Fridays for Future und die politischen Folgen. Ein Gespräch mit Prof. Volker Quaschning

Gastautor Portrait

Prof. Dr. Volker Quaschning

HTW Berlin
03. April 2019

Es gibt es nur wenige Forscher, die sich so konsequent und multimedial für den Klimaschutz einsetzen wie Volker Quaschning. Der Ingenieur und Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin ist Autor des in mehreren Sprachen übersetzten, mittlerweile als Standardwerk geltenden Lehrbuchs zu erneuerbaren Energien „Regenerative Energiesysteme: Technologie – Berechnung – Simulation“ und betreibt schon seit 2001 einen eigenen Internetauftritt zu erneuerbaren Energien und Klimaschutz.

Volker Quaschning setzt sich dafür ein, dass Deutschland seine Energiepolitik an den Erfordernissen des Klimaschutzes ausrichtet. Um das in Paris von der Weltgemeinschaft vereinbarte Ziel einer Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur um maximal 1,5° Celsius zu erreichen, brauchen wir – das ist seine zentrale These – einen massiven Ausbau der Erneuerbaren Energien. Um für seine Positionen zu werben, ist er mit einem YouTube-Kanal ebenso in den sozialen Medien präsent wie auf Twitter und auf Facebook. Aktuell ist der Wissenschaftler in den Medien als Mitinitiator der Bewegungen „Parents for Future“ und „Scienstists for Future“ aktiv und ein gefragter Interviewpartner. Unseren Leserinnen und Leser ist er als Gastautorbekannt. Wir sprachen mit Volker Quaschning über Fridays for Future und die politischen Folgen des Schulstreiks.

Die Bewegungen auf den Straßen schaffen eine neue, für den Klimaschutz glückliche Situation

Auf Fridays for Future und die Begleitaktionen erfolgten keine politischen Reaktionen von Belang

Prof. Volker Quaschning

Stiftung Energie & Klimaschutz: Offensichtlich ist einer schwedischen Schülerin etwas gelungen, was die etablierte Umweltbewegung nicht auf die Beine gebracht hat: Eine Massenbewegung für den Klimaschutz. Wie erklären Sie sich den Erfolg von Greta Thunberg?

Prof. Volker Quaschning: Beim Klimaschutz haben sich in Deutschland zwei Lager etabliert. Das eine Lager will keinerlei Einschränkungen. Es fordert nach wie vor „Freie Fahrt für freie Bürger“, argumentiert mit den Interessen der Industrie und den Arbeitsplätzen. Auf der anderen Seite gibt es die Forderung nach mehr Anstrengungen beim Klimaschutz. Aber selbst bei den Grünen gibt es kein Konzept, das beim Klimaschutz ambitioniert genug ist, um die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens einzuhalten. Auch die Grünen, gerade in Baden-Württemberg, knicken vor der Automobillobby ein.

Irgendwie scheint sich die Politik insgesamt mit mehr oder minder faulen Kompromissen zufrieden zu geben, von denen alle wissen, dass sie ungeeignet sind, das Ziel von Paris, eine Begrenzung des Anstiegs auf 1,5°, zu erreichen. Und in dieser Situation kommt nun eine Schülergeneration, die einfach nur ihr Recht auf eine Zukunft einfordert.

Diese Schülerinnen und Schüler haben andere Ziele als die Generationen vorher. Sie wollen kein Auto besitzen und garantiert keinen SUV. Sie lassen sich keinem der bekannten politischen Lager zuordnen. Das schafft eine neue, für den Klimaschutz glückliche Situation.

Die Politik wartet ab

Unser Gastautor ist Verfasser des in mehreren Sprachen übersetzten, mittlerweile als Standardwerk geltenden Lehrbuchs zu erneuerbaren Energien „Regenerative Energiesysteme: Technologie – Berechnung – Simulation“

Stiftung: Sie haben die begleitenden Bewegungen von Fridays for Future – Parents for Future und Scientists for Future – mit ins Leben gerufen. Auch bei diesen Gruppen hat die Initialzündung eine enorme Resonanz ausgelöst. Wie beurteilen Sie die bisherigen Reaktionen aus der Politik?

Prof. Volker Quaschning: Welche Reaktionen aus der Politik? Die Politik ist zurzeit komplett auf Tauchstation. Die Regierung hat ein sog. „Klimakabinett“ gegründet. Dass die Ministerinnen und Minister, die schon seit einem Jahr den Klimaschutz torpedieren, jetzt gemeinsam den Klimaschutz vorantreiben sollen, dafür fehlt mir der Glaube. Dann gab es eine aktuelle Stunde im Bundestag und das war es schon an politischen Reaktionen. Auf „Fridays for Future“ und die Begleitaktionen erfolgten keine politischen Reaktionen von Belang.

