Emissionen des Agrarsektors. Die ökologischen Schäden belaufen sich auf sieben Milliarden Euro pro Jahr.

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Moor muss nass! Erklärfilm des Greifswald Moor Centrum.

Abholzung, Monokulturen und Pestizideinsatz

Gleichzeitig werden für die weltweit steigende Fleischproduktion Wälder abgeholzt oder gerodet um Weiden zu schaffen und Futterpflanzen anzubauen. Jedes Jahr wird die Ackerfläche für den Futtermittelanbau größer. Für Soja lag die Anbaufläche 1997 bei 67 Millionen Hektar, inzwischen sind es 120 Millionen. Nur drei Länder – die USA, Argentinien und Brasilien – produzieren zusammen etwa 80 Prozent der weltweiten Sojabohnen, die vor allem als Futtermittel eingesetzt werden. Im Jahr 2018 wurde Brasilien mit einer Produktionsfläche von mehr als 36 Millionen Hektar der größte Sojaproduzent der Welt. Aber nicht nur die Auswirkungen auf das Klima sondern auch auf die Biodiversität sind gravierend.

In den riesigen Soja-Monokulturen wird flächendeckend das Totalherbizid Glyphosat eingesetzt. Pro Hektar hat sich der Einsatz von Pestiziden in Brasilien seit 1990 um das Sechsfache erhöht. Knapp 25 Prozent der importierten Pestizide kommen aus Europa. Mehr als 33 Prozent der in Brasilien eingesetzten Pestizide sind hochtoxisch für Bienen und aufgrund ihrer Wirkung auf Gesundheit und Ökologie in der EU nicht zugelassen. Brasilien gehört zu den arten- und insektenreichsten Ländern der Erde. Von den weltweit bald eine Million klassifizierten Insektenarten beheimatet es etwa neun Prozent. Anstatt diese Vielfalt zu schützen, erlebt Brasilien unter der Regierung Bolsonaros die Aufweichung der Umweltgesetzgebung.

Klimaemissionen der großen Agrarkonzerne

Fleisch ist big business, nicht nur in Brasilien. Unsere Nahrungsmittelsysteme werden zu großen Teilen von der Agrarindustrie kontrolliert. In einer gemeinsamen Studie des Institute for Agriculture and Trade Policy (IATP) und der Umweltorganisation Grain wurden erstmals die Klimaemissionen der 35 größten Fleisch- und Milchunternehmen der Welt veröffentlicht. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die fünf größten Fleisch- und Molkereikonzerne bereits heute für mehr Treibhausgas-Emissionen pro Jahr verantwortlich sind als einer der Ölkonzerne Exxon-Mobil, Shell oder BP.

Die Forscher*innen errechneten, wie viele Emissionen in allen Produktionsabläufen anfallen, bei der Aufzucht der Tiere, der Rodung von Wäldern sowie der von den Tieren produzierten Methan- und Güllemengen. Auf Platz eins steht das brasilianische Unternehmen JBS, als größter Fleischkonzern der Welt. Er verursacht die meisten Treibhausgase, gefolgt von den drei US-amerikanischen Unternehmen Tyson Foods, Cargill und Dairy Farmers. Zwölf der klimaschädlichsten Unternehmen haben ihren Hauptsitz in Europa, darunter das Deutsche Milchkontor auf Platz 21 und der Fleischkonzern Tönnies auf Platz 24. Die Studie hebt hervor, dass nur sehr wenige Unternehmen ihre Emissionen melden, geschweige denn in den Produktionsabläufen berücksichtigen. Ihre Klimaziele sind nicht vergleichbar und die Reduktionsbemühungen völlig freiwillig. Eine derart schlechte Rechenschaftspflicht der Agrarindustrie wird nicht die dringend erforderlichen Klimaschutzmaßnahmen liefern.

Viele Regierungen geben große öffentliche Mittel aus und schaffen politische Anreize für Unternehmen, die die globale industrielle Fleisch- und Futtermittelproduktion ausbauen. Im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) fließen 40% des EU-Haushalts in die Landwirtschaft. Das sind jährlich fast 60 Milliarden Euro. Davon fließen pro Jahr rund 5 Milliarden Euro als Direktzahlungen nach Deutschland. Da sie pauschal pro Hektar landwirtschaftlicher Fläche ausgezahlt werden – etwa 280 Euro je Hektar –, profitieren flächenstarke Betriebe davon am meisten. So gut wie keine Rolle spielt, wie ökologisch vorteilhaft die Fläche bewirtschaftet und wie tiergerecht das Vieh gehalten wird.

