Jugend ohne Zukunft? Ohne uns!

Gastautor Portrait

Lara Schech

Gastautor
19. Dezember 2018

Als Mitglied der Klimadelegation und mit Akkreditierung über die Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen setze ich mich für Generationengerechtigkeit, Jugendbeteiligung und eine internationale Energiewende ein.

Die Klimakonferenz von Kattowitz ist beendet, das Abschlusspapier verabschiedet, die meisten Delegierten sind inzwischen wieder zu Hause. Man schaut zurück auf zwei Wochen intensiver Arbeit – mit gemischten Gefühlen. Es ist begrüßenswert, dass überhaupt ein Regelwerk zustande gekommen ist. Angesichts der teils schwer belasteten internationalen Beziehungen der letzten Jahre und der Renitenz, die manche Länder in Kattowitz aufgefahren haben, ist das schon eine Leistung. Gleichzeitig frustriert das Ergebnis, scheint doch die Dringlichkeit der Lage bei einigen noch längst nicht angekommen zu sein.
Gerade die junge Zivilgesellschaft wünscht sich deutlich mehr Ehrgeiz und Ambition, auch angesichts der kürzlichen Warnung des Weltklimarats, dass die Staatengemeinschaft nur noch zwölf Jahre Zeit für effektiven Klimaschutz habe. Die derzeitigen Emissionen der Länder führen zu einer Erderwärmung von drei bis vier Grad. Laut dem neuesten Sonderbericht des Weltklimarats hat – anders als bisher angenommen – schon eine Erwärmung von zwei Grad drastische Auswirkungen auf das Leben auf der Erde. Zur Erreichung des notwendigen 1,5 Grad-Ziels sind erhebliche nationale Einsparmaßnahmen erforderlich. Es liegt nun an den einzelnen Ländern, ihre Beiträge zu Emissionsminderung und Klimafinanzierung deutlich zu erhöhen, im kommenden Jahr muss auf UN-Ebene nachgearbeitet werden. Dann bleibt uns nur noch ein knappes Jahrzehnt.

Schon seit dem Klimagipfel in Bonn im letzten Jahr bin ich als Jugenddelegierte und Beobachterin bei den UN-Klimakonferenzen aktiv. Als Mitglied der „Klimadelegation“ und mit Akkreditierung über die Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen (SRzG) setze ich mich für Generationengerechtigkeit, Jugendbeteiligung und eine internationale Energiewende ein. Wir sind jedes Jahr mit einem größeren Team vor Ort, fahren auch zu den Zwischengipfeln („Intersessionals“) und bringen jungen Menschen Klimapolitik und die UN-Verhandlungen näher.

Junge Menschen auf den UN-Klimakonferenzen

Redner und Publikum des Jugendpanels im Deutschen Pavillon
Redner und Publikum des Jugendpanels im Deutschen Pavillon

Foto: privat

Auf den UN-Klimakonferenzen gibt es zahlreiche Menschen, die verschiedenste Interessen vertreten. Die Vereinten Nationen unterscheiden zum Beispiel zwischen den Umwelt-, Wirtschafts- und Wissenschaftsvertretern. Alle Jugendverbände und Jugenddelegierte, die an den Konferenzen teilnehmen, organisieren sich in der internationalen Jugendvertretung YOUNGO. Auch die Klimadelegation ist Teil dieses Bündnisses. YOUNGO hat in den großen Plenarversammlungen, bei denen knapp 200 Länder zusammenkommen, auch einen Sitz und Redezeit. Wir können also gemeinsam sogenannte Interventionen vorbereiten und so versuchen, Einfluss auf die Debatte zu nehmen. Das ist wichtig, weil wir als Beobachter nicht selbst über den Text verhandeln können, sondern unsere Stimme durch die Länderdelegationen als Sprachrohr in den Prozess eingebracht werden muss. 2015 zum Beispiel schaffte es das Stichwort “Generationengerechtigkeit” wegen des jahrelangen Drucks der Jugendorganisationen in die Präambel des Pariser Klimaabkommens.

Auch mit der eigenen Organisation kann man einiges bewirken. In diesem Jahr erreichten wir ein gewisses Momentum für das Thema Jugendpartizipation. Am Wochenende zwischen beiden Gipfelwochen organisierte die Klimadelegation einen internationalen Jugendaustausch. Deutsche, polnische und französische Jugenddelegierte holten sich während eines eintägigen Workshops Input aus anderen Ländern und formulierten gemeinsam Forderungen an Politik und EU. Diese stellte ich gemeinsam mit drei weiteren Jugenddelegierten dann auf einem Panel im Deutschen Pavillon vor, bei dem die Staatssekretäre Jochen Flasbarth (BMU) und Dr. Maria Flachsbarth (BMZ) sowie andere hochrangige Mitarbeiter aus deutschen, polnischen und französischen Ministerien dabei waren. Wir sprachen über Plastik im Meer, den Ausstieg aus fossilen Energien und natürlich über Generationengerechtigkeit und warum es so wichtig ist, junge Menschen in politische Prozesse mit einzubeziehen. Der Austausch war so dynamisch und konstruktiv, dass die Idee in den Raum geworfen wurde, Jugendliche in den am nächsten Tag stattfindenden High-Level Talanoa Dialog mitzunehmen. Und tatsächlich wurde mir tags darauf angeboten, Bundesministerin Svenja Schulze bei dem Termin zu begleiten und selbst ein Statement abzugeben. Klaudia, meine polnische Mitstreiterin vom Panel, durfte gleichzeitig beim polnischen Vertreter mitkommen.

