War Watt? Die Energiewende in Deutschland ist eine Schnecke

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist

Nach Studium, politischem Engagement und Berufseinstieg in Aachen zog es Hubertus Grass nach Sachsen. Beruflich war er tätig als Landesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Prokurist der Unternehmensberatung Bridges und Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Seit 2011 ist er als Unternehmensberater freiberuflich tätig.

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28. Mai 2015

Die Erneuerbaren Energien revolutionieren unsere Energieerzeugung. Deutschland ist internationaler Vorreiter bei den regenerativen Energien. Die Energiewende in Deutschland fungiert als Taktgeber für den globalen Siegeszug der Erneuerbaren. Wer genauer hinschaut sieht: Hinter solchen Überschriften spiegelt sich mehr der Wunsch als Vater des Gedankens, aber nicht  die Realität. Die Energiewende in Deutschland ist ein zäher, mitunter quälend langsam verlaufender Prozess, von einer Energie-„Wende“ kann keine Rede sein. Sehen wir uns mal die Geschwindigkeit dieser Schnecke namens Energie-„Wende“ an.

Primärenergieverbrauch nur unwesentlich verändert

Primärenergieverbrauch, Energiewende in Deutschland

Dass sich in Deutschland in den letzten 25 Jahren – trotz deutscher Einheit – nur wenig im Energiesektor getan, zeigen die Vergleichsdaten des Primärenergieverbrauchs. Der Verbrauch ist durch den Untergang der DDR-Industrie zwar etwas zurück gegangen, aber ansonsten hat sich wenig geändert.  Auffällig vielleicht: Der Anteil der Kernenergie sank von 11,2 auf 7,7%, der der Erneuerbaren stieg von 1,3 auf 10,4%, das entspricht über den Zeitraum von 23 Jahren einer jährlichen Steigerung von 0,4 Prozentpunkten. Sehr, sehr gemächlich macht sich die Energiewende in Deutschland auf den Weg.

Solare Revolution?

Energiewende in Deutschland, Anteil PV an Bruttostromerzeugung

Solarstrom boomt weltweit, findet nicht nur die Wirtschaftswoche. Der „Solarboom geht in die zweite Runde“ meint die Neue Rheinische und die befragten Experten sind sich einig, dass alle Vorzeichen für den weiteren Ausbau der Solarenergie auf Grün stehen. Das ist auch bitter nötig, denn das, was die Fotovoltaik (PV) für die Energiewende in Deutschland leistet, ist nicht viel mehr als der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Der Anteil der PV-Erzeugung am Bruttostromverbrauch ist immerhin auf 6,04% gestiegen, über die Jahre der Förderung via EEG errechnet sich daraus ein mittlerer jährlicher Anstieg von 0,46% – wahrlich keine revolutionäre Veränderung. Auch hier gibt die Schnecke das Tempo der Energiewende in Deutschland an.

2.549,2 Terrawattstunden – das ist aktuell die Summe des Endenergieverbrauchs in Deutschland, davon entfallen 578,5 TWh auf den Sektor Strom, 1.320 TWh auf den Sektor Wärme und 650,7 TWh auf den Sektor Verkehr. Von diesem Verbrauch deckt die Fotovoltaik 34,9 TWh, das sind 1,37 Prozent.

Antiel PV an der Endenergie, Energiewende imn Deutschland

 Kosten- und Nutzen der Energiewende in Deutschland

Vergleicht man den nach 15 Jahren EEG doch relativ bescheidenen Beitrag der Erneuerbaren an der gesamten Energieerzeugung mit dem Aufwand, den wir treiben, um die Erneuerbaren zu etablieren, kann man ins Grübeln geraten. Derzeit kostet die Förderung ca. 20 Milliarden Euro im Jahr.

Es gibt (immer noch) Zeitgenossen, die aus diesen Zahlen den Schluss ziehen, die Energiewende in Deutschland sei gescheitert und es sei besser, das Projekt heute anstatt morgen zu beerdigen. Das wäre eindeutig der falsche Weg, denn die Gründe für den Ausbau der Erneuerbaren und eine Dekarbonisierung unserer Wirtschaft bestehen fort. Unzweifelhaft haben wir mit dem EEG nicht nur die Energiewende in Deutschland angeschoben, sondern auch den globalen Weg für die Erneuerbaren mit geebnet. Gemessen an der Herausforderung des Klimawandels ist der Preis, so lange niemand einen alternativen Weg zu einer drastischen CO2-Minderung bei Erhalt unseres Lebensstandards nennt, wahrscheinlich angemessen.

Andererseits finden die täglichen Jubelfeiern über die Erfolge der Erneuerbaren viel zu früh statt. Stattdessen sollten sich die Befürworter der Umstellung der Energieversorgung auf 100% Erneuerbare Energie viel stärker an den Realitäten orientieren, auf sachliche Kritik eingehen, sich immer wieder der Diskussion und ihre Route immer wieder in Frage stellen. Trotz EEG: Die Energiewende in Deutschland schleicht wie eine Schnecke voran. Aber sie schleicht und das in die richtige Richtung. Weiterhin lohnt die Debatte darüber, wie wir die Schnecke beschleunigen und die Kosten dafür im vertretbaren Rahmen halten.

Anteil Erneuerbarer am Primärenergieverbrauch, Energiewende in Deutschland

Wenn wir über 100% Erneuerbare reden, ist nicht der Strom, sondern der Primärenergieverbrauch oder wahlweise der Endenergieverbrauch der Maßstab der Dinge. Wir reden ja nicht von der Stromwende. Seit dem Jahr 2000, der Einführung des EEG, haben wir weniger als 10% der Wegstrecke zurück gelegt. Bleiben wir in diesem Tempo auf Kurs, findet auch im nächsten Jahrhundert noch die Energiewende in Deutschland statt. So viel Geduld wird der Klimawandel mit uns nicht haben.


Update vom 1. Juni: Zu der Einschätzung, dass es sich bei der Energiewende bestenfalls um eine „Light“-Version handelt, kommen auch die Klimaretter in einer Beurteilung der Studie des Bundesverbandes Erneuerbare Energien. Sie können die Langfassung der von Joachim Nitsch erstellten Studie „Aktuelle Szenarien der deutschen Energieversorgung unter Berücksichtigung der Eckdaten des Jahres 2014“ hier downloaden. Zur Kurzfassung folgen Sie diesem Link.

 

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  1. Windmüller

    vor 3 Jahren

    Das Problem sehe ich an ganz anderer Stelle. Wir machen uns technologisch selber fertig. Wir waren mal Weltspitze im Bereich Solar und Wechselrichter. Den Ast haben wir abgesägt. Wir waren Weltspitze, was den Bau von Biogasanlagen angeht. Das ist vorbei. Bei Thema Offshore ist Siemens noch spitze. Das wird aber nicht mehr lange der Fall sein. Hyundai aus Korea arbeitet an Offshoreanlagen, die Chinesen testen Prototypen vor der norwegischen Küste. Vestas aus Dänemark und Misubishi Heavy Industries haben ein joint venture gegründet, welches am Markt heftig eingeschlagen hat. Auch beim Thema Batteriespeicher lassen wir lieber ausländischen Herstellen den Vorrang.

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