Mir scheint, dass man in der Politik abwartet, weil man nicht so recht weiß, wie mit der Situation umzugehen ist. Wenn man die Entwicklung der sog. „Sonntagsfrage“ anschaut, dann hat diese Bewegung noch keinen so großen politischen Einfluss. Die Stimmverteilung zwischen den Parteien ist seit Wochen stabil. Und so lange sich daran nichts ändert, gibt es aus Sicht der großen Parteien keinen Anlass, mehr für den Klimaschutz zu tun.

Stiftung: Freiheit, Wohlstand, soziale Gerechtigkeit: Die Ziele von Regierungspolitik entstammen den sozialwissenschaftlichen Lehrbüchern. Beim Klimawandel wird die Politik mit den physikalischen und chemischen Grenzen des Systems konfrontiert. Haben die „Profis“ ein Problem mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen?

Prof. Volker Quaschning: Einige sicher schon, wie man an der Debatte mit den Lungenärzten beobachten konnte. Entscheidender als die naturwissenschaftliche Faktenlage scheint mir beim Klimawandel aber zu sein, dass wir es hier mit langfristigen Ursache-Wirkung-Beziehungen zu tun haben. Klimaschutz sorgt nicht unmittelbar für eine Verbesserung der Situation. Und auch unterlassener Klimaschutz hat zunächst keine direkt feststellbaren Folgen. Alle Folgen kommen mit einer langen Zeitverzögerung auf uns zu. Und das erschwert unglaublich das Handeln. Es ist ähnlich wie beim Rauchen. Wenn ich heute rauche, weiß ich, dass ich wahrscheinlich erst in Jahrzehnten an Lungenkrebs leiden werde.

Der große Zeitraum, der zwischen der Ursache und der Wirkung liegt, macht es für uns Menschen allgemein sehr schwer, auf derartige Herausforderungen zu reagieren. Und in der Politik ist man gewohnt, in Legislaturperioden von vier oder fünf Jahren zu denken.

Der Rest der Welt wird nachziehen, wenn wir zeigen, dass Klimaschutz erfolgreich funktioniert.

In dieser Gemengelage braucht es extrem mutige Politiker und Konzernlenker. Die haben wir in den letzten Jahrzehnten in Deutschland nicht erlebt.

Prof. Volker Quaschning

Stiftung: Deutschland fällt beim Klimaschutz in den letzten zehn Jahren durch Untätigkeit auf. In anderen Staaten wie in den USA und aktuell in Brasilien stehen die Präsidenten für eine völlige Abkehr vom Klimaschutz. Wie müsste eine gute Klimapolitik beschaffen sein, die andere Staaten motiviert, es uns gleich zu tun?

Prof. Volker Quaschning: Die Haltungen und Reaktionen in den Ländern sind zum Teil sehr unterschiedlich. Beim großen Klimastreik Anfang März waren 1,2 Mio. junge Menschen auf der Straße. 300.000, also ein Viertel der weltweiten Bewegung, waren es in Deutschland. Wir sind traditionell sensibler in Sachen Umwelt und gehörten immer zu den Vorreitern. Und Vorbilder braucht es.

Aus meinen Gesprächen mit ausländischen Kolleginnen und Kollegen weiß ich, dass in vielen anderen Ländern auf Deutschland geschaut wird. Wenn wir das hinbekommen, dann wird man uns folgen. Daher glaube ich, dass wir in Deutschland beim Klimaschutz einen großen Hebel haben, der weit über den Anteil, den Deutschland bei den globalen Treibhausgasemissionen hat, hinausgeht.

Wenn wir die Energiewende und den Klimaschutz voranbringen, werden uns zahlreiche Länder folgen. Daher haben wir auch eine enorme Verantwortung. Und wir bekommen das mit dem Klimaschutz auch nur dann hin, wenn ein Land wie z.B. Deutschland vorprescht und zeigt, dass es erfolgreich funktioniert. Und dann wird der Rest der Welt nachziehen.

Brasilien ist ein sehr gutes Beispiel. Wenn wir den Klimawandel nicht stoppen, dann werden auf der Erde sog. Todeszonen entstehen. Zonen, die so heiß sind, dass dort Menschen ohne technische Schutzmittel nicht mehr überleben können.  Brasilien liegt auf diesem Gürtel. Wenn der brasilianische Präsident Bolsonaro nun massiv die Axt an den Regenwald legt, wird er sein eigenes Land zerstören. Den Klimawandel jetzt als Brasilianer zu ignorieren, ist vergleichbar mit Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg: Die bewusste Wahl des eigenen Untergangs.

Stiftung: Warum ist deutsche Industrie so verhalten beim Klimaschutz? In der Vergangenheit haben wir doch beim Umweltschutz weltweit gute Geschäfte gemacht.

Prof. Volker Quaschning: Radikaler Klimaschutz, wie wir ihn jetzt brauchen, bedeutet, dass wir bei einigen Technologien wie der Energiewirtschaft oder beim Auto Umbrüche in den Technologien herbeiführen müssen. Diese Schlüsseltechnologien werden so massiv von Umbrüchen betroffen sein, dass sich die gesamten Geschäftsmodelle ändern werden. Es wird neue Player geben und alte werden aussterben. In dieser Gemengelage braucht es extrem mutige Politiker und Konzernlenker. Die haben wir in den letzten Jahrzehnten in Deutschland nicht erlebt.

