War watt? Gute Nachrichten von der Energiewende

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist

Nach Studium, politischem Engagement und Berufseinstieg in Aachen zog es Hubertus Grass nach Sachsen. Beruflich war er tätig als Landesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Prokurist der Unternehmensberatung Bridges und Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Seit 2011 ist er als Unternehmensberater freiberuflich tätig.

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04. August 2016

Haben Sie in den letzten Wochen gute Nachrichten gehört oder gelesen? Nein? Wohin man auch sah, ob in den Nahen Osten, nach München, nach Frankreich oder nach der deutschen Energie- und Klimapolitik: Freunde der Menschheit und unseres Planeten fanden wenig Anlass zur Freude. Bevor sich der Energiewendeblog jetzt für drei Wochen in die Sommerpause verabschiedet, haben wir uns deshalb auf die Suche gemacht. Und wir haben jenseits der Politik gefunden, was wir gesucht haben: Gute Nachrichten von der Energiewende.

Die Citibank ist eine der größten Banken der Welt für Privatkunden. In ihren Reports „Citi GPS: Global Perspectives & Solutions“ untersucht die Bank unter anderem die Folgen disruptiver Entwicklungen in verschiedenen Sektoren. Derzeit erleben wir, wie Big Data den Energiesektor umkrempelt. Der Report prognostiziert eine Energiewelt, in der Big Data und die smarte Analytik für eine effiziente Nutzung von Energie sorgen und die Erneuerbaren Energien tendenziell immer preiswerter werden. Energie zu teilen wird einer der zukünftigen Trends sein.
Der Gedanke der Null-Grenzkosten-Gesellschaft ist zwar so neu nicht, wir bewerten den Report der Citibank dennoch als gute Nachricht. Er setzt ein Signal, dass die Idee einer demokratisierten Energiedienstleistungs- und Sharing-Economy weitere Verbreitung erfährt und die Beachtung der Ökonomen findet. Der Transformationsprozess ist nicht mehr aufzuhalten. Das zeigt auch dieses New Yorker Video:

„Sicher ist, dass die Digitalisierung im Energiebereich neue Entwicklungen vorantreibt und Verbrauchern Chancen eröffnet.“ Diese gute Nachricht ist ein (Teil-) Ergebnis einer Untersuchung der Verbraucherzentrale NRW. Erstmals hat sich eine Verbraucherzentrale intensiv mit der Technologie der Blockchain und ihrem Nutzen für die Energieverbraucher befasst. Sowohl die Kurzstudie (Blockchain – Chance für Energieverbraucher?) als auch das Positionspapier der Verbraucherzentrale NRW (Blockchain – Chance für Energieverbraucher? Potenziale und Herausforderungen) sind auch für den IT-Laien verständlich. Die Blockchain löst weder alle Probleme des Datenschutzes noch der IT-Sicherheit, aber sie braucht sich im Wettbewerb auch nicht zu verstecken. Bislang war die Blockchain in der Energiewirtschaft ein Thema für Spezialisten. Leser des Blogs „stromhaltig“ hat Betreiber Thorsten Zoerner des Öfteren technisch mal an die Hand genommen. Gut, wenn die Veröffentlichung der Verbraucherzentrale NRW nur hilft, die Diskussion auf eine breite Grundlage zu stellen.
Digitalisierung ist auch das Ding von Lumenaza. Das Start-up nutzt die Daten für die Herstellung regionaler Strommärkte. Als gute Nachricht bewerten wir, dass so ein kleiner Laden und ein Big-Schiff wie die EnBW AG zusammen finden in einer Partnerschaft auf Augenhöhe. So geht kein innovativer Impuls verloren.

20 Gigawatt solarer Zubau in diesem Jahr

Gute Nachrichten von der Energiewende kommen dieser Tage häufig aus China. Ein solarer Zubau von 20 Gigawatt ist ein Riesenschritt im Umbau des chinesischen Energiesystems. Offenbar hat China bereits den Höhepunkt seiner CO2-Emissionen überschritten.
Was der Volksrepublik recht ist, kann den kapitalistischen Brüdern nur billig sein. Auch dort macht die Transformation Fortschritte. Bereits zwölf US-amerikanische Großstädte haben die Umstellung auf 100 Prozent Erneuerbare angekündigt. Dieser Tage trat  Los Angeles in diesen Club ein. Die größte Stadt Kaliforniens will zur Vorzeigestadt beim Klimaschutz werden. Der örtliche Energieversorger soll modernisiert und fit gemacht werden für eine Zukunft ohne fossile Brennstoffe.

Gute Nachrichten kommen auch aus Großbritannien, wo die neue Regierungschefin Theresa May persönlich intervenierte, um die Entscheidung für den Bau des Atomkraftwerks Hinkley Point zu verschieben. Offiziell ging es um Sicherheitsbedenken wegen der chinesischen Beteiligung. Könnte aber auch sein, dass die irrsinnigen Subventionen in Höhe von bis zu 30 Mrd. Pfund Anlass waren, nochmals nachzudenken.

„Deutschland ist die geborene Nation für Elektromobilität“

Dass die deutsche Automobilwirtschaft aus ihrem elektromobilen Tiefschlaf endlich erwacht ist, verbuchen wir auch als gute Nachricht. Auch bei Audi klingelten jetzt die Wecker. Das Unternehmen plant, so war zu lesen, einen „radikalen Digital-Umbau“ und will zu einem „digitalen Autounternehmen“ werden. Mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr will das Unternehmen in FuE im Bereich Digitalisierung investieren.
Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung, redet Tacheles mit den deutschen Autobauern. Er drängt, eine eigene Batterie- und Zellproduktion aufzubauen, wohltuende Klarheit aus der Wissenschaft. „Deutschland ist die geborene Nation für Elektromobilität… „Wir dürfen eine systemrelevante Schlüsselindustrie wie die Automobilbranche nicht abhängig machen vom Ausland. Die Situation ist kritisch!“

Speicher sind das Rückgrat der Energiewende – nicht nur, aber auch in der Elektromobilität. Außerhalb der Automobilbranche  – das ist die gute Nachricht – hat man das lange erkannt. Hoffnung machen Unternehmen wie die Invenox GmbH, die Batterien auf Lithium-Ionen-Basis herstellt. Invenox-Batterien haben eine hohe Energiedichte, einzelne Zellen sind schnell austauschbar und gut zu recyceln.
Eine Firma, die die Zellproduktion in Deutschland in Angriff nehmen will, ist BMZ. Der Hersteller meist kleinerer Speicher baut im unterfränkischen Karlstein-Großwelzheim Europas Gigafactory und hat den Teilabschnitt der größten Lithium-Ionen-Batteriefertigung Europas in Betrieb genommen. Auf dem 55.000 Quadratmeter großen Betriebsgelände sollen vier neue Produktions- und Lagerhallen entstehen.
Dass die etablierten Pkw-Hersteller nun mit der Firma Sono Motors GmbH elektro-mobile Konkurrenz in Deutschland bekommen, ist eine weitere  gute Nachricht. Ob der Sion ein gutes Auto werden wird, können wir ebenso abschätzen wie die Risiken beim derzeit laufenden Crowdfunding.
Dass es sich ein junges dynamisches Team traut, auf einem von großen Platzhirschen beherrschten Markt anzutreten und ein Auto zu entwickeln, zeugt von Selbstbewusstsein und von Mut. Das sind Eigenschaften, die wir in diesem Sommer mehr vermissen als sonst. Nicht nur bei der Energiewende.

Schönen Urlaub wünschen wir.

Und abschließend noch auf ein Wort zur Energiewende

 

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