War watt? Energiewende, eine Schnecke wird entschleunigt

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist

Nach Studium, politischem Engagement und Berufseinstieg in Aachen zog es Hubertus Grass nach Sachsen. Beruflich war er tätig als Landesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Prokurist der Unternehmensberatung Bridges und Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Seit 2011 ist er als Unternehmensberater freiberuflich tätig.

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19. Mai 2016

Sie werden sich nicht einigen, die Ministerpräsidenten und der Bundeswirtschaftsminister. Letzte Woche waren die Gespräche über unter Führung der Kanzlerin gescheitert und nun soll Ende des Monats ein neuer Versuch unternommen werden, eine gemeinsam von Bund und Ländern getragene EEG-Novelle zu verabredenDoch für eine Einigung fehlen die Voraussetzungen, zu unterschiedlich sind die Vorstellungen darüber, wie es mit der Energiewende weiter gehen soll. Soll es überhaupt weiter gehen? Den Hardlinern aus CDU und SPD ging die Energiewende viel zu schnell.

Per EEG-Novelle die Vergangenheit konservieren

Nur, wer auf den Strommarkt schaut, wird feststellen, dass sich bei der Energiewende überhaupt etwas bewegt. In 15 Jahren „Wende“ hat sich der Anteil der Erneuerbaren in der Stromerzeugung von ca. 5 Prozent auf jetzt 30 Prozent erhöht, eine durchschnittliche jährliche Steigerung von 1,6 Prozent im Jahr. Es braucht schon ziemlich viel Phantasie, diese Veränderung als Wende zu beschreiben. Geradezu absurd wird der Begriff jedoch dann, wenn man dorthin schaut, worum es im Kern geht: Die Dekarbonisierung des Energieverbrauchs insgesamt. Beim Primärenergieverbrauch haben die Erneuerbaren einen Anteil von 11,3 Prozent, konnten damit seit dem Jahr 2000 ihren Anteil am Energiemarkt von 2,9 Prozent um insgesamt 8,4 Prozent oder jährlich 0,6 Prozent nach oben schrauben. 0,6 Prozent Zugewinn für die Erneuerbaren jedes Jahr! Das bedeutet, dass die Dekarbonisierung bei diesem Tempo noch ca. 100 Jahre dauern wird. Die Energiewende ist eine Schnecke.
Der Anteil der Erneuerbaren Energien am Primärenergieverbrauch in der Entwicklung 1990 bis 2014.

Und diese Schnecke soll nun gebremst werden, weil angeblich der Netzausbau mit dem Ausbau der Erneuerbaren nicht Schritt halten kann. Das führe zu hohen Kosten, die durch Zwangsabschaltungen und Redispatch-Maßnahmen verursacht werden. Doch die Argumente sind zum Teil vorgeschoben. Ein Ausbau der Windenergie in den Ländern Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und anderen würde zu keinerlei Konflikten führen. Vorschläge, den Ausbau der Windenergie und den solaren Zubau hierher zu verlagern, gibt es aus der Regierung aber nicht, denn der Plan der Bremser der Energiewende ist ein anderer: Sie wollen die Energiewende strecken, alte Der Bundesregierung, so titelt die ZEIT, geht die Energiewende zu schnell. Dabei ist die Energiewende eine Schnecke.Strukturen möglichst lange erhalten, die vorhandenen Überkapazitäten in der Erzeugung (fast ausschließlich Kohlekraftwerke) sollen so lang wie möglich noch ein wenig Rendite machen. Ihre Argumentation zielt aufs Allgemeinwohl, es geht aber um handfeste partikulare Interessen.
Es geht um einen Konflikt zwischen alter Industrie und neuen Technologien, ein Konflikt zwischen Klimaschutz und Umweltverbrauch. Gegenüber stehen sich die Bundesländer NRW, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen – die Kohleländer mit ihren Industrie- und Gewerkschaftsfürsten – und die Windstandorte an den Küsten und im Binnenland. Gegenüber stehen sich wenige Konzerne, die früher von der Kohle lebten, und die Akteure der Energiewende.  

Industriepolitisch wäre die EEG-Novelle ein Roll-Back

Gegenüber stehen sich auch die Energiewirtschaft von gestern und die Energiewirtschaft von morgen. Ein Großteil der deutschen Solarwirtschaft ist im bisherigen Kampf bereits auf der Strecke geblieben. Nun droht der Bundeswirtschaftsminister im Verbund mit den Hardlinern aus der CDU mit der EEG-Novelle, auch die Windenergie-Industrie aus Deutschland zu vertreiben. Der EEG-Entwurf ist nicht nur ein Anschlag auf den Klimaschutz in Deutschland, sondern auch ein industriepolitischer Roll-Back, der die erreichte Stellung auf dem Weltmarkt gefährdet.

Wenn die EEG-Novelle so kommt wie geplant, dann muss zum Beispiel die EnBW AG ihre Strategie  umschreiben. Bisher sieht diese vor, bis 2020 eine Leistung von einem GW Windkraft Onshore zu installieren. Bei den jetzt vorgesehenen Ausbauplänen wäre dieses Ziel utopisch. Und weil das vielen anderen Investoren auch so geht, werden Investitionen von mehreren Milliarden nicht getätigt werden, wenn der vorliegende Plan Realität wird.

Ursprüngliches Ziel des EEGs war der Klimaschutz. Trotz des erfolgreichen Klimagipfels von Paris kommt er in den Überlegungen des Bundeswirtschaftsministers und der Bundeskanzlerin im Zusammenhang mit dem EEG nicht vor. Hier daher zur Zwecke der Erinnerung, worum es eigentlich geht, die Reihe der heißesten Monate seit Beginn der Wetteraufzeichnungen:Die heißesten Monate seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

 

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  1. Windmüller

    vor 3 Jahren

    Bei der Energiewende hat man langsam das Gefühl, Deutschland ist ein Ponyhof. Normal kann das alles nicht mehr sein. Ich wohne in Ostwestfalen, nahe Paderborn. Es ist eine windreiche Gegend, so dass dort ca 300 Windräder drehen. Nun haben in den vergangenen Tagen viele Bauern Besuch bekommen von RWE Windscouts. Die Bauern hätten ja enorm unter den Milchpreisen zu leiden, und seien doch sicher an guten Einnahmen interessiert. RWE sei bereit, Flächen für den Bau von Windrädern zu pachten. Die Bauern bräuchten sich um nichts kümmern, und RWE zahle die Pacht auch immer pünktlich. Die Fläche solle aber so groß sein, dass RWE mindestens 5 Windräder bauen könne. RWE habe 11 "windscouts " eingestellt, die deutschlandweit Flächen erkunden würden. Bei der Energiewende geht es ganz augenscheinlich nicht um fehlende Netze, Dekarbonisierung, bezahlbaren Strom oder sonst was.

  2. Günter Reiche

    vor 3 Jahren

    Werter Windmüller,
    die Milchbauern und RWE haben ein ähnliches Problem: Sie kämpfen ums Überleben.Da sind viele Mittel recht.
    Was nervt sind Politiker, die wissen, dass der Strukturwandel in der Energiewirtschaft nicht aufzuhalten ist und wider besseres Wissens die Energiewende nach Kräften zu bremsen versuchen. Den Steinkohlebergbau in NRW hat man über Jahrzehnte hin weiter geführt und jeden Arbeitsplatz hoch subventioniert. NRW war mal Industrieland Nr 1. Mutlose Politiker haben die Stellung des Landes beschädigt. Jetzt wiederholen sie die alten Fehler bei der Braunkohle. Nichts dazu gelernt.

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