Stiftung: Werden wir die Bewegungen Fridays for Future  – Parents for Future und Scientists for Future mittelfristig auf der Straße und in den Medien erleben? Zumindest so lange bis die Bundesregierung die zentralen Forderungen aufnimmt und sich das 1,5° Ziel zu eigen macht?

Prof. Volker Quaschning: Wir haben mit den Bewegungen schon einiges erreicht. Klimaschutz und Energiepolitik sind erstmals wieder nach Fukushima in der breiten öffentlichen Debatte angekommen. Das Umweltthema ist zurück und wird in den nächsten Wahlkämpfen eine Rolle spielen.

Die Schülerinnen und Schüler bringen enorme Opfer. Schulpflicht hin oder her: die Fehlstunden werden notiert, der Stoff muss nachgearbeitet werden. In der Politik hofft man wahrscheinlich, dass die Demonstrationen spätestens nach den Sommerferien von den Straßen verschwunden sind.

Man sieht aber jetzt schon, dass die Bewegung breiter ist: In den Schulen werden die Themen Energie und Klimaschutz aufgegriffen. Eltern sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machen in großer Zahl mit. Selbst wenn die Schulstreiks aufhören: Dass jetzt endlich der Klimaschutz politische Priorität erhält, dieser Wunsch erfährt breite Unterstützung. Die Parteien werden nicht umhinkommen, darauf in ihren Programmen zur nächsten Bundestagswahl einzugehen. Ob sie sich wirklich bewegen? Da sind die Anzeichen bisher nur sehr spärlich. Aber das wird sich ändern.

Diskutieren Sie mit

  1. Andreas Nordhoff

    vor 3 Monaten

    Ich spreche hier als ein Ingenieur, der mit seinem elektroauto nunmehr 23 Jahre mit PV Strom getrieben einige 100.000 km zurücklegte. Keine 500 kW, keine 50 kW, nein 5 kW Antriebsleistung reichten aus. Ich spreche hier als CEO des Instituts für Bauen und Nachhaltigkeit wo wir nunmehr seit 23 Jahren nichts geringeres als Passivhäuser realisierten mit einem Gesamtbauvolumen von über 1 Milliarden. Unser Team ist jeden Tag mit Freude bei der Arbeit weil wir bereits weit vor Greta Thunbergs Geburt die Vision von Greta erfüllt hatten. Einfach machen!

  2. Dieter Herz Herz&Lang GmbH

    vor 3 Monaten

    Machen ist wie wollen, nur krasser ! Auch wir haben uns dem Passivhaus und der E-Mobilität, dem Einkauf regionaler Produkte und Dienstleistungen privat und im Planungsbüro Herz&Lang verschrieben. Es ist anstrengend seinen CO2-Fusssabdruck zu reduzieren, dazu braucht es Überzeugung und einen Blick auf den Lebenscyclus im Besonderen bei Gebäuden. Es lohnt sich heute mehr zu investieren als heute üblich, in massive Energieeinsparung, 100% regenrative Energienutzung und maximaler Erzeugung zB mit PV (Büro+Wohnhaus). Es lohnt sich auch den Lebensstil und die Ernährung umzustellen, weils letztlich gesünder ist. Seit 3 Jahren lebe ich im eigenen Passivhaus und geniesse vor Allem den wesentlich besseren Komfort als in anderen Gebäuden. Alle Entscheidungen zu mehr Klimaschutz der Vergangenheit haben sich bei mir und unseren Kunden bereits zum Beginn der Nutzung als positiv herausgestellt. Wir unterstützen die gesamte Schülerbewegung, weil die recht haben. Es ist beschämend wie die Politik blockiert und weiter die Proteste nicht Ernst nimmt !! Es geht nicht um Klimaschutz, denn das Klima braucht uns nicht ! Es geht um den Schutz der Lebensgrundlagen und Lebensqualität unserer Kinder und Enkel !

  3. Jea

    vor 3 Wochen

    Diese Lebenswelt, unsere, kann nur noch bei Einleitung des sodann in den Geschichtsbüchern wirklich
    so bezeichneten 'Digitalen Zeitalters' bei vollständiger und restloser Überwindung und Beseitigung des 'Monetären Zeitalters' erhalten werden!

  4. Jea

    vor 3 Wochen

    Diese Lebenswelt, unsere, kann nur noch bei Einleitung des sodann in den Geschichtsbüchern wirklich so bezeichneten 'Digitalen Zeitalters' bei vollständiger und restloser Überwindung und Beseitigung des 'Monetären Zeitalters' erhalten werden!

    [https://wechange.de/project/networking-currencytradefree-worldsoci/]

  5. Trymacs

    vor 2 Wochen

    Ihr Bastarde!

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