Die Wärmewende ist eine Herkulesaufgabe – nutzen wir die Chance!

Gastautor Portrait

Tilo Kurtz

Referatsleiter im Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft

Tilo Kurtz studierte Jura und Philosophie in Tübingen und Aix-en-Provence. Anschließend war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kirchenrecht und öffentliches Recht an der Universität Tübingen tätig. Seit 2016 ist Herr Kurtz Referatsleiter für Energieeffizienz von Gebäuden im Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg. Zuvor war er dort als Referent für gebietsbezogenen Immissionsschutz, als Ressortbeobachter in der baden-württembergischen Landesvertretung in Brüssel sowie als Zentralstellenleiter tätig. Er begann seinen Dienst in der Landesverwaltung als Justitiar für Bauen, Umwelt, Technik beim Landratsamt Ludwigsburg.

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23. Januar 2020

Efficiency first

Wir benötigen etwa die Hälfte der Endenergie für Wärmenutzungen: Von der moderaten Erhöhung der Temperatur in Gebäuden („Heizung“) bis zum industriellen Hochtemperaturprozess. In den meisten Fällen wäre derselbe Nutzen mit deutlich geringerem Endenergieeinsatz zu erreichen.

Bei Gebäuden können wir den Energiebedarf durch Dämmung der Gebäudehülle und eine optimierte Anlagentechnik gegenüber dem heutigen Durchschnittswert um etwa 80 Prozent reduzieren. Bei Gebäuden in schlechtem energetischen Zustand ist sogar eine Reduktion um bis zu 90 Prozent möglich. Dabei bildet der Warmwasserbedarf eine konstante Mindestgröße. Und auch wenn wir nur einen Teil dieses Potentiales heben, bleibt es riesig. Das größte Potential steckt dabei in den heutigen Bestandsgebäuden, die auch in 30 Jahren noch den größten Teil des Gebäudebestands bilden werden.

Theoretisch hat dies auch die Bundesregierung erkannt. Sie setzt daher in ihren Strategiepapieren auf das Motto „Efficiency first“ – zuletzt in der Ende Dezember 2019 beschlossenen Effizienzstrategie 2050. Bei der Umsetzung gibt es allerdings noch Luft nach oben.

Technisch gibt es eine Vielzahl von Optionen, die heute schon marktgängig und grundsätzlich wirtschaftlich sind.

Tilo Kurtz

Technisch gibt es eine Vielzahl von Optionen, die heute schon marktgängig und grundsätzlich wirtschaftlich sind. Aber die Verantwortung dafür, Dinge umzusetzen, trägt die oder der Einzelne. Aber hierfür sind die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen nicht ideal. So sind die mit dem Einsatz fossiler Brennstoffe verbundenen CO2-Emissionen bisher kostenlos – für den Verursacher. Das Umweltbundesamt schätzt die dadurch zulasten der Allgemeinheit verursachten Schäden jedoch auf 180 Euro je Tonne.

Immerhin gibt es jetzt mit dem beschlossenen Einstieg in eine CO2-Bepreisung für fossile Brennstoffe ein Signal, dass sich das ändern wird. Zusätzlich werden neue finanzielle Anreize für Investitionen in das eigene Gebäude gesetzt: Zum einen wesentlich erhöhte Fördersätze von BAFA und KfW für energieeffizientes Bauen und Sanieren sowie den Einsatz erneuerbarer Heizsysteme und zum anderen die steuerliche Förderung der Gebäudesanierung. Wir wollen in Baden-Württemberg diese Förderung durch eine Aufstockung ab diesem Jahr noch attraktiver machen, um die Nachfrage zusätzlich zu verstärken. Hinzu kommt seit einem Jahr die Förderung der seriellen Sanierung, mit der wir einen neuen Ansatz, nämlich die Sanierung mit industriell vorgefertigten Elementen fördern.

Über die Einsparung von Brennstoff- und künftig auch steigenden CO2-Kosten hinaus bringt eine energetische Sanierung eine Vielzahl weiterer Nutzeffekte: größere Behaglichkeit, bessere Luftqualität, eine Erneuerung und damit Wertsteigerung des Gebäudes. Wenn man diese Werte ebenfalls berücksichtigt, lohnt sich eine Gebäudesanierung allemal.

