Warum wir einen Mindestpreis für CO2 brauchen: Internationale Studie zeigt Gründe auf

Gastautor Portrait

Dr. habil. Jörg Jasper

Konzernexperte Energiewirtschaft und Energiepolitik, EnBW Energie Baden-Württemberg AG

Nach seinem Studium der Wirtschaftswissenschaft an der Universität Hannover arbeitete Jasper ab 1994 dort als Wissenschaftlicher Mitarbeiter. Ab 1996 erhielt er ein Stipendium der Friedrich-Naumann-Stiftung. 1998 vollendete Jasper seine Promotion und schloss einen Forschungsaufenthalt in Russland an als Stipendiat der Fritz-Thyssen-Stiftung. Jasper habilitierte sich 2004 und erhielt die Venia Legendi für das Fach Volkswirtschaftslehre. Seit 2006 arbeitet Jasper für die EnBW Energie Baden-Württemberg AG, zunächst als Senior Economist und seit 2010 als Konzernexperte Energiewirtschaft und Energiepolitik.

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03. Dezember 2018
Qualmende Schornsteine einer Industrieanlage für den Beitrag Mindestpreis für CO2
Foto: pixabay
Börsenwerte in einer Tabelle
Der EU-Emissionshandel bietet noch keine ausreichenden Anreize, um in klimafreundliche Brennstoffe oder Erneuerbare Energien zu investieren. Ein CO2-Mindestpreis würde hier für Abhilfe sorgen.

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Nicht nur der Ökonom weiß: Wenn man will, dass Menschen ein Gut weniger nutzen, muss man es teurer machen. Wenn man will, dass Menschen in etwas Bestimmtes investieren, ist es sinnvoll, ihnen einen Teil des Risikos abzunehmen.

In der Energiewende soll beides passieren: Emissionen von klimaschädlichen Gasen sollen vermindert werden; gleichzeitig sollen Investoren einen Anreiz haben, in Erneuerbare Energien zu investieren.

In Europa ist es der Emissionshandel, der Anreize schaffen soll, Klimagasemissionen zu vermeiden, indem er Emittenten verpflichtet, für jede Tonne CO2, die sie in die Atmosphäre entlassen, einen Preis zu zahlen, der sich am Markt bildet. Wirkt dieser Mechanismus, werden Investoren in klimafreundlichere Brennstoffe investieren (z.B. Kohle durch Gas ersetzen, sogen. Fuel Switch) oder Erneuerbare Energien zubauen. Diese haben einen Marktvorteil dadurch, dass sie nichts für das CO2 bezahlen müssen.

Das Problem ist, dass sich in dem Emissionshandel – trotz jüngst zu verzeichnender Preisanstiege – noch keine ausreichenden Anreize gebildet haben, dies zu tun. Zum einen waren die Preise lange viel zu niedrig, um Investitionen in CO2-Vermeidung anzureizen; zum anderen bleibt auch in Phasen höherer Preise (wie derzeit) für Investoren, vor allem bei Erneuerbaren Energien, im Emissionshandel das Risiko bestehen, dass der CO2-Preis wieder einbricht.

Dies ist der Grund, weshalb wir einen CO2-Mindestpreis brauchen, denn ein CO2-Mindestpreis sichert den Marktpreis im ETS nach unten ab und mindert so das Investitionsrisiko in klimafreundliche Technologien. Außerdem steigen die Margen für klimafreundliche Technologien durch den Mindestpreis an, was vor allem den Ausbau der Erneuerbaren fördert.

Die Erkenntnis, dass ein Mindestpreis notwendig ist, dass er aber – um grenzüberschreitende Verschiebungen von Emissionen („Carbon Leakage“) zu vermeiden – in mehreren Staaten eingeführt werden muss, setzt sich in Europa mehr und mehr durch. So gibt es einen Mindestpreis bereits seit 2013 (sehr erfolgreich) im Vereinigten Königreich; Frankreich und die Niederlande planen die Einführung.

Studie spielt Szenarien durch und prognostiziert hoffnungsvolle Ergebnisse

Der Mindestpreis ist ein elegantes Mittel, Investitionsrisiken so zu reduzieren, dass sich klimafreundliche Investitionen lohnen

Die Frage ist: wie sehen die Effekte genau aus, die ein Mindestpreis für CO2 im Binnenmarkt hervorrufen würde? Um dies zu klären, hat sich EnBW, gemeinsam mit neun anderen europäischen Unternehmen an einer internationalen Studie beteiligt, die die Wirkungen eines Mindestpreises für CO2 im europäischen Binnenmarkt aufzeigt. Dabei wurde davon ausgegangen, dass ein Mindestpreis in 12 (westeuropäischen und skandinavischen) Mitgliedstaaten eingeführt wird.

