PV/Speicher: Einen bereits gut laufenden Motor der Energiewende zwei Gänge höher schalten

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Thomas Augat

Geschäftsführer und CFO, SENEC GmbH

Thomas Augat ist seit 2018 Geschäftsführer und CFO des Leipziger Anbieters von Stromspeichern SENEC GmbH. Er hat an der Universität Bayreuth BWL studiert und ist seit 2005 in unterschiedlichen kaufmännischen bzw. kommerziellen Führungspositionen und Organfunktionen im EnBW-Konzern tätig. Sein Schwerpunkt liegt dabei auf den Bereichen Erzeugung und Vertrieb. Über viele Jahre gestaltete er unter anderem den Ausbau der Erneuerbaren Energien bei der EnBW maßgeblich mit und verantwortete die Akquisition der SENEC durch die EnBW im März 2018.

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10. November 2022

Photovoltaik-Dachanlagen sind bereits heute im Zusammenspiel mit Stromspeichern ein gut laufender Motor der Energiewende. Aber dieser Motor hat noch jede Menge Potenzial. Dieses muss schnellstmöglich gehoben werden, um einen wichtigen Beitrag zur Energiewende zu leisten. Dafür notwendig: Konsequente Vereinfachungen und die Verbesserung von Rahmenbedingungen bei Mehrfamilienhäusern und Quartieren.

PV/Speicher: ein gut laufender Motor der Energiewende

War früher zumeist der erste Schritt zur persönlichen Energiewende des Einfamilienhausbesitzers die Photovoltaikanlage, so ist es heute oft im ersten Schritt das Elektroauto.

Thomas Augat

In Deutschland werden dieses Jahr ca. 250.000 Photovoltaik-Anlagen auf privaten Dächern installiert. Die große Mehrzahl der Anlagen zusammen mit einem Heimspeicher. Die Nachfrage ist sicher noch deutlich höher, wird aber durch Knappheit bei elektronischen Bauteilen sowie den verfügbaren Installationskapazitäten angebotsseitig begrenzt. Aber auch der realisierte Zubau entspricht einer PV-Leistung von ca. 2,5 Gigawatt, also mehr als einem Viertel des gesamten deutschen Zubauziels inkl. Gewerbe- und Freiflächenanlagen für 2022. Dieser wesentliche Beitrag wird in seiner Quantität und Qualität häufig nicht ausreichend gewürdigt.

Photovoltaik-Anlagen und Stromspeicher bilden ein perfektes Gespann: PV-Dachanlagen sind heute ein günstiger Zugang zu erneuerbarer Eigenstromerzeugung – und für viele private Akteure der Einzige. Ein Speicher puffert die Energieflüsse und erhöht somit die Eigennutzung des selbsterzeugten Stroms, und entlastet die Stromnetze.

Treiber der bereits heute hohen Nachfrage sind der Wunsch der Menschen, etwas gegen die hohen Strompreise zu tun und dabei gleichzeitig einen Beitrag für den Klimaschutz und Versorgungssicherheit zu leisten. Zusätzlich werden Wärmewende (Wärmepumpen) und Verkehrswende (E-Mobilität) zu einem stark steigenden Strombedarf im und um das Haus führen und somit die Nachfrage dauerhaft sogar noch weiter steigern. War früher zumeist der erste Schritt zur persönlichen Energiewende des Einfamilienhausbesitzers die Photovoltaikanlage, so ist es heute oft im ersten Schritt das Elektroauto.

Und die Nachfrage ist nicht nur hierzulande hoch. Im Gegenteil: Blickt man über den Tellerrand Deutschlands, wird klar: Die Photovoltaik-Speicher-Kombination, bei der wir lange Vorreiter waren, ist mittlerweile wesentlicher Bestandteil der EU-Strategie. Damit nehmen die Installationen auch in anderen Ländern zu – beispielsweise in Italien, aber auch in Skandinavien oder den Benelux-Ländern.

Auch wenn Teile der Hardwarekomponenten für PV und Speicher aus Asien kommen, ist die lokale Wertschöpfung bei privaten PV/Speichern mit etwa 80 Prozent hoch [...]

Thomas Augat

Der Beitrag von PV/Speichern zur Energiewende in Deutschland und Europa ist nicht nur wichtig, weil er quantitativ bedeutend ist. Er hat auch weitere Vorteile.