Politik für eine klima- und insektenfreundlichen Landwirtschaft

Derzeit wird eine neue Ausgestaltung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) nach 2020 verhandelt. Die europäischen Regierungen müssen in der Ausgestaltung der neuen GAP auf die Forderungen der europäischen Bürger*innen und Jugendlichen reagieren, die auf die Straße gehen und Klimaschutzmaßnahmen fordern. Dazu gehören eine besonders tier- und umweltgerechte Tierhaltung und eine umwelt- und klimaschonende Nutzung von Acker- und Grünland. Aufgabe der Politik ist es strengere Regeln und Gesetze für den Einsatz und Verkauf von Pestiziden und Düngemitteln festzulegen, die Umweltschutzgesetzgebung zu stärken und die Tierschutz- Nutztierhaltungsverordnung im Sinne des Tierwohls zu verbessern. Es gibt einen großen öffentlichen Druck, die Direktzahlungen an gesellschaftliche Leistungen und nicht an Flächen zu binden. Bauern und Bäuerinnen brauchen finanzielle Unterstützung bei der Umsetzung einer klima- und insektenfreundlichen Landwirtschaft. Die EU ist einer der größten landwirtschaftlichen Produzenten und Exporteure der Welt mit der Macht, einen anderen globalen Weg einzuschlagen – und Vorreiter für andere Länder zu sein.

Essen für eine klima- und insektenfreundlichen Landwirtschaft

Weniger Fleischkonsum würde den Flächenbedarf senken, das Klima schützen und wirkt sich positiv auf unsere Gesundheit aus.

Inka Dewitz

Doch auch die Konsumenten können etwas tun um eine klimagerechte Landwirtschaft zu stärken. Einerseits indem sie Produkte kaufen, die aus ökologischer und nachhaltiger Landwirtschaft stammen, und andererseits indem sie weniger tierisches Protein und mehr pflanzliches Protein zu sich nehmen. Der Fleischkonsum in den Industrieländern ist extrem hoch. Hier konsumieren 20 Prozent der Weltbevölkerung etwa 40 Prozent der globalen Produktion. Weniger Fleischkonsum würde den Flächenbedarf senken, das Klima schützen und wirkt sich positiv auf unsere Gesundheit aus. Der Planet kann alle satt machen, wenn die Menschen in den Industrieländern weniger Fleisch essen und die Nachfrage in den bevölkerungsreichsten Schwellen- und Entwicklungsländern nicht drastisch ansteigt.

„Dieselbe Strecke Landes, welche als Wiese, d.h. als Viehfutter, zehn Menschen durch das Fleisch der darauf gemästeten Tiere aus zweiter Hand ernährt, vermag, mit Hirse, Erbsen, Linsen und Gerste bebaut, hundert Menschen zu erhalten und zu ernähren.“

Der Universalgelehrte Alexander von Humboldt erkannte bereits im 19. Jahrhundert die Auswirkungen intensiver Landnutzung auf Umwelt und Klima. Die Sprache dieses Zitates wirkt antiquiert, aber der Inhalt dieser Aussage ist hochaktuell.

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    Lia

    vor 4 Wochen

    Guten Tag Frau Dewitz,
    Ich interessiere mich sehr für dieses Thema und fand Ihren Artikel sehr informativ.
    Außerdem habe ich die Auswirkung von dem Fleischkonsum auf den Klimawandel zu meinem Abitur Thema gemacht.
    Ich habe eine Frage, was denken Sie: Wie müsste die Fleischproduktion verändert werden, um dem Klimawandel entgegenzukommen?
    Liebe Grüße
    Lia

    Franziska Fahrbach

    vor 4 Wochen

    Hallo Lia, vielen Dank für Ihren Kommentar und Ihr Interesse am Thema. Zum Thema Fleischproduktion und klimagerechtere Wege empfehle ich Ihnen die Publikationen des Bundesamt für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. In diesem Artikel wird bspw. auf die Möglichkeiten einer "Fleischsteuer" oder der Herstellung von In-vitro-Fleisch verwiesen: https://bit.ly/3eunzNo

    Viele Grüße aus der Redaktion,
    Franziska Fahrbach

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