1,5°C globale Erwärmung – Stand des Wissens, Handlungsnotwendigkeiten und aktueller Forschungsbedarf

Gastautor Portrait

Prof. Dr. Daniela Jacob und Dr. Markus Groth

Climate Service Center Germany (GERICS)

Prof. Dr. Daniela Jacob ist Direktorin des Climate Service Center Germany (GERICS) und Gastprofessorin an der Leuphana Universität Lüneburg. Sie ist eine der koordinierenden Hauptautoren des „IPCC-Sonderberichts über 1,5°C globale Erwärmung“. Sie koordinierte unter anderem das internationale europäische Forschungsprojekt IMPACT2C, das die Auswirkungen von einer zwei Grad Celsius globalen Erwärmung auf verschiedene Sektoren untersuchte. Sie ist Mitglied in mehreren Komitees und Ex-officio Mitglied der „Earth League”, einer internationalen Allianz prominenter Wissenschaftler. Darüber hinaus ist Daniela Jacob Chefredakteurin der Zeitschrift „Climate Services“. Dr. Markus Groth ist seit 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Klimafolgen und Ökonomie des Climate Service Center Germany (GERICS). Zuvor hat er Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hannover studiert und an der Universität Göttingen promoviert. Danach war er am Lehrstuhl für Nachhaltigkeitsökonomie der Leuphana Universität Lüneburg sowie als Lehrbeauftragter und Vertretungsprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg tätig. Von Oktober 2014 bis September 2017 war Markus Groth zudem Gastwissenschaftler für Nachhaltigkeitsökonomie an der Leuphana Universität Lüneburg.

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16. September 2019

Stand des Wissens

Grafik zu Emissions- und Strahlenantriebspfaden aus dem IPCC-Sonderbericht (zum Vergrößern klicken).

Quelle: IPCC / de-ipcc.de

Der „IPCC-Sonderbericht über 1,5°C globale Erwärmung“ des Weltklimarates wurde Ende 2018 veröffentlicht. Er fasst den Wissensstand zusammen und beschreibt Möglichkeiten, wie eine Begrenzung des Anstiegs der globalen Mitteltemperatur auf maximal 1,5°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau erreicht werden kann.

Kernaussagen des Berichts sind somit, dass eine entsprechende Begrenzung der globalen Erwärmung technisch realisierbar ist und dass dadurch die Risiken und potentiellen Schäden im Vergleich mit einem Temperaturanstieg von 2°C oder mehr mitunter deutlich verringert werden könnten.

So würde es beispielweise zu weniger Extremwetterereignissen – wie
extremer Hitze und Starkregen – kommen und der globale Meeresspiegelanstieg würde bis 2100 etwa 10 Zentimeter geringer ausfallen, wodurch weltweit rund 10 Millionen weniger Menschen entsprechenden Risiken ausgesetzt wären. Ebenso könnten die negativen Auswirkungen auf die Artenvielfalt verringert werden und global wären bis zu 50% weniger Menschen einer Wasserknappheit ausgesetzt.

Alle für das Ziel von maximal 1,5°C Temperaturanstieg potentiell zielführenden Emissionspfade setzen jedoch schnelle und weitreichende Emissionsminderungen und Systemübergänge in vielen gesellschaftlich und wirtschaftlich bedeutenden Bereichen voraus. Zudem müsste auch CO2 direkt aus der Atmosphäre entzogen werden, um letztlich sogenannte „negative Emissionen“ zu erreichen. Dies kann beispielsweise durch Aufforstungen oder die Speicherung von Kohlenstoffdioxid unter Nutzung unterschiedlicher technischer oder chemischer Prozesse erfolgen.

Zusammenfassend macht eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5°C nie dagewesene Veränderungen notwendig, wie beispielsweise:

  1. drastische Emissionsreduktionen in allen Sektoren
  2. die Entwicklung und Nutzung neuer Technologien
  3. Verhaltensänderungen
  4. die Umlenkung von Investitionen in CO2-freie Technologien und
  5. starkes politisches Handeln.

Somit kommt dem Bericht ausdrücklich auch eine große politische Bedeutung und Relevanz für alle Nationalstaaten zu. Nicht zuletzt, da dieser IPCC-Bericht der erste ist, um dessen Erstellung der Weltklimarat von der internationalen Staatengemeinschaft – im Rahmen des Paris-Abkommens – ausdrücklich gebeten wurde. Eine Rückkehr hinter den dort zusammengefassten Wissensstand und die sich daraus ergebenden Handlungsnotwendigkeiten ist letztlich nicht mehr akzeptabel. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Berichts sollten daher auch direkt in die nationalen klimapolitischen Entscheidungen und Klimapläne einfließen.

Politische Handlungsnotwendigkeiten

Doch nicht wie in der Vergangenheit, darf der erste Reflex jetzt sein, dass nun kein Geld und Spielraum mehr für Klimaschutz vorhanden ist.