Ich bin überzeugt, dass eine angemessene Anhebung der Anforderungen an Neubauten, aber vor allem an die Sanierung von Bestandsgebäuden im Rahmen des heutigen Gebäudeenergierechts zumutbar wäre. Damit könnten viele Bauherren und Gebäudeeigentümer/-innen motiviert werden, die beschriebenen Förderangebote auszuschöpfen. Neben Förderangeboten sollte auch das Ordnungsrecht genutzt werden, um zu einer besseren energetischen Qualität im Gebäudesektor zu kommen. In Baden-Württemberg haben wir mit dem Erneuerbare-Wärme-Gesetz gute Erfahrungen gemacht. Leider hat das von der Bundesregierung im Herbst vorgelegte Gebäudeenergiegesetz die Chance für einen Neustart komplett vertan.

Erneuerbare Energien

Damit eine zentralisierte und vor allem energieeffiziente Wärmeversorgung [...] gelingen kann, ist eine kommunale Wärmeplanung unerlässlich.

Tilo Kurtz

Neben der Steigerung der Energieeffizienz, die Studien zufolge langfristig auch der wirtschaftlichste Weg zu einer klimaneutralen Wärmeversorgung ist, muss der verbleibende Energiebedarf möglichst vollständig aus erneuerbaren Energien gedeckt werden. Auch hier gibt es technisch eine Vielzahl von funktionierenden Optionen, von der Solarthermie über die Wärmepumpe bis hin zur tiefen Geothermie. Die Nutzung dieser Technologien erfordert jedoch teilweise einen höheren Aufwand an Anlagentechnik. Deshalb ist es oft besonders effizient, die Wärmeerzeugung zu bündeln und die Solarenergie, Erdwärme sowie Wärme aus Abwasser oder industrieller Abwärme in ein Wärmenetz einzuspeisen.

Zur Sicherung der ganzjährigen Wärmeversorgung kann der Einsatz eines Gas-Spitzenlastkessels dienen, in dem später auch grünes Gas effizient eingesetzt werden kann. Ein Wärmenetz erlaubt zugleich die besonders günstige Speicherung von Energie in Form von warmem Wasser. Damit kann es einen Beitrag zur Sektorkopplung mit dem Stromsystem leisten: Bei hohem Angebot von erneuerbarem Strom arbeitet die Wärmepumpe auf Hochtouren. Wenn es in der windstillen Winternacht auch noch sehr kalt ist, erzeugt ein Blockheizkraftwerk den fehlenden Strom und speist Abwärme in das das Wärmenetz ein.

Wo ein Wärmenetz nicht sinnvoll ist, weil zum Beispiel in einem Einfamilienhausgebiet die Wärmedichte zu gering ist, muss die dezentrale Wärmepumpe eine tragende Rolle spielen. Dafür müssen die Gebäude durch Sanierungen für niedrige Heizwassertemperaturen ertüchtigt und das Verhältnis zwischen Strompreisen einerseits und Öl- und Gaspreisen andererseits fair justiert werden.

Kommunale Wärmeplanung

Diese Form der Wärmeversorgung bedarf sorgfältiger Planung und Koordination. Damit eine zentralisierte und vor allem energieeffiziente Wärmeversorgung wie oben beschrieben gelingen kann, ist eine kommunale Wärmeplanung unerlässlich. Darum möchte die Landesregierung bei der Novelle des Klimaschutzgesetzes dieses Instrument regeln und für die 103 Stadtkreise und großen Kreisstädte, in denen die Hälfte der Bevölkerung wohnt, verpflichtend einführen. Kleinere Städte und Gemeinden wollen wir bei der Aufgabe mit einem Förderprogramm unterstützen. So können die jeweils vor Ort besten Lösungen identifiziert und verwirklicht werden.

Die Chancen nutzen: Der Weg lohnt sich!

