Denn es geht um alles – Fridays for Future

Gastautor Portrait

Nisha Toussaint-Teachout

Fridays for Future

Nisha Toussaint-Teachout ist 19 Jahre alt und widmet ihr Leben fast vollständig dem politischen Aktivismus. Geboren und aufgewachsen in Stuttgart hat sie dort Fridays for Future mit aufgebaut und engagiert sich neben der Klimagerechtigkeitsbewegung unter anderem für Tierrechte und alternative Bildungswege. Angesichts der aktuellen Situation auf der Welt sieht sie für sich keinen anderen Weg, als sich für einen Wandel in System und Gesellschaft einzusetzen. Nachhaltigkeit, Verantwortung und Gerechtigkeit sind für sie dabei zentrale Begriffe. Wenn sie ausnahmsweise nicht an Projekten und Aktionen arbeitet, unterrichtet sie Yoga und verbringt Zeit in der Natur. (Foto: Pauline Bonnke)

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19. September 2019
Foto: Ben Engelhard

Es ist der 29. November 2018.

Lotte, eine Freundin von mir, schreibt mir eine Nachricht. Sie hat von Greta Thunberg gehört, die in Schweden Schulstreik für das Klima macht und will spontan am nächsten Tag auch in Stuttgart streiken. Ohne groß nachzudenken sage ich zu und am nächsten Tag stehen wir zu fünft mit improvisierten Schildern und unangemeldet auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt.

Ja. Das war vor 43 Wochen und wir haben seither nicht aufgehört zu streiken.

Inzwischen muss ich niemandem mehr erklären, was Fridays for Future ist.

Ein kurzer Abriss

Die freitäglichen Proteste fanden seit Beginn des Jahres immer mehr Anhänger und mediale Aufmerksamkeit.

Foto: Ansgar Wörner

Dezember 2018: Nach und nach fangen immer mehr Städte an zu streiken, die Medien werden langsam aufmerksam und wir beginnen uns zu vernetzen. Am 18. Januar findet der erste deutschlandweit koordinierte größere Streik statt. Es folgt der 15. März, der erste globale Klimastreik, und dann der zweite am 24. Mai – direkt vor den Europawahlen.

In Deutschland gehen an diesem Tag über 320 000 junge Menschen auf die Straße und an die 2 Millionen weltweit. Es wird langsam klar, dass wir uns nicht auf einen Sprint eingelassen haben, sondern auf einen Marathon.

Das nächste Highlight ist der zentrale Europa-Großstreik in Aachen am 21. Juni. Klimaaktivist*innen aus über 20 Ländern fluten die Straßen Aachens, die Zahlen belaufen sich auf über 40 000 Demonstrierende.

Das Motto „Climate Justice Without Borders“ unterstreichend findet im Sommer die internationale Fridays for Future Konferenz über eine Woche in Lausanne statt. Dort treffen sich über 400 Aktivist*innen aus über 38 Nationen und sprechen über die Bewegung, ihre Erfahrungen und schmieden Pläne, wie es weitergehen kann.

Ich wusste immer, dass wir eine globale Bewegung sind. Aber in Lausanne habe ich das zum ersten Mal richtig gespürt.

So geht es weiter

Und jetzt steht der 20. September an, der 3. Globale Streik und dieses Mal laden wir explizit unter dem Motto #allefürsklima ein. Dieses Mal sind nicht nur Jugendliche aufgerufen lautstark auf die Straße zu gehen für Klimagerechtigkeit, sondern alle. Eine globale Bewegung, die kein Alter und keine Grenzen kennt, wie die Klimakrise das auch nicht tut.

Auf den Streik folgt eine Aktionswoche: in vielen Städten wird es bundes- und weltweit jeden Tag Aktionen und Veranstaltungen geben. Wenn es offensichtlich nicht reicht, dass wir seit fast einem Jahr einmal die Woche unseren Protest in die Öffentlichkeit tragen, machen wir das in dieser Woche eben jeden Tag.

Worum es eigentlich geht

Wir wollen keine leeren Worte oder noch mehr Lob. Wir wollen eine Zukunft! Und eine Erde, auf der wir leben können, und zwar nicht nur jetzt, sondern auch in 100 Jahren noch.

Nisha Toussaint-Teachout

Und jetzt habe ich bis hier hin nur über „uns“ geredet, über Fridays for Future. Ich habe das gemacht, was alle machen, seit wir angefangen haben zu streiken. Reden.  Und das eigentliche Thema weitestgehend ignorieren.

