Studie: Gesellschaft & Erneuerbare: Drohende Vertrauenskrise trotz starker (Norddeutscher) Energiekultur?

Gastautor Portrait

Pia Arndt

CC4E/ HAW Hamburg

Pia Arndt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am CC4E (Competence Center Erneuerbare Energien und EnergieEffizienz) der Hochschule für Angewandte Wissenschaften HAW Hamburg tätig und ist im Rahmen des Norddeutschen Reallabors verantwortlich für das Teilprojekt „Industrielle Transformation und gesellschaftliche Teilhabe“. Im Fokus steht hier die Erforschung des Transformationspfades unter Einbindung der Perspektiven der verschiedenen Stakeholder. Ziel ist es, Wirkungsfaktoren zur Beschleunigung des Markthochlaufs von Sektorkopplungstechnologien mithilfe quantitativer und qualitativer Forschungsformate zu identifizieren. Zuvor war Pia Arndt im Projekt Norddeutsche Energiewende 4.0 im Bereich der Akzeptanzförderung und -forschung tätig.

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01. Juni 2022

Der Ukraine-Krieg zeigt es deutlich: Die Energieversorgung ist abhängig von russischen Importen. Aspekte wie Versorgungssicherheit, Energiekosten und Import-Unabhängigkeit rücken im Zuge der geopolitischen Lage mehr und mehr in den Fokus der Öffentlichkeit. Nicht selten wird dabei der Ausbau von erneuerbaren Energien als Schlüssel zur Unabhängigkeit diskutiert. Doch wie ist das aktuelle Stimmungsbild der Bevölkerung im Hinblick auf die Machbarkeit der Energiewende? Und inwiefern beeinflusst die aktuelle geopolitische Lage diese Einschätzung?

Diesen und weiteren Fragen haben wir uns jüngst im Rahmen des Norddeutschen Reallabors mit einer Gesellschaftsstudie zur Energiewende, repräsentativ für Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen, gewidmet. Die zwei Befragungen fanden jeweils Anfang Februar und Ende April 2022 statt.

Hohes Bewusstsein für Energiethemen in der Bevölkerung

Die Ergebnisse zeigen, dass ein hohes Bewusstsein für die Thematik „Energie“ in der Bevölkerung vorliegt: Unter den Norddeutschen werden Umwelt-, Klima- und Energiefragen als die Top-Themen für die Entwicklungen Deutschlands eingestuft. Insbesondere besteht dabei ein hohes Interesse an Klimapolitik und erneuerbaren Energien. Zudem identifizieren sich die Bürger*innen stark mit den Zielen der Energiewende:

Versorgungssicherheit, sinkende Energiekosten und Unabhängigkeit von Energie-Importen werden, wie in der Abbildung zu sehen ist, als besonders wichtig empfunden: Mit knapp 90 % wird die Versorgungssicherheit als wichtigstes Ziel der Energiewende eingestuft. Die langfristige Senkung von Energiekosten stufen 85 % als (sehr) wichtig ein und 81 % die Unabhängigkeit von Energie-Importen. Diese Aspekte prägen aktuell auch die öffentlichen Diskussionen rund um die Energieversorgung. Doch inwiefern beeinflusst die aktuelle geopolitische Lage die Einschätzungen zur Energiewende?

Über 80 % sehen eine akute Bedrohung durch den Ukraine-Krieg

Die empfundene Bedrohung durch den Ukraine-Krieg ist mit 83 % in den Köpfen der Norddeutschen sehr präsent. Allerdings stuften die Norddeutschen bereits vor dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs, Anfang Februar 2022, die langfristige Senkung der Energiekosten und Import-Unabhängigkeit mit je über 80 % als (sehr) wichtig ein. Da die Versorgungssicherheit erst nach Ausbruch des Krieges im April 2022 abgefragt wurde, ist eine Entwicklung dieser Einschätzung nicht darstellbar. Unter Einbeziehung einer weiteren Studie aus dem Jahr 2020, die unter ähnlichen Rahmenbedingungen durchgeführt wurde (vgl. Drews/Guzić 2021), lassen sich teils deutliche Verschiebungen in der Einschätzung der Wichtigkeit der energiepolitischen Ziele beobachten: Auf der einen Seite haben Ziele wie die Sicherung der Lebensgrundlage nachfolgender Generationen sowie die Senkung des CO2-Ausstoßes/Klimaschutz an Bedeutung verloren, auch wenn diese insgesamt immer noch als bedeutsam eingestuft werden. Auf der anderen Seite werden 2022 sinkende Energiekosten und Import-Unabhängigkeit deutlich höher gewichtet: Im Jahr 2020 wurden diese von je ca. 60 % als (sehr) wichtig eingestuft und nun von je über 80 %. Damit erhalten die genannten Ziele nun eine höhere Relevanz und Bedeutsamkeit in der Bevölkerung gegenüber CO2-Senkungen/Klimaschutz. Demnach scheint seit der Anbahnung des Ukraine-Krieges die Relevanz von Zielen, die sich unmittelbar auf das tägliche Leben des Einzelnen auswirken, im Vergleich zu den eher das Gemeinwohl betreffenden Zielen gestiegen zu sein.