Er macht eher passive Energiekonsumenten zu Prosumenten, die sowohl Energie erzeugen als auch verbrauchen und sich folglich für die Zusammenhänge interessieren und nach Optimierungsmöglichkeiten suchen. Durch das Energiemanagementsystem im Speicher werden Energieflüsse laufend und bequem beispielsweise über eine App transparent. Verhaltensänderungen jedes Einzelnen als ein Schlüssel zur Energiewende müssen so nicht über Gesetze und Auflagen „erzwungen“ werden, sondern ergeben sich ganz automatisch aus eigener Motivation.

PV/Speicher sind für den Endkunden durchaus wirtschaftlich, wenn man vernünftige Maßstäbe anlegt. Und sie sind es nun auch unmittelbar für die Volkswirtschaft: bereits seit Mitte letzten Jahres liegt der Marktwert des erzeugten PV-Stromes oberhalb der gewährten Einspeisevergütung.

Auch wenn Teile der Hardwarekomponenten für PV und Speicher aus Asien kommen, ist die lokale Wertschöpfung bei privaten PV/Speichern mit etwa 80 Prozent hoch, zumal wenn auf deutsche Hersteller gesetzt wird. Es sind unzählige mittelständische Solar-Handwerksbetriebe, die Kunden individuell beraten, Anlagen fachgerecht planen und installieren und auch Service und Wartung übernehmen.

Schließlich erfahren Photovoltaik-Dachanlagen anders als beispielsweise Windkraftanlagen kaum öffentliche Widerstände, weil die Nutzung von Dachflächen in aller Regel weder Dritte noch die Natur beeinträchtigt. Aufgrund der gegenüber Windkraft kurzen Planungs- und Bauzeiten kann der Zubau mit den richtigen Rahmenbedingungen weiterhin schnell erhöht werden.

Konsequente Vereinfachungen und Mieter/Quartiersstrom: den Motor zwei Gänge höher schalten

Eine gute Nachricht ist: Die Politik hat die Bedeutung dieses Motors für die Energiewende erkannt, und ist bestrebt, Rahmenbedingungen zu verbessern. Das betrifft etwa den weitgehenden Wegfall der Wirkleistungseinspeisebegrenzung, die Möglichkeit, kleine PV-Anlagen aus der umsatzsteuerlichen und ertragssteuerlichen Sphäre herauszunehmen oder den Wegfall der EEG-Umlage, die zuvor den Eigenverbrauch in bestimmten Konstellationen belastet hat.

Aber trotz aller Verbesserungen sind Installation und Betrieb einer PV/Speicher-Anlage noch mit zu vielen Regularien und komplexen Prozessen belastet – sowohl für den Handwerker vor Ort als auch den interessierten Endkunden.

1. Gang

Im Kern geht es um die weitere konsequente Vereinfachung etwa durch Digitalisierung. Viele Prozesse sind komplex und insbesondere mit Blick auf die Abwicklung mit dem Netzbetreiber allenfalls zwar teilweise digital, aber praktisch nicht standardisiert. Das Thema hat es mittlerweile bis in die „heute-show“ geschafft. Konkret muss eine PV-Anlage beim Netzbetreiber angemeldet werden – es gibt in Deutschland aber mehr als 900 Netzbetreiber und jeder hat sein eigenes Formular und unterschiedliche Anforderungen an die einzureichenden Informationen/Unterlagen, das teilweise noch in Papierform eingereicht werden muss. Und so verbringen Handwerksfirmen viel Zeit und Personal mit je Netzgebiet individuellen Netzanschlussanträgen und dem Warten auf deren Bearbeitung statt noch mehr PV-Anlagen zu installieren. Wohlgemerkt: das ist nur ein Beispiel dafür, dass bei allen Akteuren noch deutliche Effizienzpotentiale gehoben werden könnten.