Jetzt, ein Jahr nach den ersten Streiks, haben wir zwar tausende Berichte gelesen, die über die Klimakrise und die „Schülerproteste“ sprechen, aber immer noch keinen, der von Erfolgen durch ernst zu nehmende Klimaschutz-Maßnahmen berichtet. Das alles, während diesen Sommer eine Schreckensmeldung nach der anderen kam: Hitzetote in Indien, Dürren in der Sahelzone, Rekordtemperaturen überall auf der Welt, rasant abschmelzendes grönländisches Eis und der brennende Amazonas.

Und während diese Weltuntergangsszenarien nach und nach Realität werden, gewöhnt man sich an sie und es wird immer noch nicht gehandelt.

Wir wollen keine leeren Worte oder noch mehr Lob. Wir wollen eine Zukunft! Und eine Erde, auf der wir leben können, und zwar nicht nur jetzt, sondern auch in 100 Jahren noch. Und da sind wir tatsächlich schon sehr privilegiert. Während wir hier auf die Straße gehen und eine Zukunft fordern, haben Menschen in anderen Teilen der Erde schon jetzt keine Gegenwart mehr. Die Klimakrise ist längst zur Existenzkrise geworden. Die Stürme, die Dürren, die Überschwemmungen, die Brände, die Klimakriege und –flüchtlinge, die gibt es bereits.

Eine globale Bewegung, die kein Alter und keine Grenzen kennt, wie die Klimakrise das auch nicht tut. 

Nisha Toussaint-Teachout

Und wir sitzen hier und halten uns die Augen zu. Mir wurde immer gesagt, der Mensch sei das intelligenteste Wesen auf der Erde. Nun, dieses intelligenteste Wesen ist gerade dabei seinen eigenen Lebensraum zu zerstören.

Und das schlimmste: Es ist bekannt. Alle Fakten, alle Studien, alle Zahlen, die den menschengemachten Klimawandel begründen, sind da draußen, und die Lösungen ihn aufzuhalten auch.

Den Entscheidungsträger*innen gehen die Argumente aus und uns allen die Zeit. Wir haben jetzt recht optimistisch gerechnet noch zwei Jahre Zeit, Maßnahmen zu ergreifen um die sogenannten Kipppunkte im Klima nicht zu erreichen. Dies sind Punkte, ab welchen die Schäden irreversibel werden, unumkehrbar, und die eine Abwärtsspirale an Prozessen anstoßen.

Und nein, Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum, Parteistreit und „zu anstrengend“ sind keine Argumente, die der Herausforderung angemessen sind, vor der wir stehen. Zum einen, weil wir keines dieser Dinge haben werden, wenn wir unsere Lebensgrundlage verlieren. Es gibt weder Geld noch Arbeitsplätze auf einem toten Planeten. Und zum anderen weil Klimaschutzmaßnahmen sozialgerecht umgesetzt werden und ganz nebenbei unser Leben verbessern können. Wenn wir ihnen jetzt eine Chance geben.

Was wir brauchen

Was wir jetzt brauchen ist ein radikaler Wandel. Einerseits auf Seiten der Konsument*innen und Bürger*innen, aber vor allem auf Seiten der Politik. Ein System, das vor allem auf Wachstum aus ist und in sich keine Nachhaltigkeit zulässt, dient nicht den Menschen. Klimafreundliches Leben darf nicht Luxus sein, sondern muss zur Selbstverständlichkeit werden. Klimaschädliche Subventionen müssen abgezogen werden, klimaschädliche Unternehmen gestoppt. Wir müssen raus aus der industriellen Agrarindustrie und den fossilen Brennstoffen und hin zu einer Gesellschaft, die klimaneutral lebt und so auch langfristig funktionieren kann.

Und auf dem Weg dahin, finden wir vielleicht auch heraus wie wir als Gesellschaft zufriedener sein können und weltweit gerechter.

Mein Schlusswort

Greta hat durch ihre Streiks einen Stein ins Rollen gebracht, der sowieso schon auf der Kippe stand.

Weltweit waren und sind Menschen bereit für Veränderung. Und zwar Veränderung by design und nicht by desaster.

Und was sie fordern, ist nichts Extremes, nichts Weithergeholtes:

Sie fordern die Politik auf, nach wissenschaftlichen Erkenntnissen zu handeln und unsere Lebensgrundlage – und damit die Existenz der Menschheit – zu schützen.

Denn eins ist klar – wenn sie jetzt nicht handelt, wird es bald zu spät sein.

Und bisher haben die Entscheidungsträger*innen dies nicht begriffen. Deswegen ist es an uns, an allen, an dir und mir, anzufangen und diesen Wandel by design anzustoßen und einzufordern.

