Das größte Umweltprogramm auf dem Globus: Chinas Grüne Mauer

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Redaktion

Stiftung Energie & Klimaschutz
15. Juni 2020

China baut eine neue Mauer. Wie die alte, zur Verteidigung gegen die Mongolen angelegte Befestigung, hat auch die neue, grüne Mauer, das Zeug, in die Liste der Weltwunder aufgenommen zu werden. Schon die Laufzeit des Projektes von 72 Jahren ist rekordverdächtig. Begonnen 1978 will China die Grüne Mauer bis zum Jahre 2050 vollenden. Auch zur Beschreibung der Fläche, die China bewalden oder als Grasland von der Wüste abtrotzen will, braucht es Superlative. Über eine 4.500 Kilometer lange Strecke soll ein neuer Wald von etwa 400.000 km2 entstehen. Das ist mehr als die Fläche Deutschlands.

Selbst finanziell ist der Aufwand gigantisch. Derzeit belaufen sich die Kosten auf 5 Milliarden Euro pro Jahr. Und trotz zahlreicher Rückschläge sind die Erfolge der Aufforstung deutlich sichtbar. Und die Landwirtschaft kommt zurück. In Gebieten, die bereits den sich ausbreitenden Wüsten zum Opfer gefallen waren, findet nun wieder Wertschöpfung statt. Häufig in Form der ökologisch nachhaltigen Permakultur.

Desertifikation – ein von Menschen verursachtes Problem

Mehr als ein Viertel der Fläche Chinas gilt als verlassenes Land.

Die Abholzung von Wäldern, die Überweidung des Grünlandes und ein übermäßiger Wasserverbrauch von Menschen sind weltweit die Hauptfaktoren der Ausbreitung und Bildung von Wüsten. Die direkten Folgen der menschlichen Eingriffe wie die Zerstörung der Vegetation durch Winderosion, die Wassererosion und die Versalzung der Böden lassen die Wüsten wachsen. Das Agrarland schwindet. Mehr als ein Viertel der Fläche Chinas gilt als verlassenes Land.

Wüstenbildung, Desertifikation, ist eine globale Herausforderung. 1994 haben die UN den 17. Juni als Welttag für die Bekämpfung der Wüstenbildung ausgerufen.

Schon seit den 50ziger Jahren gilt die Volksrepublik als ein besonders betroffenes Land, denn

  • in China gibt es nicht weniger als 12 Wüsten 
  • gemessen an seiner Bevölkerung (1,4 Mrd) ist China ein relativ kleines Land (9,6 Mio km2). In den USA lebt auf fast der gleichen Fläche nur ein Viertel der Einwohner.
  • entsprechend groß der Druck, alle Flächen agrarisch zu nutzen und tendenziell zu übernutzen.

Neben dem Verlust an nutzbaren Flächen gebar die Desertifikation in China ein weiteres Problem: Den Gelben Drachen. So wird der aus den Wüsten des Westens und Nordens stammende Sandsturm genannt, der Ballungszentren wie die Hauptstadt Beijing regelmäßig heimsucht und das öffentliche Leben lahm legt.

Video: Der Kampf gegen den Gelben Drachen

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China ist bedroht. Seine uralten, vor langer Zeit im Norden und in der Mitte des Landes entstandenen Wüsten wachsen unaufhörlich. Und neue bilden sich. Aride und semiaride Gebiete bedecken mittlerweile die Hälfte des Landes. Die Wüsten breiten sich in besiedeltem Gebiet aus und verdrängen dort wertvolles Ackerland in dramatischer Weise. Die natürlichen Vegetationsbarrieren am Rande der Wüsten reichen nicht aus und können den Sandstaub, der sich auf Peking niederlässt, nicht mehr aufhalten. Jedes Frühjahr verschwindet die chinesische Hauptstadt samt Umland tagelang in Sandstürmen, die 270 Millionen Menschen die Luft zum Atmen nehmen. Untersuchungen zufolge gingen im Jahr 2010 über Peking mehr als 1.300.000 Tonnen Sandstaub nieder. Die Sandstürme kommen aus Regionen, die aus vier Gründen verwüstet sind: Raubbau, Entwaldung, Wassermangel und zunehmende Urbarmachung für die Viehzucht. China kämpft gegen diesen „Gelben Drachen“, der das Land zu verschlingen droht. Eine Armee von 32.000 Regenmachern kämpft tagtäglich an der Front und baut eine „Grüne Mauer“, so lang wie die Chinesische Mauer, die den Feind in Schach halten soll. Durch die Analyse des Staubs, der regelmäßig über Peking niedergeht, haben die Forscher erfahren, dass dieser aus Wüsten stammt, die sich mehrere Hundert Kilometer von der Stadt entfernt befinden. Die latente Gefahr beunruhigt die chinesischen Behörden so sehr, dass sie die Wüsten unter strenge Überwachung gestellt haben.

