Wärmeplanung: Motor für die Wärmewende

Gastautor Portrait

Markus Fritz, Anna Billerbeck, Ali Aydemir

Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung

Markus Fritz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Competence Center Energietechnologien und Energiesysteme des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI. Seine Forschungsgebiete umfassen Energieeffizienzpotentiale in Industrie und Gebäuden, die effiziente Wärmeversorgung und die Analyse von Instrumenten und Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz.  Seit Februar 2020 ist er Co-Host des enPower Podcasts zur deutschen Energiewende.

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01. Dezember 2021

Die Bereitstellung von Raumwärme, Warmwasser und Prozesswärme macht etwa 55 % des Energieverbrauchs in Deutschland aus [...]

Die Bereitstellung von Raumwärme, Warmwasser und Prozesswärme macht etwa 55 % des Energieverbrauchs in Deutschland aus, wobei der Anteil der erneuerbaren Energien bisher nur etwa 15 % beträgt. Um die nationalen Klimaziele zu erreichen, ist daher ein schneller und deutlicher Wandel erforderlich. Aufgrund des lokalen Charakters von Wärme und Kälte müssen Maßnahmen auf lokaler Ebene und unter Einbeziehung einer Vielzahl von Interessengruppen ergriffen werden. Die Ampelkoalition schreibt deshalb in ihrem Koalitionsvertrag, dass sie bis 2030 50 % der Wärme klimaneutral erzeugen will und sich zudem für eine umfassende kommunale Wärmeplanung einsetzen will.

In Dänemark hat die Wärmeplanung unter anderem dazu beigetragen den Anteil von Fernwärme auf 45% und den Anteil erneuerbarer Energien auf fast 50% in der Wärmeversorgung zu erhöhen. In Baden-Württemberg hat der Landtag Ende 2020 die Novelle des neuen Klimaschutzgesetzes verabschiedet und dabei eine Verpflichtung zur Wärmeplanung eingeführt. Kommunen mit 20.000 oder mehr Einwohner*innen in Baden-Württemberg müssen nun bis 2023 Wärmepläne erstellen.

Wärmeplanung ist mehr als nur Fernwärmenetze

Das Ziel der kommunalen Wärmeplanung ist die Erreichung einer klimaneutralen Wärmeversorgung. Viele denken dabei nur an das Thema Fernwärmenetze, allerdings geht ein kommunaler Wärmeplan viel weiter. Auch Gebäudesanierungen oder die Umstellung dezentraler Heizungen sind Teil eines Wärmeplans. In einem kommunalen Wärmeplan wird zuerst die bestehende Wärmenachfrage analysiert. Das bedeutet, es werden die Wärmebedarfe der einzelnen Gebäude, sowie die vorhandenen Heizungen und großen Wärmeerzeuger in den Fernwärmenetzen erfasst. Danach werden Potenziale für erneuerbare Energien bestimmt und darauf aufbauend Szenarien für eine klimaneutrale Wärmeversorgung und Maßnahmen wie diese erreicht werden kann entwickelt.

Zentrales Ziel der Wärmeplanung ist die Erreichung der CO2 Neutralität

In diesem Jahr hat das Fraunhofer ISI die neue Verordnung in Baden-Württemberg zum Anlass genommen, eine Umfrage zur kommunalen Wärmeplanung durchzuführen, welche von 240 kommunalen Akteuren beantwortet wurde. Der erste Teil der Umfrage befasste sich mit den Zielen. Relativ gesehen nannten die Befragten CO2 Neutralität als wichtigstes Ziel. Weitere wichtige Ziele sind die Versorgungssicherheit und die konkrete Umsetzung von Maßnahmen. Weitere Teile der Umfrage befassten sich mit wichtigen und herausfordernden Aspekten für eine erfolgreiche Wärmeplanung. Ein Teil der Ergebnisse dessen fasst die folgende Abbildung zusammen. Je höher ein Punkt ist, desto herausfordernder wird der Aspekt eingeschätzt und je weiter Rechts ein Punkt ist, desto wichtiger wird der Aspekt eingeschätzt.

Die Grafik zeigt den gewichteten Mittelwert der Antworten

Kommunikation ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor bei der Wärmeplanung

Die Befragten bewerteten die Kommunikation bei der Wärmeplanung als vergleichsweise wichtig und herausfordernd. Schließlich sind an der Wärmeplanung eine Vielzahl von Akteuren mit unterschiedlichen Vorstellungen und Prioritäten beteiligt. Nicht selten sind die Kommune selbst, die Energieversorger, das Bauamt, ein Planungsbüro und weitere Akteure beteiligt. Es ist daher wichtig, dass diese Akteure während des Prozesses in regelmäßigem Austausch stehen und der Wärmeplan auch als Kommunikationsinstrument wahrgenommen und entwickelt wird.