Prof. Dr. Daniela Jacob und Dr. Markus Groth

Mit Blick auf die im Klimakabinett in Deutschland bis zum 20. September 2019 zu treffenden Entscheidungen, bleibt derzeit noch offen, welche Berücksichtigung die sich aus dem „IPCC-Sonderbericht über 1,5°C globale Erwärmung“ ergebenden Erkenntnisse finden werden. Der „Referentenentwurf des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit – Artikel 1 – Bundes-Klimaschutzgesetz (KSG)“ von Anfang des Jahres beinhaltete zumindest noch keinerlei direkte Bezüge zu diesem oder anderen Berichten des IPCC.

Als zusätzliche Rahmenbedingungen ist auch die sich möglicherweise ankündigende Rezession – in Deutschland und weltweit – zunehmen in Betracht zu ziehen. Doch nicht wie in der Vergangenheit, darf der erste Reflex jetzt sein, dass nun kein Geld und Spielraum mehr für Klimaschutz vorhanden ist. Ganz im Gegenteil. Vielmehr sollte es ein Motivationsschub sein, nun erst recht ein Investitionsprogramm zur Förderung des Klimaschutzes und der notwendigen gesellschaftlichen Transformation aufzulegen. Gerade vor dem Hintergrund des schon jetzt erkennbaren Investitionsstaus in vielen auch klimapolitisch bedeutenden Bereichen wie Energie, Verkehr, Gebäude oder Land- und Forstwirtschaft sind hier entsprechend langfristige Investitionen notwendig. Damit könnten sowohl zentrale Verkehrs- und Versorgungsinfrastrukturen zukunftsfähig gemacht werden als auch verlässliche Rahmenbedingungen für die Neu- und Weiterentwicklung von Technologien gesetzt werden, die zur Umsetzung der Energiewende sowie der Erreichung einer Klimaneutralität dringend benötigt werden.

Aktueller Forschungsbedarf

Neben staatlichen Rahmenbedingungen sind aber auch weitere Forschungsaktivitäten notwendig, die sowohl die Reduzierung und Vermeidung des Ausstoßes von Treibhausgasen als auch die Anpassung an die heute bereits spürbaren und zukünftig zu erwartenden Folgen des Klimawandels adressieren.

Hierzu wurde am 1. Juli 2019 die neue Helmholtz-Klimainitiative ins Leben gerufen, mit der ein systemischer sowie inter- und transdisziplinärer Ansatz im Rahmen von zwei thematischen Schwerpunkten verfolgt wird. In einem Cluster werden Anpassungsmöglichkeiten in unterschiedlichen Bereichen erforscht. In dem anderen Cluster werden unter dem thematischen Rahmen „Netto-Null-2050“ zentrale Fragestellungen und Themen gebündelt, die in eine Roadmap einfließen sollen, die aufzeigt, wie Deutschland bis zum Jahr 2050 seinen Ausstoß von Kohlendioxid-Emissionen bis hin zu einer CO2-Neutralität reduzieren könnte. Im Zuge dessen werden beispielsweise Strategien und neue Wege der Kohlenstoffentnahme aus der Atmosphäre, das Potenzial und die Integration von unterirdischen sowie naturbasierten Speicherlösung ebenso untersucht und bewertet, wie Fallstudien mit Praxisakteuren durchgeführt. Im Rahmen der Helmholtz-Klimainitiative ist ausdrücklich auch eine enge Vernetzung mit weiteren Forschungseinrichtungen und Praxisakteuren in Deutschland vorgesehen, so dass hier eine große Offenheit und Bereitschaft für einen entsprechenden Austausch vorhanden ist.

Über die Autoren

Prof. Dr. Daniela Jacob

Direktorin, Climate Service Center Germany (GERICS)

Prof. Dr. Daniela Jacob ist Direktorin des Climate Service Center Germany (GERICS) und Gastprofessorin an der Leuphana Universität Lüneburg. Sie ist eine der koordinierenden Hauptautoren des „IPCC-Sonderberichts über 1,5°C globale Erwärmung“. Sie koordinierte unter anderem das internationale europäische Forschungsprojekt IMPACT2C, das die Auswirkungen von einer zwei Grad Celsius globalen Erwärmung auf verschiedene Sektoren untersuchte. Sie ist Mitglied in mehreren Komitees und Ex-officio Mitglied der „Earth League”, einer internationalen Allianz prominenter Wissenschaftler. Darüber hinaus ist Daniela Jacob Chefredakteurin der Zeitschrift „Climate Services“.

Dr. Markus Groth

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Climate Service Center Germany (GERICS)

Dr. Markus Groth ist seit 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Klimafolgen und Ökonomie des Climate Service Center Germany (GERICS). Zuvor hat er Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hannover studiert und an der Universität Göttingen promoviert. Danach war er am Lehrstuhl für Nachhaltigkeitsökonomie der Leuphana Universität Lüneburg sowie als Lehrbeauftragter und Vertretungsprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg tätig. Von Oktober 2014 bis September 2017 war Markus Groth zudem Gastwissenschaftler für Nachhaltigkeitsökonomie an der Leuphana Universität Lüneburg.

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