Klasse statt Masse – Wie Ökolandbau das Klima schützt

Gastautor Portrait

Gerald Wehde

Geschäftsleiter Agrarpolitik und Kommunikation, Bioland e.V.

Der studierte Diplom-Agrar-Ingenieur ist seit über 20 Jahren bei Bioland tätig. Die ersten sieben Jahre als Landesgeschäftsführer Bioland Hessen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen. Seit 2006 ist Gerald Wehde beim Bioland e.V. als Geschäftsleiter Agrarpolitik und Kommunikation tätig.

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14. September 2020
Ökolandbau
Weidehaltung © Sonja Herpich/Bioland

Um der Klimakrise zu begegnen, muss die Landwirtschaft sich verändern. Mit dem milliardenschweren Etat der EU-Agrarpolitik könnte in der nächsten Förderperiode ab 2023 mit einem zukunftssichernden Umbau für mehr Umwelt- und Klimaschutz begonnen werden. Dazu müsste ein Großteil der Gelder, die aktuell in pauschalen Flächenprämien ausgezahlt werden, vielmehr jene Bäuerinnen und Bauern unterstützen, die sich für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen, das Gemeinwohl und den Tierschutz einsetzen.

Denn die Landwirtschaft ist nicht nur Opfer der Klimakrise, sondern auch mitverantwortlich. Rund zehn Prozent der gesamten Treibhausgas-Emissionen in der EU rechnen Klimaforscher der Landwirtschaft an. Daher muss diese in Zukunft emissionsärmer und gleichzeitig resilienter gegenüber den Veränderungen der Wetterlagen werden. Der Ökolandbau hat zahlreiche Werkzeuge an der Hand, deren Einsatz einen bedeutenden Beitrag für die Stabilisierung des Klimas leisten kann.

Biolandbau ist angewandter Klimaschutz

Bauern können die Klimakrise lindern, indem sie Böden gesund halten, viel Humus aufbauen und dadurch Kohlenstoff aus der Atmosphäre ziehen und im Boden speichern.

Gerald Wehde

Das Öko-Institut hat berechnet, wie viel Treibhausgasemissionen eingespart werden könnten, wenn bis 2030 20 Prozent der Agrarfläche auf Biolandbau umgestellt würden. Nämlich ein jährliches Reduktionspotenzial von stattlichen 2,6 bis 4,1 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten. Berechnet wurden dabei die geringeren Lachgasemmissionen aus den Böden, durch den Verzicht auf Mineraldünger, die eingesparten Emissionen, die bei der Produktion der Mineraldünger entstehen sowie die CO2-Bindung durch Humusaufbau.

Bauern können die Klimakrise lindern, indem sie Böden gesund halten, viel Humus aufbauen und dadurch Kohlenstoff aus der Atmosphäre ziehen und im Boden speichern.

Weil die Wetterextreme zunehmen, ist es gut möglich, dass in den nächsten Jahren Starkregen und Staunässe auf den Feldern das vorherrschende Problem sein werden. Allein auf Pflanzen zu setzen, die Trockenheit relativ gut vertragen, ist dabei keine Lösung.

Vielfalt statt Spezialisierung

Die Landwirtschaft muss vielfältiger werden. Wer mehr und unterschiedliche Fruchtarten anbaut, zu unterschiedlichen Zeiten sät und erntet, dessen Risiko sinkt, bei Wetterkapriolen die gesamte Ernte zu verlieren und die Bodenqualität dankt es.

In den vergangenen Jahren haben sich die Betriebe immer mehr spezialisiert. In der globalen Wirtschaft ist es beispielsweise günstiger, proteinhaltiges Viehfutter aus Südamerika zu importieren als es selber anzubauen. Die Kehrseite: Es werden kaum mehr heimische Eiweiß-Futterpflanzen kultiviert. Schlecht fürs Klima, weil Urwald in Südamerika dafür abgeholzt wird und weil dadurch kaum noch Leguminosen, Eiweiß-Pflanzen wie Erbse oder Lupine, auf hiesigen Äckern angebaut werden, die Stickstoff aus der Luft im Boden binden. Ganzjährig bepflanzte Felder mit vielfältigen Fruchtfolgen sind gut für den Boden und für das Klima.

Weniger Fleisch essen

Wenn hier jeder nur die Hälfte essen würde, aber dafür Bio, wäre viel getan.

Gerald Wehde

In der Rechnung des Öko-Instituts ist die in der Umstellung auf Bio oftmals notwendige Abstockung der Tierbestände noch nicht berücksichtigt, obwohl auch hier ein beträchtliches Potential für den Klimaschutz liegt.

In unserem Land wird doppelt so viel Fleisch gegessen, wie von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung für eine gesunde Lebensweise empfohlen wird. Wenn hier jeder nur die Hälfte essen würde aber dafür Bio, wäre viel getan. Damit einher muss auch ein verringerter Konsum von Milchprodukten gehen. Der Konsum von einem Viertel weniger Milch- und Fleischprodukten brächte eine jährliche Einsparung von 7,1 Mio. Tonnen CO2. Denn rund 70 Prozent der Treibhausgasemissionen unserer Ernährung stammen aus der Erzeugung tierischer Lebensmittel, inklusive der Futtermittelproduktion. Ein weiterer Treiber der Emissionen ist der Exportmarkt. Bei Schweinefleisch und Milchprodukten sind wir Exportnation und produzieren rund 20 Prozent mehr, als wir im Inland verbrauchen.

Die Politik ist am Zug

Es gibt gute Wege und Ansätze, der Klimakrise zu begegnen, insbesondere mit den Maßnahmen des ökologischen Landbaus. Doch die politische Weigerung der Bundesregierung, den Umbau der Landwirtschaft und der Tierhaltung endlich ernsthaft anzugehen, verhindert dies. Was wir brauchen ist eine Nutztierstrategie, die deutlich auf „Klasse statt Masse“ setzt und entsprechend die Tierschutz- und Umweltgesetzgebung sowie die Förderpolitik darauf ausrichtet. Wir brauchen Gesetze und Kontrollen, die ein hohes Tierschutzniveau für alle Tiere sicherstellen und eine Förderpolitik, die Landwirte belohnt, wenn sie Tiere artgerecht halten, die Umwelt schonen und für mehr Artenvielfalt auf Äckern und Wiesen sorgen. Brüssel hat uns die Richtung mit dem Green Deal bereits ausgewiesen, die Nationalstaaten, allen voran Deutschland, müssen jetzt auch den Weg zum Erhalt unserer Lebensgrundlagen beschreiten.

Weitere Informationen zum Bioland e.V. unter www.bioland.de

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