Jetzt

Es ist der 12. September 2019 und spät abends. Meine To Do Liste ist noch lang, denn der 20.9. und die Aktionswoche wollen organisiert werden.

Und wir alle sind müde, nach 43 Freitagen. Aber wir sind nicht lebensmüde, und deswegen machen wir weiter. Bis gehandelt wird.

Mehr Infos finde Sie unter

www.fridaysforfuture.de
www.klima-streik.org
www.scientists4future.org

Diskutieren Sie mit

  1. Fritz Mielert

    vor 4 Wochen

    Alles richtig, liebe Nisha - nur die Plattform ist problematisch.
    Ich nehme sowohl die EnBW als auch ihre Stiftung Energie & Klimaschutz nicht als Treiberinnen der Energiewende wahr.
    Mit der EnBW über den Ausstieg aus ihrer dreckigen Stein- und Braunkohle (ja, die EnBW besitzt wirklich einen Braunkohle-Block bei Leipzig) zu reden, ist quasi zwecklos. Dies betrifft sowohl einen Ausstiegsfahrplan als auch die Herkunft ihrer Steinkohle (Die NGO urgewald spricht eher von Blutkohle, da häufig Menschenrechtsverletzungen mit ihrer Gewinnung verbunden sind).
    Wir müssen auf die Straßen!

  2. Johanna Kick

    vor 3 Wochen

    Lieber Herr Mielert,
    erst einmal schön, dass Sie uns hier auf unserer Plattform besuchen. Auch schön, dass Sie sich mit einem Kommentar an der Diskussion beteiligen. Und gleichzeig schade, wie Sie uns und unsere Stifterin, die EnBW, wahrnehmen. Lassen Sie mich ein paar Beispiele anbringen, warum ich meine, dass die EnBW sich als aktive Treiberin der Energiewende sehr wohl sehen lassen kann:
    › Seit 2012 hat die EnBW über 1.200 MW Erneuerbare in Betrieb genommen und damit einen massiven Umbau ihres Erzeugungs-Portfolios begonnen. Bis 2025 sind Investitionen in Höhe von über fünf Milliarden Euro in den weiteren Aus-bau der Erneuerbaren Energien in Deutschland und in ausgewählten Auslandsmärkten geplant.
    › Bei den CO2-intensiven Erzeugungsanlagen hat das Unternehmen wiederum im gleichen Zeitraum das Portfolio um rund 2.600 MW reduziert. Das entspricht einem Rückgang von fast 40 Prozent.
    › Gleichzeitig macht sich die EnBW in vielen Initiativen für mehr Klimaschutz stark. Falls Sie tiefer einsteigen wollen: www.enbw.com/unternehmen/nachhaltigkeit/klimaschutz.html

    Zu unserer Stiftung machen Sie sich am besten selbst ein Bild. Unser Mittel ist die Debatte, zu der wir seit vielen Jahren Jede und Jeden herzlich einladen.

    Lassen Sie uns also weiter gemeinsam für Energiewende und Klimaschutz kämpfen. Wenn jeder das mit seinen Mitteln und auf seine Art und Weise tut, kann das nur ein Gewinn sein, davon bin ich überzeugt.

    Beste Grüße,
    für das Stiftungs-Team
    Johanna Kick

  3. Lindi Greve

    vor 3 Wochen

    Lösung der Energieprobleme 2019

    Sehr geehrte(r) nichtantwortender Politiker,

    als der Politiker mit der, aus meiner Sicht, größten Umsicht und Weitblick, stelle ich Ihnen heute meine Erfindung im Bereich der Solarthermie vor:
    Wir wollen der Bevölkerung den billigsten Strom anbieten, der aus der saubersten, Umwelt schonendsten und leichtesten Energiegewinnung resultiert.
    Wir bieten den Autofahrern einen neuartigen Kraftstoff an, der Emissionsfrei ist und über das bestehende Tankstellennetz vertrieben werden kann.
    Wir bieten sehr günstig aufbereitetes Trinkwasser für Plantagenbewässerung an.
    All das sind die Ergebnisse meiner Erfindungen!