Die Ergebnisse sind hochinteressant. So kam heraus, dass ein Mindestpreis das Investitionsrisiko um einen Prozentpunkt (was für eine Investitionsrechnung erheblich ist) abmindern kann – und zwar auch bereits dann, wenn er auf dem Niveau des erwarteten CO2-Preises gesetzt wird. Der Unterschied zwischen dem erwarteten CO2-Preis und dem Mindestpreis besteht dann nur darin, dass der Mindestpreis kein „downside-Risiko“ hat, so dass Investoren an einen garantierten CO2-Preis „glauben“ können. Ein ambitionierter Mindestpreis (20 EUR in 2020 und Anstieg auf 60 EUR in 2030) im Jahr 2030 zu 29% niedrigeren Emissionen in den 12 Mitgliedstaaten führt als im Referenzszenario ohne Mindestpreis und ohne Erneuerbaren-Förderung. Die auftretenden Minder-Emissionen in den „Mindestpreis-Staaten“ müssten dem Emissionshandel entzogen werden, weil es ansonsten zu einer Carbon Leakage käme. Tut man dies, vermindert man die Emissionen in der EU insgesamt gegenüber dem heutigen Emissionshandel. Gleichzeitig würde ein ambitionierter Mindestpreis die Kohleverstromung in der EU 28 im Jahr 2030 um fast die Hälfte reduzieren. Selbst ein niedriger Mindestpreis auf dem erwarteten CO2-Preisniveau würde zu einer Senkung der Kohleverstromung um 8% führen – ganz einfach deshalb, weil mehr in Erneuerbare investiert und die Kohle verdrängt würde.

Bereits ein niedriger Mindestpreis würde für sich genommen gegenüber dem Referenzszenario ohne Mindestpreis (und ohne Erneuerbaren-Förderung) den Anteil der Erneuerbaren Energien an der Stromproduktion in Europa in 2030 um drei Prozentpunkte steigern. Dies ist allein auf die Risikominderung für Investoren zurückzuführen. Ein ambitionierter Mindestpreis hätte eine ähnliche Erneuerbaren-Durchdringung zur Folge, wie sie sich mit der „klassischen“, heute üblichen Förderung einstellt, in der ein Investor für 15 bis 20 Jahre vollständig dem Strompreisrisiko entzogen ist.

Folgen für den Endkunden und Ausblick

Und die Kosten für den Endkunden? Der Mindestpreis würde mithilfe einer Steuer auf den CO2-Gehalt von Brennstoffen erhoben. Die Studie hat gezeigt, dass das so erzielte Steueraufkommen mehr als ausreichen würde, um die energieintensiven Industrien für einen Stromkostenanstieg zu kompensieren. Der Strompreisanstieg wäre allerdings auch nur sehr begrenzt, denn durch den zusätzlichen Ausbau der Erneuerbaren, der durch den Mindestpreis selber ausgelöst wird, kommt es wieder zu einer Dämpfung des Preises, so dass die Auswirkungen auf alle Kunden gering wären – zumal Umlagen, die heute für die Förderung der Erneuerbaren auf der Endkundenrechnung auftauchen, deutlich geringer ausfallen würden.

Auf die Dauer führt nach unserer Überzeugung kein Weg in eine „Energiewende-Welt“ daran vorbei, CO2-Emissionen effektiv zu bepreisen. Der Mindestpreis ist ein elegantes Mittel, Investitionsrisiken so zu reduzieren, dass sich klimafreundliche Investitionen lohnen. Es ist kein Wunder, dass die Unterstützung für dieses Instrument international immer weiter durchsetzt. Jetzt ist die Bundesregierung am Zug, gemeinsam mit Nachbarstaaten wie Frankreich, die sich bereits heute für einen CO2-Mindestpreis einsetzen, eine „Koalition der Willigen“ zu bilden und dieses Instrument einzuführen.

Dokumente und Downloads

Studie: Klimatische und sozioökonomische Untersuchung eines Mindestpreises für CO2 im Energiesektor in mehreren Mitgliedstaaten - PDF

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Erklärung globaler Unternehmen zum Mindestpreis für CO2 - PDF