Die Aufgabe einer Wärmewende hin zu einer klimaneutralen Wärmeversorgung 2050 ist groß! Sie birgt aber auch immense Chancen für eine Aufwertung unseres Gebäudebestandes und die Modernisierung der vielfach in die Jahre gekommenen Infrastruktur. Dies schafft nicht zuletzt Werte, auch Arbeitsplätze im Land. Wenn alle ihren Teil beitragen, können wir damit erfolgreich sein!

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  1. Dr. Illo-Frank Primus

    vor 1 Monat

    Sehr geehrter Herr Kurtz,
    bitte beachten Sie bei der bevorstehenden Novelle des Klimaschutzgesetzes an 1. Stelle Ihren Satz
    "Dafür muss das Verhältnis zwischen Strompreisen einerseits und Öl- und Gaspreisen andererseits fair justiert werden". Wenn Sie darüberhinaus noch 2. regenerativ erzeugtem Strom die oberste Priorität einräumen, stehen die Sterne für eine erfolgreiche Wärmewende in BW sehr gut.
    Hier meine Gründe:
    1. EnBW stellt Wärmestrom mt 208 gCO2/kWh zur Verfügung. Mit einem auch in Zukunf stark zunehmenden regenerativen Anteil wird dieser noch klimafreundlicher. In SH z.B. liegt der Wärmestrom bereits bei 0g CO2/kWh.
    Bei Erdgas werden 220g (manche sagen vielmehr wegen des Verlustes an Methan auf der Förderstrecke), bei Heizöl 280 g CO2 pro kWh ausgestoßen. Die kWh Strom kostet 31.7 Cent, hiervon allein staatlicher Anteil 16,49 + 5,02 Cent MWSt., die kWh Erdgas kostet dagegen 6,2 Cent, die kWh Heizöl 6,7 Cent.
    Ein Betreiber einer Nachtstromheizung (und davon gibt es mehr als 100.000 Haushalte in BW) zahlt heute und das seit 5 Jahren nur an EEG-Umlage für das Äquivalent von 2.000 Ltr. Heizöl (ca. 20.000 kWh) 1.472 € jedes Jahr und das bei immer umweltfreundlicherem Strom (EnBW: 208 g CO2/kWh). Laut Umweltbundesamt verursacht 1 Tonne CO2 Schäden von 180 €. Eine kWh Heizöl würde bei einer Bepreisung von 180€/t CO2 anstatt7,4 Cent wie bei 25€/t CO2 nunmehr 11,8 Cent und eine kWh Erdgas 10,2 Cent (anstatt 6,75 Cent) kosten. Somit hätte z.B. ein Ölheizungsbetreiber mit 2000 Ltr./a Bedarf jährlich 972 € mehr als bisher aufzubringen., d.h. gegenüber dem Betrag des E-Heizungsbetreibers doch vertretbar.
    In BW gibt es rd. 2 Mio. Ein- und Zeifamilienhäuser und 430.437 MFH. Wenn man davon ausgeht, dass die meisten von Bewohnern (z.B. Rentnern) genutzt werden, von denen eine größere Invetition mit langen Armortisationszeiten nicht aufgebracht werden kann, sollte man statt dessen Solarthermie und Wärmepumpenheizungen (trotz höherer Vorlauftemperaturen) sowie PV viel stärker fördern, weil dies eine Effizienzsteigerung beschleunigt. Eine EEG-Umlage bei Wärmepumpenheizungen ist kotraproduktiv für den Klimaschutz, gibt es doch keine effizientere Heizung als Wärmepumpen. Eine Wärmedämmung kann dann anschließend immer noch in Angriff genommen werden. Mehr regenerativer Strom (z.B.Wärmepumpen) können auch Nah- und Fernwärmenetze und Erdgasheizungen für den Klimaschutz effizienter gemacht werden.
    Mit diesen Maßnahmen würde nicht nur die Wärmewende, sondern auch die Verkehrswende einen deutlichen Schub bekommen. Viel Erfolg bei der Planung und Umsetzung Ihres neuen Klimaschutzgesetzes.

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