    Dazu habe ich bestehende Solarkraftanlagen auf ihre Schwachpunkte untersucht und sie behoben:
    Der größte Schwachpunkt bestehender Solaranlagen sind die Spiegelrinnen, die das Sonnenlicht auf ein Absorber-Rohr bündeln sollen. Anstatt dieser habe ich eine Glaslinse entwickelt, die eine lineare Brennlinie auf das Absorber-Rohr bündelt. Der Wirkungsgrad ist 6-fach besser, die Herstellungskosten 14-fach geringer. Es existiert ein vorführbereiter Prototyp.
    Der wissenschaftliche Nachweis kann jederzeit erbracht werden. *
    Der größte Gedankenfehler ist es, Strom in Batterien speichern zu wollen. Es gibt nicht genug Batterien, sie sind eine große Umweltbelastung. Der Ladevorgang von PKW ist ein teurer Irrweg, den man jetzt noch vermeiden kann.
    Energie muss als Wärme in Salztanks gespeichert werden, die bei Bedarf Tag und Nacht abgerufen und in der benötigten Menge in Strom gewandelt wird. Die Effektivität der Salztanks habe ich optimiert. Damit ist die Grundlastfähigkeit * gewährleistet
    Das Solarkraftwerk kann Wasserstoff kostengünstig produzieren. Mit einem Trägerstoff (ähnlich dem Carbazol® von Professor Art.) kann der Wasserstoff zu einem flüssigen Kraftstoff gebunden werden. Dieser Kraftstoff hat ähnliche Eigenschaften wie Normalbenzin und kann in allen Bereichen verwendet werden. Dazu ist eine Umrüstung von Benzin- und Elektromotoren notwendig.

    Für Fragen und anschauliche Demonstrationen stehen ich Ihnen gern zur Verfügung! Bitte setzen Sie sich vor Ende September 2019 mit mir in Verbindung.
    Mit freundlichen Grüßen
    Ps.* Ein wissenschaftlicher Nachweis liegt vor, wenn überall auf der Welt die gleichen Ergebnisse erzielt werden. Natürlich bei gleichen Bedingungen, z.B. Wärme ,oder Druck usw.

    *Grundlastfähigkeit bedeutet Tag und Nacht Strom zu produzieren. Ohne die Beeinflussung durch eine Windstille oder Stürme etc.
    Es ist dann unerheblich ob nur 2 Tage oder 22 Tage kein Windstrom produziert wird, wir haben ja die Kernkraftwerke der Nachbarländer. Beispiel: Holland und Tremellin. Siehe den Stern Artikel 100000 Dächer Programm

  4. Jürgen Rosisnky

    vor 2 Wochen

    Wenn man die Aussagen Frankreichs, dass die Franzosen mit dem sogenannten „KIimaschutz “ und die Abschaltung der Braunkohlekraftwerke keine Probleme haben, muss wissen, dass Frankreich über 70% der Energie aus der Kernkraft bezieht. Auch ist es interessant zu wissen, dass Greta‘s Heimatland auf 40% Kernenergie zurückgreifen kann. Jedes, Deutschland umgebendes europäisches Nachbarland baut zur Zeit die Kernenergie aus, um so die „Klimaziele“ zu erreichen. In der Tschechien wird gerade an der deutschen Grenze ein neues Braunkohlekraftwerk gebaut.Auch die „Erneuerbaren“ sind schädlich für die Umwelt. Es ist hier, die Entsorgung der Windräder und der Solarzellen, die umweltschädlich und nicht geklärt sind. Auch ist in dem Zusammenhang die Lithiumgewinnung zu nennen. Hier wird die Umwelt und Arbeitskräfte in höchstem Maße ausgebeutet, nur dass der Unsinn mit der Elektromobilität, die niemand haben will, ideologisch durchgesetzt werden soll.
    Greta sollte die Gebiete der Lithiumgewinnung besuchen und dann ein Urteil zur Umweltzerstörung abgeben, sofern sie in der Lage dazu ist. Es kann die Lithiumgewinnung gleichgesetzt werden mit den Brandrodungen des Regenwaldes

  5. Hubertus Grass

    vor 1 Woche

    Hallo Herr Rosisnky,
    erlauben Sie kleine Richtigstellungen zu Ihrem Kommentar. In Frankreich liefert die Kernenergie nicht über 70 Prozent der Energie, sondern des Stroms. Der Strombedarf eines Landes macht ungefähr nur ein Viertel des gesamten Energiebedarfs aus.
    "Jedes, Deutschland umgebendes europäisches Nachbarland baut zur Zeit die Kernenergie aus, um so die „Klimaziele“ zu erreichen." Das ist falsch. Von den 28 Mitgliedern der EU planen derzeit 6 sechs, (Frankreich, Tschechien, Slovakei, Bulgarien und GB) den Bau neuer Meiler. Folglich wollen nur zwei unserer direkten Nachbarn die Kernenergie ausbauen. Ob es dazu kommt, bleibt abzuwarten.
    Mit freundlichen Grüßen
    Hubertus Grass

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