Digitalisierung für eine klimafreundliche und sozialgerechte Arbeitswelt

Gastautor Portrait

Claudia Ricci

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer IAO

Claudia Ricci ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer IAO im Team „Zusammenarbeit und Führung“. Sie begleitet Forschungs- und Industrieprojekte zu Fragestellungen rund um neue, zukunftsfähige Formen der Arbeit und interessiert sich für die Themen der Nachhaltigkeit und deren Verankerung in Arbeitsweisen und Arbeitsabläufen.

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08. Juli 2021

Nachhaltigkeit im New Normal

Stellen Sie sich vor, die Corona-Pandemie wäre in Europa vor exakt 20 Jahren, im Jahr 2001, ausgebrochen. Und halten Sie sich gleichzeitig vor Augen: Das erste IPhone wurde im Jahr 2007 auf den Markt gebracht, Skype gab es bis 2003 noch nicht. Wie hätten wir die Herausforderungen der Pandemie ohne die heutigen Informationstechnologien bewältigt? Schwer zu sagen.

Fakt ist: Dank der Digitalisierung können wir zumindest teilweise die fehlende Möglichkeit, sich physisch zu treffen, kompensieren. Während der langen Lockdown-Monate hat Zoom das Feierabend-Bierchen mit Freunden ermöglicht, Teams und WebEx haben für einen regulären Ablauf von Arbeitsmeetings und Kundenterminen gesorgt.

Die Virtualisierung unseres Arbeits- und Privatlebens, die schon vor der Corona-Zeit auf dem Vormarsch war, durch die Coronakrise jedoch deutlich beschleunigt wurde, bringt einen radikalen Wandel mit sich – auch in Bezug auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit.

In den nächsten Wochen und Monaten geht es darum, die Erfahrungswerte aus der Corona-Zeit zu reflektieren, um die Chancen der Digitalisierung für eine nachhaltige Gestaltung des New Normal erfolgreich zu nutzen. Im folgenden Beitrag gehe ich auf einige dieser Chancen ein und zeige Ihnen, wie die Digitalisierung uns zu einer klimafreundlichen und sozialgerechten Arbeitswelt verhelfen kann.

Home-Office ist gut für das Klima - des Betriebs und des Planeten

Aktuelle Daten zeigen, auch die Produktivität bleibt über die Distanz erhalten und verbessert sich teilweise sogar.

Claudia Ricci, Fraunhofer IAO

Bei allen Schattenseiten durch das Extreme-Homeoffice der letzten Monate (siehe Homeschooling, fehlender sozialer Kontakt und Verschwimmen von Berufs- und Privatleben): Viele Beschäftigte wünschen sich für die Zeit nach Corona mehr Homeoffice sowie die Möglichkeit, flexibel zwischen Büro und Homeoffice zu wechseln. Auch sind Homeoffice-Optionen für Bewerber*Innen auf dem Arbeitsmarkt attraktiv. Die Arbeitgeber haben diesen Trend erkannt: eine Studie des Fraunhofer IAO zeigt, dass viele Unternehmen eine Ausweitung dieser Arbeitsform auch „nach“ Corona planen. Die Erfahrungen aus der Corona-Zeit haben gewisse Vorbehalte gegenüber dem Arbeiten im Homeoffice ausgeräumt. Aktuelle Daten zeigen, auch die Produktivität bleibt über die Distanz erhalten und verbessert sich teilweise sogar.

Mehr Homeoffice bedeutet nicht nur zufriedenere und produktivere Mitarbeitende, sondern auch weniger Pendelverkehr, weniger Stunden im Stau und schließlich weniger Emissionen.

Aktuelle Studie schätzen das Einsparungspotential durch Homeoffice in Deutschland zwischen 5 und 12 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr. Dies entspricht in der größeren Ausprägung etwa 60 Millionen One-Way-Flügen zwischen London und Berlin.

Ähnliche, wenn nicht sogar größere Effekte, dürften sich durch den Ersatz von Dienstreisen, insbesondere von Flugreisen, durch Videokonferenzen ergeben.

Auf der Schwäbischen Alb leben und in Stuttgart arbeiten? Geht doch!

IT-Technologien dienen nicht nur als Mittel zu einer klimafreundlicheren Arbeitswelt. Sie können auch eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und wirtschaftlichen Wiederbelebung von ländlichen Regionen spielen und damit einen Beitrag in der Schaffung eines nachhaltigen, im Sinne von sozialgerechtem und inklusivem Wirtschaftssystem, leisten.

Abgelegene, strukturschwache Gebieten erleben seit Jahren in ganz Deutschland einen stetigen Bevölkerungsschwund. Dieser Trend könnte sich dank neuer Informationstechnologien bald umkehren. Auf der Suche nach einer höheren Lebensqualität und einer naturnahen Umgebung treibt es  immer mehr Menschen wieder auf das Land. Neue, ortsflexible Arbeitsformen und die Digitalisierung von Arbeitsprozessen und -dokumenten haben das Potential, ländliche Gebiete für unterschiedliche Arbeitnehmergruppen attraktiver zu machen: nicht nur für Freiberufler*innen, sondern auch für Wissensarbeitende und Sachbearbeitende, deren Arbeitsaktivitäten zu einem erheblichen Anteil auch außerhalb der Unternehmensgelände erfolgen können.

Diese Entwicklung kommt sowohl Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern als auch Arbeitgebern zugute. Letztere können die Entkopplung von Wohn- und Arbeitsort als Chance für den War-of-Talents und als Abhilfe gegen den Fachkräftemangel nutzen.

Eine klima- und sozialgerechte Arbeitswelt ist möglich – wenn wir sie heute bewusst gestalten

Die Veränderungen, die mit der Digitalisierung und Flexibilisierung der Arbeitswelt einhergehen, sind vielfältig. Einige davon können wir uns heute noch nicht einmal vorstellen -so, wie wir uns vor zwei Jahren nicht vorstellen konnten, monatelang nur oder vorwiegend über die Distanz zusammenzuarbeiten.

Ob diese Veränderungen sich als positiv oder negativ für unser Klima, unseren Planeten und unsere Gesellschaft erweisen werden, hängt davon ab, wie wir die Digitalisierung gestalten und welche Prinzipien wir dem Digitalisierungsprozess zugrunde legen. Aus diesem Grund ist es wichtig, Nachhaltigkeit und Digitalisierung zusammenzudenken – auch in der Gestaltung hybrider Arbeitsweisen, für die Zeit nach der Pandemie.

Lesen Sie mehr dazu:

https://www.iao.fraunhofer.de/de/forschung/organisationsentwicklung-und-arbeitsgestaltung/befragungsreihe-arbeiten-im-new-normal.html

https://www.greenpeace.de/presse/presseerklaerungen/homeoffice-kann-ueber-5-millionen-tonnen-co2-sparen

https://www.vodafone-institut.de/studies/homeworking-report/

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