War watt? Wir alle sind Klimalügner

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist

Nach Studium, politischem Engagement und Berufseinstieg in Aachen zog es Hubertus Grass nach Sachsen. Beruflich war er tätig als Landesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Prokurist der Unternehmensberatung Bridges und Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Seit 2011 ist er als Unternehmensberater freiberuflich tätig.

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29. September 2016

Es gab keine offizielle Feierstunde. Und fast wäre das Jubiläum ganz unter den Tisch des Vergessens gefallen. Wir haben den Klimarettern zu danken, dass sie uns erinnern:  Vor 25 Jahren beschloss der Deutsche Bundestag die Drucksache „Schutz der Erde“, in der sich Deutschland zum erstem Mal Reduktionsziele bei den Treibhausgasen setzte. Und die waren durchaus anspruchsvoll.  Auch in der Debatte des Deutschen Bundestages war damals zu spüren, dass Klimaschutz ein gemeinsames Ziel aller Parteien war. Der Verlust der Ozon-Schicht hatte die internationale Umweltdiplomatie gestärkt und das Bewusstsein für die Gefahren geschärft. Im April 1991 hatte der Bundestag die Enquete-Kommission „Schutz der Erdatmosphäre“ eingesetzt, um an die Arbeit der Vorgänger-Kommission, die seit 1987 tagte, anzuknüpfen.

Damals war der Klimaschutz noch ambitioniert. Die Reduktionsziele des Jahres 1991 – beschlossen von CDU/CSU und FDP –  legen davon Zeugnis ab. So sah der Beschluss-Text vor, dass die CO2– Minderung bis zum Jahr 2005 ca. 30 Prozent betragen solle – in Relation zu den Werten des Jahres 1987. Bei den „weiteren energiebedingten klimarelevanten Spurengasen“ wurden als Minderungsziele für 2005 genannt:

  • Methan (CH4 ) um mindestens 30 Prozent,
  • Stickoxide (NOx) um mindestens 50 Prozent,
  • Kohlenmonoxid (CO) um mindestens 60 Prozent und
  • flüchtige Verbindungen (NMVOC) um mindestens 80 Prozent

Klimalügner passen die Ziele an, nicht die Emissionen

Keines der Ziele wurde auch nur annähernd erreicht. Keine politische Partei hatte den Mumm und die Kraft, diese Ziele in die Realität umzusetzen. Stattdessen wurde an den Zahlen gedreht. Als Basisjahr, an dem sich deutsche Klimapolitik fortan messen will, wurde 1990 – das Jahr der Deutschen Einheit – genommen. Statistisch machten wir damit auf einen Schlag einige Millionen Tonnen CO2 gut: 1990 liefen die veralterte Ost-Wirtschaft und die Braunkohlekraftwerke im Osten noch auf Hochtouren, ganz ohne Klimaschutzmaßnahmen, allein durch die De-Industrialisierung gingen in den nächsten Jahren die CO2–Emissionen drastisch runter. Und beim Neubau der Kraftwerke ließen sich ohne Anstrengung 30 Prozent CO2 sparen, weil der Wirkungsgrad dem Stand der Technik entsprechend auf 40 Prozent Anstieg, während zuvor bestenfalls 30 Prozent erreicht wurden.

Klimaschutz ohne, dass es jemandem ernsthaft weht tut  – seit der Modernisierung der ehemaligen DDR-Energiewirtschaft haben wir diese Potenziale aufgebraucht. Klimaschutz ist seitdem nur noch durch Anstrengung und Veränderung zu erreichen. Dazu scheinen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik nicht bereit zu sein. Was bleibt? Wir drehen weiter an den Zahlen und rechnen uns die Welt schön. Klimalügner eben.

Die Treibhausgasemissionen in Deutschland seit 1990.
Klimalügner sind wir, denn wir reden mehr, als dass wir handeln. Klimalügner sind wir, weil kaum jemand bereit ist, sein Verhalten zu verändern. 25 Jahre Klimaschutz – ohne Abwicklung der DDR wären die Erfolge gleich Null.

Klimalügner sind immer die anderen

Die Grafik des Umweltbundesamtes enthüllt die ganze Wahrheit jener 25 Jahre, in denen wir uns Klimaziele setzen. Abgesehen vom Rückbau der DDR-Wirtschaft und dem Neubau der dortigen Kraftwerke haben wir nichts, aber auch gar nichts erreicht. Wir haben viel Geld ausgegeben. Wir haben noch mehr geredet. Verändert haben wir wenig. Unser eigenes Verhalten ist weniger denn je klimaverträglich. Die Autos wurden größer, die Wohnung und Häuser auch. Flugreisen unternehmen wir häufiger. Fleisch essen wir immer noch zu viel und auf die Politik schimpfen wir wie eh und je.

Empfohlen sei die Analyse von Prof. Quaschning: „Deutschland versagt beim Klima­schutz: Treib­haus­gas­emissionen steigen 2015 wieder an.“

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