COP27-Gastgeberland: Was sind die aktuellen energiepolitischen Herausforderungen Ägyptens?

Sara Grambs

Young European Leadership, YEL

Aus Sharm El-Sheikh berichtet Energie-Reporterin Sara Grambs von der NGO Young European Leadership, einer gemeinnützigen und überparteilichen Non-Profit Organisation, auf unserem Blog von Ihren Eindrücken, Hoffnungen und Wünschen für die Konferenz. Sara Grambs absolviert derzeit den Master Studiengang International Development Studies an der Universiteit van Amsterdam (UVA) und hält einen B.Sc. in Politikwissenschaft der Technischen Universität in München (TUM).

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07. November 2022

Seit Sonntag, den 6. November 2022, blickt die Welt gespannt nach Sharm El-Sheikh, zur 27. UN-Klimakonferenz. Die „Conference of the Parties“ ringt um eine internationale Einigung über den Umgang mit dem Klimawandel. Neben Zehntausenden von Verhandlungsführenden, Regierungsvertretenden, Unternehmen und Bürger*innen werden auch führende Politiker*innen nach Ägypten kommen, um zwölf Tage lang zu verhandeln. Aus Sharm El-Sheikh berichtet Energie-Reporterin Sara Grambs von der NGO Young European Leadership, einer gemeinnützigen und überparteilichen Non-Profit Organisation, auf unserem Blog von Ihren Eindrücken, Hoffnungen und Wünschen für die Konferenz.

Ab dem 06. November 2022 werden sich alle Augen auf Ägypten richten. Denn Ägypten ist Gastgeberland der 27. Conference of Parties (kurz: COP), eine internationale und multilaterale Verhandlung der UNFCCC (United Nations Framework Convention on Climate Change) mit dem Zweck, den Klimawandel zu stoppen und dessen drastische Effekte auf die Natur, Gesellschaft und das zukünftige Leben auf der Erde zu reduzieren. Während der zweiwöchigen Verhandlungen im Küstenort Sharm el-Sheikh treffen sich Diplomat*innen, Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen, Staatsoberhäupter und viele mehr, um einen Konsens in den drei übergreifenden Dimensionen der Klimapolitik zu finden: Milderung der globalen Erwärmung durch die Reduktion von Emissionen (Mitigation), Klimawandelanpassung (Adaptation) und Kompensation von nicht-vermeidbaren Verlusten und Schäden, die durch die Klimakrise entstehen (Loss-and-damage).

Doch bevor wir mit dem Report über das aktuelle Geschehen auf der COP27 beginnen, interessiert uns die Rolle des diesjährigen Gastgeberlandes. Wie geht die Energiewende in einem Land mit über 104 Millionen Einwohner*innen voran? Und welchen Effekt hat das auf die kommenden Klimaverhandlungen und die internationale Gemeinschaft? All dies muss berücksichtigt werden, um zu verstehen, aus welcher Position Ägypten in der Energiewende und in der globalen Klimapolitik agiert.

Erneuerbare und fossile Energieträger in Ägypten

Aufgrund der vielen ungenutzten und unfruchtbaren Flächen in Ägypten eignen sich insbesondere Solar- und Windkraftanlagen für den Ausbau der erneuerbaren Energien.

Sara Grambs

Es war einmal ein Land, in dem die Sonne täglich auf die weite Wüste scheint und der Wind über den Golf von Suez bläst… So ähnlich könnte ein nachhaltiges Märchen über die erneuerbaren Energien in Ägypten beginnen. Doch wie groß ist der Fortschritt in der Nutzung und im Ausbau der erneuerbaren in Ägypten in der Realität?

Aufgrund der vielen ungenutzten und unfruchtbaren Flächen in Ägypten eignen sich insbesondere Solar- und Windkraftanlagen für den Ausbau der erneuerbaren Energien. In den vergangenen Jahren haben sich die Investitionen im klimafreundlichen Energiesektor stets erhöht und so soll sich der Anteil der „Erneuerbaren“ am Energiemix 2022 auf bis zu 20% steigern (1). Verträglich mit dem Prinzip einer gerechten Energiewende, beschloss die ägyptische Regierung, sozialverträgliche Subventionen zu errichten und private Akteure im Markt einzubeziehen (1). Auch Pläne zur Errichtung von Kohlekraftwerken wurden verhindert (2).

Die nachhaltigen Investitionen fallen jedoch deutlich geringer aus im Vergleich zu den hohen Subventionen in fossile Energieträger (2). Auf dem gesamten afrikanischen Kontinent ist Ägypten der zweitgrößte Produzent von fossilem Gas und für insgesamt über einen Drittel des Gesamtverbrauchs von Gas verantwortlich (2). Die Strategie ist also von anderen fossilen Energieträgern abzukehren und den Konsum von Gas in allen Sektoren voranzutreiben. Dies birgt das Risiko, sich von fossilem Gas abhängig zu machen. Zudem resultieren die niedrigen Energietarife in der Industrie und fehlende Anreize bei Privathaushalten darin, dass die Praktik des Energiesparen noch keinen großen Stellenwert in der Gesellschaft einnimmt (1).

Neben den großen Investitionen in Solar- und Windenergie sind auch Staudämme auf dem Nil zur Gewinnung von Wasserkraft von Bedeutung. Der große Aswan High Dam hat eine Kapazität von rund 2100 Megawatt zur Gewinnung von Elektrizität (3). Da der Nil der längste Fluss Afrikas ist und durch 5 Länder fließt, ist dessen wirtschaftliches und energetisches Potenzial auch von geopolitischer Bedeutung. Die bisherige Nutzung dieser Ressource hat teilweise drastische Effekte auf die Umwelt hinterlassen und unter Anderem großflächige Erosionen und Fischsterben verursacht (3).

