Klimaschutz vor Ort: Was wäre wenn…

Gastautor Portrait

Tatiana Herda Muñoz

Klimaschutz- und Masterplanmanagerin

Nach ihrem Bachelorstudium „Environmental Impact Assessesment“ arbeitete Tatiana Herda Muñoz in der internationalen Projektentwicklung von Erneuerbare-Energie-Projekten. Nach der Erkenntnis, dass sie sich stets in der eigenen Filterblase bewegte, entschied sie sich aus der kommunalen Verwaltung heraus als Intrapreneurin neue Zielgruppen mit Design Thinking und Service Design für Klimaschutz und Nachhaltigkeit zu begeistern. Sie ist Alumni des Social Impact Lab Frankfurt, TEDx-Speakerin und Zweite Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Klimaschutz (BVKS). Zurzeit absolviert sie den berufsbegleitenden Master „Energiemanagement“. Tatiana Herda Muñoz kommuniziert als @retheenk auf Twitter.

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28. Mai 2018
Kleines Mädchen mit Schild, auf dem der Heroes Songtext von David Bowie steht

Die Augen sind auf dich gerichtet, vereinzelt kommt ein bestätigendes Nicken. Der Blick jedoch verrät das Publikum. Sie sind in Gedanken schon woanders, du hast sie längst im Laufe der Konversation verloren. Wenigstens tun sie der Höflichkeit halber so, als hörten sie zu. Lassen wir das Gespräch Revue passieren, an welcher Stelle ging das Interesse verloren? Ach ja, in fast allen Fällen bei den Worten Klimaschutz gefolgt von Klimawandel. Willkommen im Alltag, das ist Klimaschutz vor Ort – meist Desinteresse.

Kommunale Klimaschutzmanagerinnen und –manager als Macherinnen und Macher vor Ort

Um tropische Nächte zu erleben, werden wir nicht mehr in die Karibik fliegen müssen.

Tatiana Herdo Muñoz

Dabei wird der Klimawandel die Städte hart treffen, auch bei Einhaltung des 2°C-Ziels. Dies zeigt das Projekt „KlimPrax Wiesbaden/ Mainz –Stadtklima in der kommunalen Praxis“  (Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie, Deutscher Wetterdienst, Stadt Wiesbaden, Landeshauptstadt Mainz, Landesamt für Umwelt RLP, Ministerium für Umwelt, Energie Ernährung und Forsten RLP), welches u.a. 17 Simulationen für unterschiedliche sommerliche und niederschlagsfreie meteorologische Bedingungen für die Region Mainz-Wiesbaden im Zeitraum 2031-2060 aufzeigt. Um es kurz zu fassen: Um tropische Nächte zu erleben, werden wir nicht mehr in die Karibik fliegen müssen. Auch tagsüber werden Mainz und Wiesbaden mit einer starken Hitzeentwicklung zu kämpfen haben. Was in der Vergangenheit zur absoluten Ausnahme gehörte, würde im Stadtklima der Zukunft die Regel werden. Anpassungen an den Klimawandel und Klimaschutzmaßnahmen müssen in der Städteplanung und als strategische kommunale Aufgabe folgerichtig gestern gestartet worden sein.

Wie aber soll die Finanzierung von Personal und Maßnahmen in der Breite erfolgen, wenn Klimawandelanpassung und Klimaschutz keine kommunale Pflichtaufgabe sind? Oft ist auch die Notwendigkeit noch nicht in bei den politischen Entscheiderinnen und Entscheidern angekommen. Das Bundesumweltministerium BMU hat hierfür die Nationale Klimaschutz Initiative (NKI) 2008 ins Leben gerufen. Ähnlich einer Work-Breakdown-Structure werden über die NKI Fördergelder an Kommunen, Unternehmen und Zivilgesellschaft in klimarelevante Handlungsbereiche verteilt. Die NKI hat mit der Förderung von Konzepten, Personal und Maßnahmen im kommunalen Kontext eine komplett neue Berufsgruppe kreiert: Die kommunalen Klimaschutzmanagerinnen und –manager als Macherinnen und Macher vor Ort.

Klimaschutz vor Ort wird professionalisiert

Über 500 Kommunen deutschlandweit haben bereits solch eine Projektstelle eingerichtet. Die Klimaschutzmanagerinnen und –manager sorgen dafür, dass ebendiese geförderten Konzepte und Maßnahmen umgesetzt werden. Sie sollen mit der Politik sprechen, die Bevölkerung sensibilisieren, Bildungsprojekte durchführen, Klimaschutz verstetigen, Treibhausgase bilanzieren und als Change Agents vor Ort die gesellschaftliche Transformation von der Verwaltung heraus mitinitiieren oder weitertreiben. Sie sind Netzwerkmanagerinnen und -manager, die die Fäden vor Ort zusammenführen und jeden Tag verschiedenste Zielgruppen überzeugen. Der interdisziplinäre praktische Klimaschutz wird professionalisiert.