Die Verfügbarkeit von Daten ist wichtig

Die Verfügbarkeit von Daten wird als ein weiteres wichtiges Element angesehen. Daten über den Wärmebedarf und Potenziale für erneuerbare Energien sind Grundlage für eine erfolgreiche Wärmeplanung. Auf EU-Ebene gibt es bereits mehrere Projekte wie Act!onHeat, Hotmaps oder Thermos, die die kommunale Planung mit Daten oder Planungsinstrumenten unterstützen. In Salzburg, Wien und der Steiermark hat man sich auch aktiv mit dem Problem der Datenverfügbarkeit auseinandergesetzt und eine gemeinsame Datenbank entwickelt, auf die alle Gemeinden zugreifen können. Dies hat den Vorteil, dass die Gemeinden und Planer*innen Zeit und Aufwand bei der Datenbeschaffung sparen und sich auch weniger Gedanken über die Qualität der für die Planung benötigten Daten machen müssen. Hervorzuheben ist, dass die Wärmeplanung ein vorgelagerter Prozess ist, der technischen Machbarkeitsstudien und Fachplanungen vorausgeht. Bei der Frage nach der Datenqualität geht es also im Wesentlichen darum, das geeignete Maß zu finden, das ausreicht, um zielbezogene Maßnahmen zu initiieren. Nach dem Leitsatz: Form follows function.

Ein gemeinsames Zielbild ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Planung

Wie zuvor erwähnt, sind beim Prozess der Wärmeplanung viele Akteure beteiligt. Aus diesem Grund ist es oft schwierig ein gemeinsames Zielbild aller Akteure zu entwerfen, da die Interessen unterschiedlich sein können. Deshalb erscheint ein moderierter Prozess zur Erarbeitung eines gemeinsamen Zielbildes im Rahmen der Wärmeplanung von großer Bedeutung.

Ausreichend Personal wird als besonders herausfordernd wahrgenommen

Des Weiteren wird das Vorhandensein von ausreichendem Personal als vergleichsweise große Herausforderung wahrgenommen. Ansatzpunkte um dieses Problem zu lösen können mehr Personal, aber auch bessere Strukturen und Verzahnungen innerhalb bestehender kommunaler Aufgaben sein (z.B. Verzahnung mit der Raumplanung). Zudem kann die Bereitstellung von Planungsinstrumenten hilfreich sein, die den Aufwand reduzieren (siehe oben Ausführungen zum Vorgehen in Österreich).

Kommunale Wärmeplanung wird als wirksames und geeignetes Instrument gesehen

Insgesamt wird die kommunale Wärmeplanung von den Befragten als wirksames und geeignetes Instrument eingeschätzt, was zunächst positive Ausgangsbedingungen sind. Die nächsten Schritte sind daher, darauf aufzubauen und die Kommunen zu motivieren, die Wärmeplanung engagiert und zielorientiert durchzuführen. Hierzu sollte die Wärmeplanung in einen regulatorischen Rahmen eingebettet sein, der den Kommunen einen Handlungsspielraum für die Umsetzung der Planung in Maßnahmen und konkrete Projekte gibt. Deshalb ist es wichtig, dass der Fokus der Wärmeplanung nicht auf der Erstellung eines einzelnen Plans liegt, sondern auf dem gesamten Prozess zur Erreichung einer klimaneutralen Wärmeversorgung. Der Plan soll nach seiner Erstellung nicht in der Schublade landen, sondern zu einer schnellen Umsetzung mit konkreten Maßnahmen führen, damit wir bis 2045 eine klimaneutrale Wärme- und Kälteversorgung erreichen. Weitere Informationen zur kommunalen Wärmeplanung finden sich auch auf der Website der KEA-BW, der Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen oder auf waermewende.de.

Über die Autor*innen

Markus Fritz

Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fraunhofer ISI

Markus Fritz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Competence Center Energietechnologien und Energiesysteme des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI. Seine Forschungsgebiete umfassen Energieeffizienzpotentiale in Industrie und Gebäuden, die effiziente Wärmeversorgung und die Analyse von Instrumenten und Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz. Seit Februar 2020 ist er Co-Host des enPower Podcasts zur deutschen Energiewende.

Anna Billerbeck

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Fraunhofer ISI

Anna Billerbeck studierte Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule Mannheim und ist seit Juni 2019 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kompetenzzentrum Energiepolitik und Energiemärkte am Fraunhofer ISI. Sie arbeitet in nationalen und internationalen Forschungs- und Beratungsprojekten zu erneuerbaren Energien. Im Rahmen ihrer Forschungsaktivitäten beschäftigt sich Anna Billerbeck mit Politikmaßnahmen zur Dekarbonisierung von Wärme- und Kältenetzen.

Ali Aydemir

Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter, Fraunhofer ISI

Ali Aydemir ist seit 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 2017 Projektleiter im Competence Center Energietechnologien und Energiesysteme am Fraunhofer ISI. Seine Forschungsgebiete umfassen die qualitative und quantitative Bewertung von Technologien zur Verbesserung der Energieeffizienz oder zur Verringerung der Treibhausgasemissionen in Haushalten,  im Gewerbe und in der Industrie sowie die Entwicklung entsprechender Maßnahmen in diesen Sektoren. Fragestellungen der strategischen Wärmeplanung und der Dekarbonisierung der Industrie bilden weitere Forschungsschwerpunkte.

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