Ein Umweltprogramm mit langem Atem

Dürre, Frost, Schädlinge und Pilzkrankheiten: Die Liste der Widrigkeiten, die sich dem Bau der Grünen Mauer entgegenstellten, ist lang. Auch Fehler wie die Anlage von anfälligen Monokulturen wurden gemacht. In den ersten Jahren hat man die Probleme unterschätzt, die die landwirtschaftliche Nutzung verursacht. In einem Lernprozess haben die chinesischen Behörden und die beteiligten Wissenschaftler das Projekt ständig angepasst und weiter entwickelt:

  • Die Weidehaltung der Nutztiere wurde über Jahre massiv eingeschränkt und in einigen Gebieten komplett untersagt.
  • Statt direkt Bäume zu pflanzen, greift man auf einen mehrstufigen Ansatz zurück: Zunächst werden Gras, Büsche und Pionierbäume gepflanzt, um die Voraussetzungen für eine Verwaltung zu schaffen.
  • Statt ausschließlich die Bürger*innen für die Baumpflanzungen heran zu ziehen, setzt man nun mehr und mehr auf Profis. So wurden in den betroffenen Gebieten moderne Forstbetriebe angesiedelt.
  • Das Projekt wird national wie international von Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen begleitet, evaluiert und fortentwickelt.

Das größte Umweltprogramm der Welt und der Klimawandel

Langfristig Bestand haben wird die grüne Mauer nur als ein vielfältiger Mischwald.

Bei der Planung der Grünen Mauer vor mehr als 40 Jahren spielte der Klimawandel keine Rolle. Das hat sich mittlerweile geändert. Zum einen fordern die steigenden Temperaturen und die Verschiebung der Niederschläge (lange Trockenzeiten wechseln mit Starkregenereignissen) die Forstwissenschaftler heraus. Ebenso wie in Deutschland werden Baumarten gesucht und getestet, die unter den veränderten Bedingungen wachsen und langfristig gedeihen. Weil Monokulturen langfristig anfällig gegen Schädlingsaufkommen sind, braucht es zahlreiche Baumarten. Langfristig Bestand haben wird die grüne Mauer nur als ein vielfältiger Mischwald. Teil der Grünen Mauer wären auch Flächen mit Gras- und Buschland, die dauerhaft vor Überweidung geschützt werden müssen.

Zum anderen wird mit der Grünen Mauer die Hoffnung verbunden, dass die Bäume einen wichtigen Beitrag dazu leisten, CO2 aus der Atmosphäre langfristig zu binden. Ließe sich so der Klimawandel bremsen?

Die Wissenschaft gibt darauf eine eindeutige Antwort: Nein. Selbst das größte Umweltprogramm der Welt ist dafür zu klein. Erst ein neuer Wald, der die 27-fache Größe Deutschlands umfasst, hätte das Potential, genügend CO2 aufzunehmen, um klimarelevante Effekte zu verursachen. Trotz des gigantischen Aufforstungsprogramms bliebe China mit seinen großen Wüsten ein im Vergleich zu Deutschland eher waldarmes Land. Bis 2050 soll China über 25 Prozent Waldfläche verfügen. In Deutschland sind es schon heute 32 Prozent.

Nicht zu vergessen: Gigantische Programme wie in China und in Afrika ändern nichts an einem seit Jahrzehnten anhaltenden Trend. Wir verlieren mehr, meist den wichtigen Primärwald, als wir durch Aufforstung gewinnen.

Auch die Wüstenbildung schreitet voran. Eine Größe von der Fläche Bayerns geht jedes Jahr verloren.

Diskutieren Sie mit

    Mister Lee

    vor 2 Monaten

    Ich finde das Projekt sehr interessant und gut. Weiter so!

    PS. ich spende einen Cent

    Max Mustermann

    vor 2 Monaten

    Ich glaube, ich schließe mich Ihnen an, sie geben ein sehr gutes Beispiel an die anderen Menschen ab!! Danke

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