Und hier wären wir wieder beim Desinteresse. Dies zieht sich durch alle Zielgruppen vor Ort, ob Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft. Um Klimaschutz von unten zu betreiben, muss sich dieses Desinteresse in Neugier, Akzeptanz, Reflektion und Verhaltensänderung umwandeln. Der klassische Weg der Verwaltung erfolgt über Kommunikationskampagnen, Partizipationsrunden und unzählige Auftritte vor Stadträten. Immer dabei die Wörter Klimaschutz und Klimawandel, gerne in grün oder blau gespickt mit traditionellen Visuals wie Eisbären, Fahrrädern oder dem Planeten Erde. Auf die Kommunikationskampagnen reagieren wenige, zu den Partizipationsrunden sind immer wieder vertraute Gesichter anzutreffen, vor den Stadträten sieht man förmlich wie die Gedanken davonfliegen und an Ausstelllungsständen bleiben nur die sowieso Interessierten stehen. Dabei ist der Ausdruck „zielgruppengerecht“ nicht unbekannt, dieses Ziel schwebt stets mit bei der Überzeugungsarbeit von Klimaschutzakteure vor Ort. Dennoch, wäre der praktische Klimaschutz ein Unternehmen und Wirkung die Währung: Wir wären längst pleite.

Aktives Zuhören wird zum zentralen Instrument

Lasst uns dieses Gedankenspiel verfolgen. Betrachten wir den Klimaschutz vor Ort als Unternehmen mit dem Ziel zu wachsen, verändern wir die Perspektive: Der interdisziplinäre Klimaschutz wird professionalisiert, es gibt Personalstellen, die sich ausschließlich darum kümmern. Zusätzlich stehen die vielen Engagierten vor Ort als Partner und Multiplikatoren zur Verfügung. Der Return on Invest ist der Output und die Wirkung der durchgeführten Aktivitäten. Statt eines Jahresabschluss mit Bilanz wird ein Social Impact Report erstellt. Wir überzeugen nicht aus unserer Perspektive heraus, statt zielgruppengerechte Kommunikationskampagnen designen wir nutzer-zentrierten Mehrwert.

Das Ziel: geschickte und klimafreundliche Lösungen und Dienstleistungen für Alltagsprobleme der Zielgruppe zu finden. Das Nicht-Ziel: andere von mehr Klimaschutz zu überzeugen. Dafür nutzen wir Design Thinking als „mindset“ und als Instrument für einen effizienten Klimaschutz von unten. In Iterationsrunden hören wir immer wieder zu, was die Zielgruppe eigentlich beschäftigt, testen unsere Dienstleistung, Kampagne oder Sprachgebrauch, hören wieder zu und passen das Konzept schließlich maßgeschneidert an. Statt Überzeugungsarbeit wird Aktives Zuhören unser Hauptinstrument (mehr dazu im folgenden Video).

Auf dem ersten Blick scheint es mühsam, ja, es dauert länger nuzter-zentrierte Angebote zu kreieren, angepasst an jede Zielgruppe. Weil vor jedem konkreten Start eine ordentliche Portion Recherchearbeit steckt. Aber wenn es los geht mit der Kampagne, dem Projekt oder der Veranstaltung, wird niemand mehr lediglich so tun, als wäre Interesse vorhanden. Um es in Behördendeutsch auszudrücken: Fördermitteleffizienz at its best.

Anmerkung der Redaktion: Die Gastautorin ist am 14. Juni 2018 Keynote-Speakerin unserer Veranstaltung Urban Climate Talks in Stuttgart und geht an diesem Nachmittag mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf die Suche nach echtem Interesse für den Klimaschutz.

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  1. Andreas Kühl

    vor 6 Monaten

    Deshalb beschäftige ich mich mit Startups. Diese müssen Lösungen, bzw. Produkte anbieten, die von der Zielgruppe angenommen wird, nur dann sind sie erfolgreich und können auf dem Markt bestehen. Der übliche Weg für Klimaschutz und Energiewende ist hingegen das moralisieren und den Zeigefinger zu heben, "Ihr müsst jetzt Euer Verhalten ändern'". Oder die Politik muss dieses und jenes tun. Dieser Weg wird scheitern, nur der nutzerorientierte Fokus kann uns zum Erfolg bringen.

  2. Tatiana Herda Muñoz

    vor 5 Monaten

    Ähnlich sollten Verwaltungen und Politik ticken- nutzer-orientiert, agil, gestaltend. Schließlich sind wir alle ja die Crowd-Investoren dieser Organisationen ;).

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