Zuletzt hat die ägyptische Regierung außerdem angekündigt, ambitionierte Strategien für die Produktion und Nutzung grünen Wasserstoffs (Green Hydrogen) auf dem COP27 vorzustellen. Ziel ist es, ein internationales Rahmenabkommen zum Handel von Green Hydrogen zu schaffen, um diese Energien vorzugsweise an Nachbarländer oder die EU zu exportieren (4). Kritiker*innen erinnern in diesem Zuge daran, dass die größte Herausforderung hinter Wasserstoff-Technologien nicht die Produktion ist, sondern es noch wissenschaftliche und technische Lücken in der effektiven Speicherung und dem Transport der Ressource gibt (4). Ob der Sprung zu einem internationalen Abkommen tatsächlich gelingen wird, werden wir erst in den kommenden Wochen erfahren.

Ägyptische Strategie zur Bekämpfung der Klimakrise

Insgesamt wird Ägyptens Strategie wohl eher zu einem Anstieg anstelle einer Reduktion von Emissionen bis 2030 führen und dadurch zu einer globalen Erwärmung von 2-4°C beitragen.

Sara Grambs

Erst im Juni 2022 verschärfte die ägyptische Regierung seine Intentionen, im Kampf gegen den Klimawandel beizutragen. Durch eine Aktualisierung seiner NDC (Nationally Determined Contribution), also einer Überarbeitung und Verstärkung seiner Emissionsreduktionsziele bis 2030, erfüllt Ägypten eine politischen Forderung die aus dem Glasgow-Climate-Pact des COP26 hervorging (5). Die aktualisierten ägyptischen Ziele bis 2030 beinhalten nun eine Reduktion von Treibhausgasen im Öl- und Gassektor um 65% (verglichen zum Business-as-usual-Szenario), eine Reduktion von 7% Treibhausgasemissionen im Transportsektor, den Ausbau und die Nutzung von erneuerbaren Energien in der ansässigen Industrie und die nachhaltigere Konstruktion von Städten und Gebäuden (6). Auch im Tourismussektor und im Abfallmanagement werden positive Veränderungen angestrebt (6).

Dennoch beurteilen neutrale Beobachterinstanzen wie der Climate Action Tracker die aktualisierten Motivationen Ägyptens weiterhin als sehr unzureichend (‘highly insufficient’) (2). Es wird kritisiert, dass die angekündigten Maßnahmen der NDC unzureichend und somit nicht kompatibel mit dem 1,5°C-Ziel des Pariser Abkommens sind (2). Außerdem wird bemängelt, dass die NDC intransparent gestaltet ist und eine quantitative Bewertung der Fortschritte Ägyptens dadurch einschränkt ist (2). Insgesamt wird Ägyptens Strategie wohl eher zu einem Anstieg anstelle einer Reduktion von Emissionen bis 2030 führen und dadurch zu einer globalen Erwärmung von 2-4°C beitragen (2). Zum Vergleich: Die Klimastrategie der regierenden Ampel-Koalition in Deutschland oder die der EU wird aktuell als unzureichend (‘insufficient’) kategorisiert, während die Klimastrategien von, unter Anderen, United Kingdom, Costa Rica und Nigeria als fast ausreichend eingestuft werden (‘almost sufficient’) (7). Bisher gibt es kein Land, dessen Klimaziele und politische Maßnahmen mit den notwendigen Forderungen zur Einhaltung des 1,5°C-Ziel des Pariser Abkommens vereinbar sind (7).

Da die Uhr tickt und effektive und effiziente Entscheidungen der internationalen Staatengemeinschaft so dringlich wie noch nie getroffen werden müssen, ist hohe Aufmerksamkeit auf den COP27 gerichtet. Trotz den bisher unzureichenden NDCs Ägyptens wird gehofft, dass der COP27-Gastgeber eine effektive diplomatisch-vermittelnde Rolle einnehmen wird, die zu den bestmöglichen Ergebnissen für das Klima und den Betroffenen von Klimakatastrophen führt.

 

Quellen

  1. Deutsche Botschaft in Kairo (2022): Erneuerbare Energien. Online verfügbar unter https://kairo.diplo.de/eg-de/themen/06-Wz/-/1495650.
  2. Climate Action Tracker (2022): Egypt. Online verfügbar unter https://climateactiontracker.org/countries/egypt/.
  3. Britannica (2022): Nile River. Online verfügbar unter https://www.britannica.com/place/Nile-River/Dams-and-reservoirs.
  4. Matalucci (2022): Egypt to announce ambitious hydrogen strategy. Online verfügbar unter https://www.dw.com/en/hydrogen-economy-egypt-to-announce-ambitious-h2-strategy/a-63466879.
  5. United Nations Climate Change (2021): The Glasgow Climate Pact – Key Outcomes from COP26. Online verfügbar unter https://unfccc.int/process-and-meetings/the-paris-agreement/the-glasgow-climate-pact-key-outcomes-from-cop26.
  6. UNFCCC (2022): Egypt’s first updated Nationally Determined Contributions. Online verfügbar unter https://unfccc.int/sites/default/files/NDC/2022-07/Egypt%20Updated%20NDC.pdf.pdf.
  7. Climate Action Tracker (2022): Countries Overview. Online verfügbar unter https://climateactiontracker.org/countries/.

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