Corona-Krise – historische Wende für den Klimaschutz?

Gastautor Portrait

Dr. Thomas Unnerstall

Selbständiger Berater und Autor

Dr. Thomas Unnerstall ist selbständiger Berater und Autor. Der promovierte Physiker war von 2010 bis 2016 Mitglied des Vorstands der N-ERGIE Aktiengesellschaft. Seine berufliche Laufbahn begann er 1991 im Umweltministerium Baden-Württemberg. Ab 1995 hatte er verschiedene leitende Positionen bei der EnBW Energie Baden-Württemberg AG inne, u.a. als Leiter der Vertriebsabteilung „Stadtwerke“. 2002 wechselte er als Geschäftsführer für die Bereiche Vertrieb, Handel und Energiewirtschaft zur Stadtwerke Karlsruhe GmbH.

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13. Mai 2020

Die Gefahr eines unkontrollierbaren Verlaufs der Corona-Pandemie scheint jedenfalls in Deutschland gebannt, und die Aufmerksamkeit gilt jetzt den Szenarien, wie die Zeit bis zu einem Medikament/Impfstoff aussehen könnte. Zunehmend wird aber auch schon diskutiert, welche längerfristigen Folgen diese einschneidende Erfahrung haben wird. Dabei gibt es viele offene Fragen. Aber zumindest zwei Prognosen kann man wagen.

Die erste Prognose

Es ist geradezu zwingend, diese Lehre auf die Klimaproblematik zu übertragen.

Dr. Thomas Unnerstall

Die Menschheit bekommt gerade mit kaum zu überbietender Klarheit vor Augen geführt, wie unendlich mühsam, teuer und leidvoll es ist, eine bekannte, wissenschaftlich vorhergesagte Bedrohung zu unterschätzen und verspätet auf ihre Manifestation zu reagieren. Wir bekommen insbesondere gerade vor Augen geführt, wie wichtig die zeitliche Dimension sein kann: Im Falle von Corona sind es wenige Monate, ja wenige Wochen, die einen entscheidenden Unterschied gemacht haben/hätten.

Es ist geradezu zwingend, diese Lehre auf die Klimaproblematik zu übertragen. Es kann ja kein Zweifel daran bestehen, dass die Folgen des Klimawandels ungleich schwerwiegender, länger andauernder und unkontrollierbarer sind als diejenigen von Corona. Corona wird in spätestens zwei Jahren – wenn der Impfstoff zur Verfügung steht – überwunden sein; der Klimawandel lässt sich, wenn überhaupt, nur mit ungeheuren Anstrengungen über viele Jahre wieder zurückdrehen. Unser Gesundheitssystem mag jetzt einige Monate lang in Gefahr einer Überbeanspruchung sein; aber, um nur ein Beispiel zu nennen, unser Wasserversorgungssystem wird in spätestens 15, 20 Jahren permanent der Gefahr einer Überbeanspruchung ausgesetzt sein.

Es wird daher noch einmal viel mühsamer, sehr viel teurer, unvorstellbar viel leidvoller als bei Corona sein, wenn die Menschheit die bekannte, wissenschaftlich vorhergesagte Bedrohung durch den Klimawandel (weiter) unterschätzt, (weiter) verspätet auf seine Manifestationen rund um den Globus reagiert. Und auch beim Klimaschutz ist die zeitliche Dimension fundamental: Aufgrund der möglichen Kipppunkte im Klimasystem können wenige Jahre einen entscheidenden Unterschied machen.

Diese Folgerung aus der Corona-Erfahrung ist so offensichtlich, so unabweisbar, dass sie die politische und gesellschaftliche Klimaschutzdebatte nachhaltig beeinflussen dürfte.

Die zweite Prognose

Und was ist mit uns? Was ist mit dem Klimaschutz?

Die zweite Prognose betrifft das Verhältnis der Generationen in der Gesellschaft. Es ist ja beeindruckend, wie entschlossen und mit welch‘ gewaltigem Einsatz staatlicher Mittel die Bundesregierung auf die Corona-Pandemie reagiert hat. Im Zentrum steht dabei die Sorge um die ältere Generation – und die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung über alle Generationen hinweg trägt diese Politik und den Lockdown mit.
Aber die junge Generation wird die Frage stellen, im Moment noch leise, aber sicherlich bald immer unüberhörbarer: „Und was ist mit uns? Was ist mit dem Klimaschutz?
Wie kann es sein, so werden die Jüngeren fragen, dass zur Abwendung einer unmittelbaren gesundheitlichen Bedrohung vor allem für die älteren unter uns derartige Einschränkungen, derartige wirtschaftlichen Einschnitte ohne große Diskussionen in Kauf genommen werden – aber nicht, wenn es um die Bedrohung unserer zukünftigen Lebensbedingungen geht? Wie kann es sein, dass 2019 nach quälend langen Debatten ein Klimapaket verabschiedet wurde, das weit hinter den Empfehlungen der Wissenschaft zurückblieb, hingegen jetzt den wissenschaftlichen Empfehlungen so uneingeschränkt und unmittelbar gefolgt wird? Wie kann es also sein, dass die Regierung derart unterschiedliche Maßstäbe anlegt?

Diese Forderung nach Generationengerechtigkeit wird im Raum stehen; und auch sie wird letztlich unabweisbar sein.

Fazit

Beide Aspekte zusammen werden sich insbesondere auswirken auf die so weit verbreitete Grundhaltung: „Klimaschutz ja, aber nicht auf Kosten von Wirtschaftswachstum/von Wohlstand/von Arbeitsplätzen“. Diese Haltung stand schon vor Corona argumentativ auf tönernen Füßen; in Zukunft jedoch wird sie in einem ganz anderen Licht erscheinen, sie wird kaum noch akzeptabel sein – auch für viele ihrer bisherigen Verfechter selbst nicht. Schon jetzt wirken einzelne Vorstöße, man möge angesichts der wirtschaftlichen Probleme durch Corona doch die Klimaziele erst einmal hintenanstellen, seltsam aus der Zeit gefallen.

Nein, die Regierung wird im Gegenteil beim Klimaschutz deutlich konsequenter und engagierter handeln müssen als bislang. Das erzwungene „Innehalten“ durch Corona kommt ihr dabei entgegen: es ist einfacher, der Wirtschaft bei einem (teilweisen) Neustart eine klimafreundliche Richtung zu geben als sozusagen im vollen Lauf das Ruder zu drehen. Darauf haben viele Kommentatoren und Institutionen in den letzten Tagen bereits hingewiesen, und es liegen schon jetzt gute konkrete Vorschläge dazu auf dem Tisch.

Wenn diese Prognose zutrifft (nicht nur für Deutschland, sondern auch für wichtige andere Länder), dann könnte sich die Corona-Krise trotz des aktuellen Leids rund um den Globus längerfristig als historische Wende für den Klimaschutz erweisen – im Sinne eines notwendigen, gerade noch rechtzeitigen Weckrufes.

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    Jörg Nathusius

    vor 2 Monaten

    https://deepresource.wordpress.com/2020/04/29/more-solar-price-erosion-abu-dhabi-2-gw-1-24-eurocent-kwh/

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