Kohleausstieg muss heute eingeleitet werden

Gastautor Portrait

Prof. Dr. Claudia Kemfert

Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung Berlin

Prof. Dr. Claudia Kemfert leitet seit April 2004 die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist seit April 2009 Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance (HSoG). Sie ist eine mehrfach ausgezeichnete Spitzenforscherin und gefragte Expertin für Politik und Medien. Zuletzt erhielt sie den Deutschen Solarpreis sowie den Adam-Smith-Preis für Marktwirtschaftliche Umweltpolitik. Ihr neustes Buch „Das fossile Imperium schlägt zurück – Warum wir die Energiewende verteidigen müssen“ erschien im April 2017.

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25. September 2019

Kohlekraftwerke sind für knapp 40 Prozent des Stromproduktion und circa 80 Prozent der CO2-Emissionen des deutschen Stromsektors verantwortlich. Um die Ziele aus dem Klimaschutzplan der Bundesregierung aus 2016 einzuhalten, der für die Energiewirtschaft bis zum Jahr 2030 eine Minderung der CO2-Emissionen von 60 bis 62 Prozent gegenüber 2014 vorsieht, muss eine deutliche Reduzierung der Kohleverstromung bereits bis 2030 einen entscheidenden Beitrag leisten und zentrale Weichen für den darüber hinausgehenden vollständigen Kohleausstieg gestellt werden.

Ein Ausstieg aus der Kohleverstromung ist nicht nur klimapolitisch notwendig, sondern auch energiewirtschaftlich sinnvoll und technisch und wirtschaftlich machbar, dies zeigen eine Fülle von Studien. Der Nutzen eines Kohleausstiegs übersteigt bei weitem die Kosten – auch, weil er starke Investitions- und Innovationsimpulse setzt. Durch einen Kohleausstieg in Deutschland werden notwendige Investitionen in den Bereichen Nachfragemanagement, Speicher, Power-to-X-Anwendungen und Effizienztechnologien angereizt, Technologien, die nicht nur in Deutschland gebraucht werden, sondern auch große Chancen auf den Exportmärkten eröffnen. Eine Reduzierung der Kohleverstromung kann an einigen Stellen zudem zu einer deutlichen Entlastung der Netzsituation führen.

Sozialverträglichkeit und Perspektive

Abbildung von Beschäftigungsstruktur und Renteneintritte im Tagebau.

Quelle: Umweltbundesamt

Ein Ausstieg aus der Kohleverstromung in Deutschland wird aber nur dann zu einem multiplikationsfähigen Modell für andere Ländern werden, wenn er sozialverträglich gestaltet werden kann. Aktuell sind noch rund 18.500 Personen direkt in den Braunkohlekraftwerken und -tagebauen beschäftigt; weitere 4.000 bis 8.000 Menschen sind in den Steinkohlekraftwerken tätig. Ein großer Teil des Beschäftigungsrückgangs im Kohlesektor ließe sich zwar durch einen regulären Renteneintritt auffangen.

Aber auch, wenn der Ausstieg so umgesetzt werden kann, dass er kaum negative Auswirkungen für die derzeitige Generation der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hat, muss insbesondere für folgende Generationen der Strukturwandel aktiv unterstützt werden. Investitionen in neue zukunftsfähige Arbeitsplätze, aber auch die Verbesserung weicher Standortfaktoren sind notwendig, um attraktive Lebensbedingungen zu schaffen und den Menschen aussichtsreiche Perspektiven in den ehemaligen Kohleregionen zu bieten. Dabei bieten sich in den drei Braunkohleregion Deutschlands trotz unterschiedlicher Rahmenbedingungen gleichermaßen gute Chancen, nicht nur an energiewirtschaftlichen Traditionen festhalten zu können (z.B. durch die Etablierung als Energiesystemdienstleistungs- und Powert to X-Standort), sondern auch in anderen Bereichen Fuß zu fassen.

Technologische Grundlagen für den Kohleausstieg

Auch die Verfügbarkeit von Energiespeichern stellt keinen Engpass für den Kohleausstieg dar

Prof. Dr. Claudia Kemfert

Die Studien- und Forschungslage zeigt, dass die für einen Ausstieg aus der Kohleverstromung notwendigen Technologien heute vorhanden sind beziehungsweise deren Entwicklung so weit fortgeschritten ist, dass sie rechtzeitig zum Einsatz kommen können. Die Kosten für Wind- und Solarstrom liegen heute in etwa gleich auf oder sogar unter denen aus neuen fossilen Kraftwerken.

Auch die Verfügbarkeit von Energiespeichern stellt keinen Engpass für den Kohleausstieg dar. Simulationsrechnungen zeigen, dass bis zu einem Anteil von bis zu 80 Prozent erneuerbarer Energien im Strom-Mix Flexibilisierungsoptionen, wie etwa die Sektorenkopplung, die stromgeführte Kraft-Wärme-Kopplung, Wärmespeicher und das sogenannte Demand-Side-Management hinreichend sind, um den Anforderungen der Systemintegration gerecht zu werden und insgesamt auch kostengünstiger sind als saisonale Stromspeicher.

Steuerbarkeit des Transformationsprozesses

Die Steuerbarkeit des Transformationsprozesses ist für alle Akteure am höchsten, wenn Kohlekraftwerke nach einer festgelegten Reihenfolge stillgelegt werden. Dies schafft den notwendigen Vorlauf für regionale Strukturentwicklung. Dagegen sind bei preisbasierten Instrumenten wie dem CO2-Mindestpreis, aber auch bei Stilllegung mit großzügigen Übertragungsmöglichkeiten zwischen Kraftwerken, die konkreten Auswirkungen vor Ort schwerer abzuschätzen. Das würde die Möglichkeiten einschränken, dies mit entsprechend zeitlichem Vorlauf zielgerichtet vorzubereiten, auf der anderen Seite aber die Flexibilität bei der Umsetzung erhöhen.

Der Kohleausstieg ist somit klimapolitisch notwendig, energiewirtschaftlich sinnvoll sowie technisch und wirtschaftlich machbar. Vor diesem Hintergrund kommt es jetzt auf den politischen Gestaltungswillen an, um die sich mit einem geordneten Kohleausstieg verbundenen Chancen konkret zu nutzen.

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  1. Thomas Unnerstall

    vor 2 Monaten

    Im Kern sehr einverstanden - aber man sollte schon erwähnen, dass wir als Ersatz für die Kohlekraftwerke aus Versorgungssicherheits- und aus Netzgründen neue Gaskraftwerke brauchen: insgesamt 30-40.000 MW, bis 2030 also 15-20.000 MW. Das ist neben dem forcierten Ausbau von PV, Wind und Speichern eine anspruchsvolle Aufgabe, auch wegen evtl. lokalen Akzeptanz-Problemen.

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