Mobilität, Klimaschutz und Arbeitsplätze in Einklang bringen

Gastautor Portrait

Roman Zitzelsberger

Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg

Der am 1966 in Ettlingen (Kreis Karlsruhe) geborene Badener ist seit Dezember 2013 Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg. In dieser Funktion hat er als Verhandlungsführer 2015 und 2018 den Pilotabschluss für die Metall- und Elektroindustrie verhandelt. 2015 gelang die langfristige Absicherung der Altersteilzeit und ein Einstieg in eine geförderte Bildungsteilzeit. 2018 wurden ein Anspruch auf eine kurze Vollzeit von 28 Wochenstunden sowie Wahlmöglichkeiten zwischen zusätzlicher freier Zeit und Geld erreicht, die über die Metall- und Elektroindustrie hinaus Vorbildcharakter haben. Bereits in seiner Ausbildung zum Maschinenschlosser im damaligen Daimler-Benz Werk in Gaggenau ab 1984 engagierte sich Zitzelsberger für die IG Metall, zunächst als Vertrauensmann und Jugendvertreter und ab 1989 als Gewerkschaftssekretär. Von 1996 bis 2013 arbeitete er als Geschäftsführer für die IG Metall-Geschäftsstelle in Gaggenau und studierte berufsbegleitend General Management im Malik Managementzentrum in St. Gallen. Seit Oktober 2015 sitzt Zitzelsberger im SPD-Landesvorstand, zudem ist er Mitglied im Aufsichtsrat der Daimler AG, der MTU Friedrichshafen GmbH und der Rolls-Royce Power Systems AG. Foto: IG Metall

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23. Oktober 2019

Mobilität, Klimaschutz und Arbeitsplätze beinhalten das Potenzial, um gegeneinander in Stellung gebracht zu werden

Roman Zitzelsberger

Bei einer klimaorientierten Mobilitätswende müssen in jedem Fall auch die sozialen Belange der Beschäftigten und die Ängste der Menschen berücksichtigt werden.

Seit diesem Frühjahr gehen jeden Freitag Tausende Schülerinnen und Schüler für den Klimaschutz auf die Straße. Sie machen deutlich: Ohne einen tatsächlichen Kurswechsel zu einem klimaneutralen Wirtschaftsmodell droht unsere Erde für künftige Generationen unbewohnbar zu werden.

Kilometerlange Staus auf Autobahnen, Schneckentempo in vielen Innenstädten und ein oft unzuverlässiger ÖPNV symbolisieren schon heute die Grenzen des bisherigen Mobilitätssystems.

Gleichzeitig sehen sich viele Menschen durch Dieselfahrverbote bedroht und viele fragen sich, ob individuelle Mobilität womöglich bald zu einem Vorrecht der eher vermögenden und privilegierten Bevölkerungsgruppen wird. Kurzum: Mobilität, Klimaschutz und Arbeitsplätze beinhalten das Potenzial, um gegeneinander in Stellung gebracht zu werden. Für die IG Metall darf es kein Entweder-oder geben.

Vielmehr steht die IG Metall dafür, die Energie- und Mobilitätswende konsequent anzugehen und dies mit dem ureigenen Auftrag der Gewerkschaftsbewegung zu verbinden. Also: Sichere Arbeitsplätze und angemessene Einkommen für die Beschäftigten zu erreichen und alles dafür zu tun, damit dies auch zukünftig gilt.

Das wird nicht einfach, konkretes Handeln ist aber dringender geboten denn je: Sowohl China als auch die USA haben sich aufgemacht, um führend bei den neuen Technologien rund um Mobilität zu werden. Knapp 470.000 Beschäftigte sind heute rund um die Automobilwirtschaft in Baden-Württemberg tätig. Elektromobilität, autonomes Fahren und neue Mobilitätsdienste sind keine vorübergehenden Moden, vielmehr markieren sie deutliche Veränderungen.

Roman Zitzelsberger, Bezirksleiter der IG Metall in Baden-Württemberg, im Interview über einen anderen Umgang mit Umwelt, Arbeit und Mobilität.

Das Auto und die Automobilindustrie werden sich in den nächsten Jahren radikal verändern. Die Gretchenfrage dabei lautet: Wo entsteht das Neue und wo wird es produziert? Unser Anspruch ist es, die industrielle Basis in Baden-Württemberg so zu erneuern, dass die neue Generation von Autos an den bestehenden Standorten gebaut werden kann. Dabei geht es vor allem darum, gute Arbeitsbedingungen, Mitbestimmung und Tarifverträge zu verteidigen und Billigkonkurrenz und Verlagerungen abzuwehren. Investitionen in das Automobilland Baden-Württemberg und in zukunftssichere Arbeitsplätze müssen Vorrang vor hohen Renditen für die Eigentümer haben. Wichtig ist, die gesamte elektromobile Wertschöpfungskette zu beherrschen, dazu gehört insbesondere eine eigene Batteriezellenproduktion. Hier hat die Industrie Nachholbedarf und muss schleunigst handeln.

