War watt? Macht die deutsche Automobilindustrie nur ein Nickerchen…..

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist

Nach Studium, politischem Engagement und Berufseinstieg in Aachen zog es Hubertus Grass nach Sachsen. Beruflich war er tätig als Landesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Prokurist der Unternehmensberatung Bridges und Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Seit 2011 ist er als Unternehmensberater freiberuflich tätig.

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30. März 2017

China hui, Europa pfui. Das ist die sehr knappe Zusammenfassung des aktuellen Electric Vehicle Index (EVI) von McKinsey. Mit dem EVI untersucht die Unternehmensberatung den Stand der Entwicklung der Elektromobilität in den 14 wichtigsten Nationen. Neben der Marktentwicklung wird auch der Stand in der industriellen Fertigung analysiert. Betrachtet werden dabei Anteil an der weltweiten Produktion von Elektrofahrzeugen sowie wichtiger Komponenten. China ist auf dem Weg sowohl zum Markt- als auch zum Industrieführer bei der Elektromobilität zu werden. Deutschland steht bei der Industrie (noch) auf Rang drei hinter China und Japan. Bei der Marktentwicklung liegen wir auf Rang 13. Macht die deutsche Automobilindustrie nur ein Nickerchen…..

…oder ist sie ins Koma gefallen?

Der Dieselskandal zieht immer weitere Kreise. Es ist offenkundig, dass VW nicht allein betrogen hat. Auch anderen deutschen Herstellern hat es nicht an krimineller Energie gefehlt. Die Deutsche Umwelthilfe hat jetzt offen gelegt, dass selbst Premiumhersteller von Euro 6 Diesel-PKWs die Grenzwerte der EU-Norm für Stickoxide fast um den Faktor 13 überschreiten. Gegen den Premiumhersteller Audi ermittelt jetzt auch die Staatsanwaltschaft. Selbst die seriöse Tagesschau kommentierte da bösartig: „Vorsprung durch „Betrugstechnik?“

Auch ins Hause Daimler kamen die Staatsanwälte nicht zum Höflichkeitsbesuch: Sie „…ermitteln gegen namentlich bekannte und unbekannte Mitarbeiter der Daimler AG wegen des Verdachts des Betrugs und der strafbaren Werbung.“ Und ein anderes Juwel der deutschen Industrie, das Unternehmen Bosch, hat schon 300 Millionen € an zivile Kläger bezahlt. Zu Ende ist der Skandal aber längst noch nicht. In Deutschland hat die straf- und zivilrechtliche Aufarbeitung gerade erst begonnen. An die politische Aufarbeitung gar nicht erst zu denken. Und nun ist auch das direkte Umfeld des neuen VW-Chefs Matthias Müller vom Skandal betroffen.

Macht die Automobilindustrie ein Nickerchen?
Der WORK ist ein Transporter mit Elektroantrieb. StreetScooter aus Aachen gehört seinem Jahr der Deutschen Post.

Selbstreinigungskräfte? Eingeständnisse von Schuld? Fehlanzeige.

So etwas wie Selbstreinigungskräfte scheint es in der deutschen Automobilindustrie nichts zu geben. Zugegeben: VW, Daimler, Audi, Porsche und auch Bosch haben über Jahrzehnte ganz vorne auf dem Weltmarkt mitgespielt. Kein anderes Land hat in der Automobiltechnik so viel Know-how und Spitzentechnologie zu bieten wie Deutschland. Werden die Tricksereien dadurch entschuldbar? Keinesfalls. Nachdem, was wir wissen, haben die Automanager nicht nur die Behörden, sondern vor allem die Verbraucher seit Jahren mit einem hohen Maß an krimineller Energie hinters Licht geführt. Sie haben die Politik mit wohl organisierter und gut bezahlter Lobby beeinflusst. Sie haben dem Europaparlament ihre Bedingungen diktiert und haben am Erfolg dieser Strategie auch finanziell partizipiert. Mitleid wäre fehl am Platze. Den Beschäftigten sollte unsere Sorgen gelten.

Für die Fehler übernimmt nun niemand die Verantwortung. Wer aus der Reihe der Verantwortlichen hilft bei der Aufklärung dieses ungeheuerlichen Skandals? Was wir erleben, ist die Fortsetzung der Arroganz mit andern Mitteln. Weiterhin wird verschleiert und abgewiegelt. Die europäischen Verbraucher sollen keinen Cent Entschädigung erhalten. Nein, die deutsche Autoindustrie macht kein Nickerchen. Sie fährt nur die falsche Richtung.

E-Mobilität aus Aachen

Dabei gibt es Hoffnung. Sie kommt beispielsweise aus Aachen. Dort sitzen gleich zwei Unternehmen, die das Zeug haben, dem Automobilstandort Deutschland wieder die richtige Richtung zu weisen. Das Unternehmen StreetScooter wurde 2010 im Umfeld der RWTH Aachen gegründet, um Elektromobilität auch in kleinen Stückzahlen wirtschaftlich attraktiv zu machen.  Im Fokus von StreetScooter stehen Fahrzeuglösungen für die Logistik auf der sogenannten „letzten Meile“. Im Auftrag der Deutschen Post DHL Group wurde der  „Work“ (s. Bild) entwickelt. Vor einem Jahr wurde mit der Serienfertigung begonnnen. Bis Jahresende wurden bereits 2.000 Fahrzeuge produziert.

Für einen ganz anderen Einsatz ist der e.Go Life ausgelegt, der jetzt auf der CeBIT vorgestellt wurde. Er ist für den Stadtverkehr und den Transport von Personen konzipiert und soll nach Abzug E-Auto-Prämie nur etwas über 10.000 € kosten. Damit werde Elektroflitzer aus Aachen das erste E-Auto, das es im Preiswettbewerb mit der fossilen Konkurrenz locker aufnehmen kann. Das in Leichtbauweise hergestellte Auto soll nur 650 Kilogramm (ohne Batterie) wiegen. Bei einer 14,4-kWh-Batterie und einem 48V-Antriebssystem wird man im Stadtverkehr flott unterwegs sein. Auch die Reichweite von bis zu 140 Kilometern ist für diese Anwendung  ausreichend.

RWTH Aachen mit einzigartiger Infrastruktur für E-Mobilität

Dass auch dieses E- Auto aus Aachen kommt, ist kein Zufall. Denn rund um die RWTH wurde die nötige Infrastruktur E-Mobilität aufgebaut und mit den Forschungen zu den Megatrends Industrie 4.0 und Digitalisierung vernetzt. Nur in Aachen gibt es ein Elektromobilitätslabor (eLab) zur Erforschung der Elektromobilität. An der Einrichtung der RWTH können Unternehmen oder Institute die Technologie entwickeln oder die Tests durchführen. Schon sechs Wochen nach der Übernahme des StreetScooter durch die Post wurde die e.GO mobile AG gegründet.  Im Februar nächsten Jahres soll die Serienproduktion des neuen Flitzers starten. Gedacht ist an eine Kapazität von bis zu 10.000 Fahrzeugen pro Jahr.

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  1. Windmüller

    vor 2 Jahren

    Ich bin von Natur aus Optimist. Gewisse Dinge kommen von allein. Die Post hat in unserer Stadt 8 streetscooter im Einsatz, dazu 8 wallboxen, an denen zusammen 16 Fahrzeuge geladen werden können.Es war ja schon ein Hammer, dass die deutsche Autoindustrie nicht fähig war, der Post passende Fahrzeuge zu liefern.Aber das wird schon.

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