Der Talanoa-Dialog: Kurze Rede, langer Sinn

Der Sitz der Jugendverbände im Plenum
Der Sitz der Jugendverbände im Plenum

Foto: privat

Der Talanoa Dialog ist, der Name verrät es schon, ein Dialogprozess, der auf einem fidschianischen Diskussionskonzept beruht. In knapp fünfminütigen Reden erzählen sich die Delegierten dabei Geschichten aus ihrer Heimat. Den roten Faden stellen drei Fragen: Wo stehen wir? Wo wollen wir hin? Und wie kommen wir dahin? Die Hoffnung: Wenn man persönlich wird, schafft das Vertrauen. Man kann Best Practice Beispiele miteinander teilen, erzählen, welche Ansätze schon funktioniert haben. Für manche ist es eine gute Möglichkeit, um auf die teils heute schon gravierenden Folgen des Klimawandels in ihren Heimatländern und die damit einhergehende Dringlichkeit hinzuweisen. Es bringt nicht nur eine gefühlte Bodenständigkeit zurück in die Verhandlungen, sondern arbeitet darauf hin, Lösungen zu finden, die für alle gut sind.

In der Runde, an der ich teilnahm, trafen Ministerin Schulze und ich auf Vertreter aus China, Indonesien, Pakistan, Uganda und den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie des Nahrungsmittelkonzerns Mars und der Initiative SEforAll (Sustainable Energy for All). Frau Schulze sprach als Erste und übergab mir am Ende ihrer Rede das Wort, sodass ich in einem kurzen Statement die Forderungen des Jugendaustausches wiederholen konnte. Ich erklärte, dass die international verschleppte Energiewende ein gutes Beispiel dafür ist, warum man die Gestaltung der Politik nicht nur Menschen überlassen kann, die ihr ganzes Leben in einer von fossilen Energien dominierten Welt verbracht haben. Denn diese Menschen können oder wollen sich teilweise gar keine andere Zukunft vorstellen und scheitern immer wieder daran, ob absichtlich oder nicht, eine nachhaltige Energiezukunft voranzubringen. Manche ignorieren sogar einfach das 1,5 Grad Ziel. Solche Menschen und Politiker sind ein Grund, warum das Vertrauen in die Politik so gering ist und warum junge Menschen einen Platz in den Gremien und Verhandlungen brauchen – sie können sich sehr wohl eine radikal andere Zukunft vorstellen und sie sind es auch, die in dieser leben werden (müssen).

Es geht immer auch um die nächsten Generationen

Lara Schech unterwegs mit Ministerin Schulze (Lara Schech links)
Lara Schech unterwegs mit Ministerin Schulze (Lara Schech links)

Foto: Sascha Hilgers/BMU

Im Talanoa Dialog wird höchstens ganz am Ende der Runde geklatscht, Kopfnicken und zustimmendes Lächeln der Zuhörer schon während meines Statements werte ich jedoch positiv. Die Geschäftsführerin von SEforAll, die auch Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretärs ist, hat mir danach auf Twitter öffentlich ihr Lob ausgesprochen. Und unsere Teilnahme am Talanoa Dialog stieß auch medial auf großes Interesse, selbst die Tagesschau berichtete. Das Jugendpanel und meine anschließende Teilnahme am Talanoa Dialog sind ein gutes Beispiel dafür, wie man auf Klimakonferenzen manchmal auch überraschend Gehör finden kann. Anfangs eine fixe Idee, waren im Talanoa Dialog statt der einen offiziell eingeplanten YOUNGO-Vertreterin plötzlich drei dabei. Klar, diese Art der Jugendbeteiligung muss zum Standard werden. Aber auf dem Weg dahin zählt jeder Schritt.

Man kann nicht über Klimagerechtigkeit sprechen und Generationengerechtigkeit dabei ausklammern. Beides ist eng miteinander verzahnt. Alle Generationen sollten die gleichen Startbedingungen auf diesem Planeten vorfinden – saubere Luft, Artenvielfalt, fruchtbaren Boden, eine intakte Umwelt. Es geht auch nicht darum, CO2 einzusparen, indem die Wirtschaft “platt gemacht” wird, sondern dass eine klima- und menschenfreundliche und damit zukunftsfähige Wirtschaft sich weltweit nachhaltig durchsetzt und gefördert wird, statt dass wir an überholten Konzepten und Ansichten festhalten. “Nach uns die Sintflut” ist wirklich nicht angesagt.

Bei Klimagerechtigkeit geht es immer auch um die Interessen der jüngeren und zukünftigen Generationen. Gleichzeitig geht es in der Politik immer um Macht und die liegt klassischerweise nicht bei den Schwächsten. So, wie beispielsweise die Pazifikinseln um Gehör und gleichberechtigte Teilhabe an Entscheidungsprozessen kämpfen müssen, müssen das auch junge Menschen. Denn wir werden in der Zukunft, über die heute entschieden wird, leben. Und wir können sie nicht vertagen.

Diskutieren Sie mit

Ich akzeptiere die Kommentarrichtlinien sowie die Datenschutzbestimmungen* *Pflichtfelder

Artikel bewerten und teilen

Jugend ohne Zukunft? Ohne uns!
4.4
26