Nicht die Ziele der heutigen Klimapolitik sind das Problem, vielmehr fehlt es an belastbaren Konzepten und verbindlichen Maßnahmen dafür

Roman Zitzelsberger

Nicht die Ziele der heutigen Klimapolitik sind das Problem, vielmehr fehlt es an belastbaren Konzepten und verbindlichen Maßnahmen dafür. Auch die geplante Luftverbesserung in den Städten ist richtig, aber die Politik hat zu lange mit der Umsetzung gewartet.

Seit Jahren fordert die IG Metall zum Beispiel die Einführung einer Blauen Plakette, um die notwendigen Luftreinhaltungsmaßnahmen zu unterstützen. Dazu gehören auch Übergangsregelungen für die am stärksten betroffenen Pendler. In verschiedenen Gremien in Stadt, Land und Bund hat sich die IG Metall mehrfach für solche Lösungen eingesetzt. In einem Gespräch zwischen Vertretern der IG Metall Baden-Württemberg und dem Landesverkehrsminister ist eine gemeinsame Erklärung entstanden, die anstelle von weiteren Fahrverboten Ideen für bezahlbare und verlässliche Mobilität für alle auflistet.

Darin heißt es u. a.: „In der Region Stuttgart leben Menschen in der Stadt und auf dem Land; entsprechend vielfältig sind die Anforderungen an den Verkehr. Viele Beschäftigte kommen schon heute zu Fuß, mit dem Rad oder mit Zug oder Bus zur Arbeit, andere Beschäftigte mit dem Auto oft ohne Mitfahrer. Nicht jeder Verkehrsträger passt für jeden, aber alle Beschäftigte müssen schnell, bezahlbar und stressfrei zur Arbeit kommen. Die besondere Situation von Beschäftigten in Schichtarbeit ist zu berücksichtigen. (…) Unternehmen können durch Zuschüsse zu Jobtickets die Attraktivität erhöhen. Das Angebot an Bussen und Bahnen muss konsequent ausgebaut werden. Weitere sinnvolle Maßnahmen bestehen u. a. in einem betrieblichen Mobilitätsmanagement, verbesserten Parkleitsystemen, Mitfahrer-Apps und in attraktiven Pendlerkonzepten. Die Unternehmen sind gefordert, Beschäftigte in Sachen nachhaltiger Mobilität besser zu unterstützen und zu beraten.“

In vielen Betrieben sind es die Betriebsräte und Vertrauensleute der IG Metall, die sich für bessere Wege zur Arbeit einsetzen. Mobile Arbeit kann ebenfalls ein Beitrag sein, um das Verkehrssystem zu entlasten und die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben zu verbessern. Dafür machen wir uns weiterhin stark. Bei einer klimaorientierten Mobilitätswende müssen in jedem Fall auch die sozialen Belange der Beschäftigten und die Ängste der Menschen berücksichtigt werden. Um darauf aufmerksam zu machen und um Brücken zu bauen, hat die IG Metall am 29. Juni 2019 in Berlin unter dem Motto „#FairWandel – sozial, ökologisch, demokratisch – Nur mit uns“ zu einer Kundgebung aufgerufen, auf der neben gewerkschaftlichen Rednern auch Umwelt- und Sozialverbände vertreten waren.

Es geht um sichere Arbeitsplätze – und darum, Arbeitsplätze, Mobilität und Klimaschutz in Einklang zu bringen.

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  1. Denkender Bürger

    vor 3 Wochen

    Was ich in der gesamten Debatte vermisse, sind ausführliche Ausführungen zu einer Verkehrswende im Güterverkehr.
    Genau da - insbesondere im immer weiter ausufernden LKW-Verkehr- liegt aber ein Hauptproblem der Mobilitätswende:

    Wenn es gelingen würde, mit einem vernünftigen und durchdachten Verkehrskonzept im Güterverkehr nur jeden 3. LKW von der Straße zurück auf die Schiene (oder wo es möglich ist aufs Binnenschiff) zurück zu holen
    - wie viele Staus und Unfälle würden dann vermieden werden ?
    - wie viele Straßenbau-Projekte würden obsolet oder könnten zeitlich aufgeschoben werden?
    - wie positiv würde sich das auf die Umwelt- und Klima-Billanz auswirken?

    Vor allem:
    Die dafür notwendige Invrastruktur ist weitgehend vorhanden und müßte nur entsprechend ertüchtigt werden - was sich aber in überschaubarer Zeit mit überschaubarem Aufwand bewerkstelligen ließe.
    Wenn man denn nur wöllte.
    Ein Blick in die Schweiz würde genügen, um zu sehen, wie leicht und wie gut das funktionieren kann - auch wenn das sich mit Sicherheit noch weiter verbessern ließe.

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