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  1. Markus Bergdolt

    vor 2 Wochen

    Sehr geehrter Dr. Jasper, gleichzeitig stellt ein Mindestpreis auch einen Eingriff in die Marktmechanismen dar. Durch einen Mindestlohn steigt auch nicht automatisch die Beschäftigung...
    Warum nicht den CO2 - Preis durch ein begrenztes Angebot an Zertifikaten steuern? Die Klimaziele stehen schließlich langfristig fest. Durch eine Reduktion der am Markt verfügbaren Zertifikate steigt der Preis automatisch, was CO2 - effiziente Anlagen rentabler macht.
    Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen. Anstatt einer EEG - Vergütung bekommen Betreiber von Erzeugungsanlagen für Erneuerbare Energien CO2-Zertifikate für ihre erzeugte Energie. Jede erzeugte Kilowattstunde wird mit dem Durchschnittspreis des eingesparten CO2-Äquivalents vergütet. Die Folge: Nicht die Verbraucher werden durch eine EEG-Umlage bestraft, sondern Erzeuger von nachhaltiger Energie belohnt. Hier ist vermutlich ein regulierender Eingriff / Preisfestsetzung erforderlich, da sich Angebot und Nachfrage langfristig nicht ausgleichen werden (Ziel: 100 % Erneuerbare).
    Schritt für Schritt könnten in diesen umfassenden CO2 - Handel alle Verbraucher einbezogen werden, von der Heizungsanlage bis zum Verkehr (z. B. Kfz-Steuer auf Basis des CO2 - Ausstoßes je gefahrenem km), um die avisierten Klimaschutzziele gesamtwirtschaftlich und nicht allein auf dem Rücken der Energieerzeuger zu erreichen.

  2. Dr. habil. Jörg Jasper

    vor 2 Tagen

    Sehr geehrter Herr Bergdolt,
    entschuldigen Sie bitte meine verspätete Antwort. Es ist vollkommen richtig, dass der Emissionshandel eine langfristige Verknappung der Emissionsrechte vorsieht und dass aufgrund dessen langfristig auch deren Preis ansteigen wird. Die Frage ist, ob der Preispfad, der sich dabei im Zeitablauf ergibt, die richtigen Anreize für den Aufbau einer Erzeugungs- und Verbrauchsstruktur gibt, die mit den Klimazielen vereinbar ist. Wir haben uns in der Studie auch mit dieser Frage beschäftigt. Das Problem hier ist, dass der Aufbau dieser Struktur erhebliche Zeit benötigt und effizient über den noch zur Verfügung stehenden Zeitraum bis 2050 verteilt werden muss. Das Ergebnis war, dass das ETS-Preissignal im Zeitablauf hierzu nicht optimal ist, dass also – hochtrabend technisch formuliert – die Preise im ETS nicht intertemporal effizient sind, weil sie in den gegenwartnahen Jahren zu niedrig sind. So kann es z.B. dazu kommen, dass in Ländern, die weiterhin auf die Kohle setzen, weiterhin Investitionssignale zugunsten von emissionsintensiven Kraftwerken (Kohle-Lock-In) gegeben werden.

    Die Ausgabe von werthaltigen Zertifikaten an Produzenten von Erneuerbaren Energien ist in der Tat ein vieldiskutiertes System zum Anreiz klimafreundlicher Erzeugung. Die Idee ist ja durchaus charmant. Derartige „Grüne-Zertifikate“-Systeme wurden in bspw. in UK und in Schweden eingeführt; auch Südkorea verwendet diesen Ansatz zur Förderung der Erneuerbaren. Dabei schafft man durch verpflichtende Erneuerbaren-Quote im Portfolio der Stromvertriebe (Renewable Portfolio Standard, RPS) eine Nachfrage nach den Zertifikaten, so dass sich ein Marktpreis für diese einstellt. Das Problem dieser Systeme war bisher meist, dass der Zertifikatepreis sehr volatil war und sich Investoren in Erneuerbare Energien folglich erheblichen Risiken von Preiseinbrüchen ausgesetzt sahen, die Investitionen wiederum eher hemmten. Der Grund hierfür war, dass die Nachfrage nach den Zertifikaten aufgrund des RPS für einen gewissen Zeitraum starr ist. Weitet sich die Menge der Zertifikate aufgrund des Erneuerbaren-Ausbaus aus, fällt der Preis (z.T. deutlich, wie die Vergangenheit gezeigt hat). Letztlich hat man hier ein regulatorisches Problem (und damit auch ein regulatorisches Risiko): der Staat muss den RPS laufend so anpassen, dass er mit dem Erneuerbaren-Ausbau Schritt hält. Die Risiken derartiger Systeme haben dazu geführt, dass bspw. UK das System wieder aufgegeben hat.
    Die Ausweitung eines Grüne-Zertifikate-Systems in Sektoren wie Verkehr wurde in der Tat immer wieder diskutiert. Meistens scheiterten derartige Versuche aber an dem Verweis auf die Transaktionskosten. Ich persönlich halte dieses Argument aber nicht für so stichhaltig, dass daran eine Einführung systematisch scheitern müsste, m.a.W. hierzu könnte man sicher Lösungen finden. Die Einführung würde vermutlich eher an den o.g. Gründen scheiten.
    Herzliche Grüße,
    Jörg Jasper

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