Und ein weiteres Beispiel: Durch die stark gestiegenen Zinsen und verschärfte Kreditvergabekriterien der Banken ist es für eine steigende Anzahl von Kunden schwierig, eine Finanzierung für ihre PV/Speicher-Investition zu bekommen. Es geht dabei weniger um die Wirtschaftlichkeit der Investition – die ist trotzdem gegeben – sondern um die eingeschränkte Finanzierungsmöglichkeit. Hier wäre es ein Ansatzpunkt, die bestehenden KfW-Programme auch faktisch nutzbar zu machen. Denn: heute sind vorhandene Töpfe wie KfW 270 faktisch kaum wirksam, weil den meisten Banken deren Abwicklung für kleine PV-Vorhaben zu komplex ist.

2. Gang

Es muss der Sprung vom Einfamilienhaus zum Mehrfamilienhaus und Quartier kommen. In dieser Erweiterung des Betrachtungsraumes einer eigenen Energieversorgung, meist um nur wenige Meter nach dem „Netzverknüpfungspunkt“ oder dem Stromzähler, schlummert riesiges Potenzial, das bisher weitgehend ungenutzt ist.

Bislang war es weitgehend nur Hauseigentümern im selbst genutzten (Einfamilien)-Haus möglich, von einer PV/Speicher-Lösung zu profitieren. Es wäre ein wesentlicher Durchbruch für das Vorankommen der Energiewende, wenn auch das hohe Potential von Dächern auf Mehrfamilienhäusern mit ihren Mietern systematisch genutzt werden könnte. Offensichtlich würde gleichzeitig auch ein zuweilen beklagter sozialer Schiefstand bei PV-Anlagen beseitigt.

Es wäre ein wesentlicher Durchbruch für das Vorankommen der Energiewende, wenn auch das hohe Potential von Dächern auf Mehrfamilienhäusern mit ihren Mietern systematisch genutzt werden könnte.

Thomas Augat

Beim Mieterstrom wird der Eigenverbrauch nunmehr mit dem Wegfall der EEG-Umlage im Wesentlichen wie im EFH-Fall behandelt, aber der Eigentümer der Anlage wird weiterhin zum Stromlieferanten erklärt (so wie ein Energieversorger) mit u.a. der Folge, dass zusätzliche Messtechnik verbaut werden muss und eine eigene vollumfängliche Stromrechnung mit allen gesetzlichen Informationspflichten erstellt werden muss. Das führt dazu, dass Mieterstrommodelle weiterhin ein Schattendasein führen. Natürlich gibt es dafür nachvollziehbare Gründe, nicht zuletzt im Mieterschutz, aber wenn der Ausbau Erneuerbarer Energien oberste Priorität haben muss, müssen eben Interessen wohlverstanden anders abgewogen werden. Eine vereinfachte Abrechnung über die Betriebskosten könnte hier eine Lösung sein.

Wer heute PV-Strom nicht nur im Haus, sondern über das öffentliche Netz zur Verfügung stellen will – zum Beispiel dem Nachbarn oder einem gemeinschaftlichen Speicher oder einer gemeinschaftlichen Ladestation – , wird dabei nicht nur zum Energieversorger, sondern zudem wird diese Stromlieferung ggf. nur über wenige Meter mit allen Steuern und Abgaben belastet. Das erscheint wenig verursachungsgerecht. Dies verhindert heute die Hebung der vielfältigen Möglichkeiten mit hohen Ausbau- und Effizienzpotentialen, die durch gemeinschaftliche Infrastruktur in Wohnquartieren realisierbar wären. Im Neubau mögen in bestimmten Fällen Arealnetze hier eine Alternative sein, aber im Bestand bleiben die Potentiale ungenutzt. In anderen Ländern wie zum Beispiel Italien werden solche Energiegemeinschaften im Bestand hingegen nicht nur ermöglicht, sondern sogar gezielt gefördert.

Die Energiewende stellt uns vor große Herausforderungen. PV/Speicher-Anlagen leisten bereits heute einen wesentlichen Beitrag zur Energiewende und dieser Beitrag muss zwingend deutlich erhöht werden. Das ist möglich. Es bedarf dazu weder fundamentaler Änderungen noch hoher Subventionen, sondern nur der staatlichen Bereitschaft, diesen Motor zwei Gänge höher zu schalten durch Vereinfachung und Anerkennung dezentraler Strukturen in der Energieversorgung.

Der „Markt“, also begeisterte Prosumenten, innovative Hersteller und unser leistungsfähiges Handwerk, werden dann diesen wesentlichen Beitrag realisieren.

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