Skepsis gegenüber der Erreichbarkeit und Umsetzung der Energiewende

Des Weiteren empfindet eine Mehrheit die Verteilung der Kosten der Energiewende als nicht gerecht.

Pia Arndt

Auch wenn insgesamt eine starke Identifikation mit den Zielen der Energiewende vorliegt, weisen die Norddeutschen eine skeptische Haltung gegenüber der Erreichbarkeit der Ziele auf. Vor allem den Kostenaspekt bewerten die Norddeutschen ambivalent: Mit 85 % als zweitwichtigstes Ziel bewertet, glauben allerdings nur knapp 30 %, dass dieses Ziel erreicht wird. Allgemein scheint für die Norddeutschen der Kostenaspekt bzw. die Bezahlbarkeit eine wesentliche Rolle bei der Energiewende einzunehmen.

Des Weiteren empfindet eine Mehrheit die Verteilung der Kosten der Energiewende als nicht gerecht. Nicht zuletzt wünschen sich die Bürger*innen verstärkt Möglichkeiten zu finanziellen Anreizen und weitere Beteiligungsmöglichkeiten. Folglich übernimmt auch die Partizipation eine Schlüsselfunktion für die Akzeptanz der Energiewende.

Energiewende und gesellschaftliche Teilhabe: Drohende Vertrauenskrise?

Die Studienergebnisse zeigen eine gewisse Skepsis der Norddeutschen in Bezug auf eine geeignete Umsetzung der Energiewende auf. Die Befragung macht deutlich, dass sowohl die Gewährleistung von Versorgungssicherheit als auch die Finanzierbarkeit der Energieversorgung zentrale Bausteine zur Sicherstellung des Vertrauens der Bevölkerung in nachhaltige Energiesysteme darstellen. Damit die Einstellung der Bevölkerung zur Energiewende positiv bleibt, genügt es nicht, die erneuerbaren Energien allein als Schlüssel zur Unabhängigkeit zu betiteln. Stattdessen ist es bei Umsetzung der Energiewende durch die verschiedene Akteur*innen wichtig, den Bürger*innen entschlossenes und gemeinsames Handeln mit dem Ziel einer sicheren und bezahlbaren Energieversorgung zu vermitteln. Nur so kann eine sichere Energieversorgung ohne die Nutzung von fossilen Energieträgern funktionieren und gewährleistet werden.

Weitere Ergebnisse lassen sich im Studienbericht nachlesen. Der Studienbericht befindet sich derzeit in der Ausarbeitung und ist ab Ende Juni unter www.norddeutsches-reallabor.de aufrufbar.

Über die Studie

Die Studie wurde im Rahmen des Forschungsvorhabens „Industrielle Transformation und gesellschaftliche Teilhabe“ des länderübergreifenden Verbundprojekts Norddeutsches Reallabor durchgeführt. Mit dem Norddeutschen Reallabor soll die ganzheitliche Transformation des Energiesystems erprobt und so der Weg zu einer schnellen Dekarbonisierung aller Verbrauchssektoren demonstriert werden. Dazu arbeiten rund 50 Projektpartner aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik in dem fünfjährigen Projekt (04/2021-03/2026) zusammen. Die Erprobungsvorhaben werden wissenschaftlich und sozioökonomisch von Forschungsvorhaben begleitet, die die wesentlichen Klammern im gesamtsystemischen Ansatz des Norddeutschen Reallabors bilden.

Studiendesign

  • Thema: Gesellschaftsstudie zum Stimmungsbild und Wissensstand der norddeutschen Gesellschaft hinsichtlich der Energiewende und vor allem der Nutzung von Wasserstoff
  • Grundgesamtheit: Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Bremen
  • Methodik: CAWI
  • Feldzeit: 27.1.-14.2.22; 4-2.5.22
  • Stichprobengröße: Februar = 1.626; April = 1.636
  • Repräsentativität: gegeben (Quotenmerkmale: Alter, Geschlecht, Region)
  • Marktforschungsinstitut zur Datenerhebung: Psyma Research+consulting Gmbh

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