Bringt es die erhoffte Entlastung? Das Lastenrad

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist

Nach Studium, politischem Engagement und Berufseinstieg in Aachen zog es Hubertus Grass nach Sachsen. Beruflich war er tätig als Landesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Prokurist der Unternehmensberatung Bridges und Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Seit 2011 ist er als Unternehmensberater freiberuflich tätig.

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02. Mai 2019
Bild: Mobilitätsakademie AG des TCS

Anfahren und nach wenigen Metern bremsen und anhalten. Dann wieder anfahren. Der Akku des Elektrofahrrads steht unter Dauerstress. Doch meine Postfrau ist zufrieden. Das elektrische Lastenrad erleichtert ihre tägliche Routine, Briefe, Zeitungen und Postwurfsendungen auszutragen. Denn trotz der ungewöhnlichen Belastung hält der Akku auf der Strecke von ca. 16 Kilometern durch. Jeden Tag. Auch im Winter. Kann, was im konkreten Anwendungsfall funktioniert, auch in der Masse eine relevante Wirkung entfalten? Kann das elektrische Lastenrad einen Beitrag leisten, Abgase und Lärm in unseren Städten zu reduzieren?

In London soll das Lastenrad 15 Prozent der Logistik abdecken

Davon überzeugt ist die renommierte Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers, PWC. Zusammen mit 400 anderen Unternehmen will die Firma mit Sitz in der Londoner City durch das Programm „Bikes for Business“ 15 Prozent des Lieferverkehrs auf die umweltfreundliche Alternative umstellen. Die Stadt London unterstützt Gewerbetreibende beim Ankauf von Lastenrädern mit einer Zahlung von 20 Prozent des Kaufpreises.

Als isolierte Einzelmaßnahme hätte die Initiative keine Aussicht, das angestrebte Ziel zu erreichen. Wie der nachfolgende Film eindrucksvoll zeigt, arbeitet die Stadtverwaltung in London aber schon lange am Umbau der Stadt zur fahrradfreundlichen Metropole.

Vorbild Kopenhagen

Als vorbildlich für die gut ausgebaute Radinfrastruktur ist Kopenhagen bekannt. Schon Ende der siebziger Jahre protestierten die Bürger der Stadt  gegen den damaligen Trend, die Stadt autogerecht zu gestalten. Und seit 2006 hat sich die Stadt dann konsequent auf den Weg gemacht „Umweltmetropole“ und  „Metropole für Menschen“ zu werden. In diesem Umfeld waren die Voraussetzungen für das Lastenrad gegeben, eine bedeutende und stetig wachsende Funktion im innerstädtischen Verkehr zu übernehmen. Daraus entstehen neue Herausforderungen. Bei mehr als 20.000 Lastenrädern in der Stadt kann es heute zum Problem werden, einen geeigneten Parkplatz zu finden.

In Deutschland wird wenig in den Radverkehr investiert

Die breiten Radwege in Kopenhagen sind ideal fürs Lastenfahrrad. Dadurch können fast alle Auslieferungen der dänischen Post in Kopenhagen mit diesem Transportmittel ausgetragen werden. Selbst die Straßenreinigung erfolgt mit speziell ausgerüsteten Lastenrädern.

All diese Maßnahmen verlangen eine langfristige Planung und besonders die Leistungen für die Infrastruktur benötigen hohe Investitionsmittel. Geld, das in hinreichendem Ausmaß in deutschen Städten nicht zur Verfügung gestellt wird.  Kopenhagen investiert pro Kopf und Jahr 35,60 Euro in den Radverkehr. In Stuttgart sind es gerade einmal fünf Euro, in München gar nur 2,30 Euro. Auch die Investitionen des Bundes fallen mit fünf Euro pro Kopf und Jahr eher bescheiden aus. Die Niederlande geben das Sechsfache für die Radinfrastruktur aus.

Unfallrisiko, Radverkehrsanteil und in Haushaltsplänen angegebene Ausgaben für den Radverkehr in den sechs größten deutschen Städten, Amsterdam und Kopenhagen.

Quelle: Greenpeace Studie

Ein Pinselstrich auf dem Gehweg reicht nicht aus

Dank E-Bikes könnten nun auch Städte vom Fahrrad profitieren, die aus topographischen Gründen bisher das Nachsehen hatten.

Hubertus Grass, Kolumnist

Ein Lastenrad ist häufig ebenso breit wie der traditionelle Fahrradweg in einer deutschen Stadt. Rechtlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Lastenräder den Radweg benutzen. Städte, die einen Teil der innerstädtischen Logistik auf das Rad verlagern möchten, müssen aber mehr bieten als einen Pinselstrich auf dem Gehweg. Die Mindestbreite der Radwege beträgt in Kopenhagen vier Meter. Nur wenn der Verkehrsfluss stimmt und die Verkehrssicherheit gegeben ist, wird man Privatpersonen und Gewerbetreibende dazu animieren können, sich des Rades für den Gütertransport zu bedienen.

Wie wichtig der Radverkehr allgemein mit „seinen positiven Effekten auf die Umwelt, das Klima, die Lebensqualität in den Städten und Gemeinden sowie die Gesundheit der Menschen“  ist, hat auch der Bundesminister für Verkehr erkannt. Dank E-Bikes könnten nun auch Städte vom Fahrrad profitieren, die aus topographischen Gründen bisher das Nachsehen hatten. Bei soviel Einsicht und vorhandenen technischen Möglichkeiten sollte es doch gelingen, zumindest das Wachstum des Güterverkehrs in den Städten auf das Lastenrad zu verlagern

Das Lastenfahrrad als ein Element einer lebenswerten Stadt

Davon sind wir aber noch weit entfernt. Nur einzelne Städte wie Freiburg, Münster oder Karlsruhe, bei denen das Fahrrad in der Stadtentwicklung schon länger eine wichtige Rolle spielt, verfügen über die Voraussetzungen, einen nennenswerten Teil der Logistik auf das Rad zu verlagern. Auch viele Familien werden das Lastenrad mit elektrischem Antrieb in diesen Orten als Alternative zum Auto entdeckenund umsteigen.

In den meisten deutschen Kommunen fehlen derzeit die Voraussetzungen für die massenhafte Verwendung von Lastenrädern. Wo das Auto über Jahrzehnte die absolute Dominanz im öffentlichen Verkehrsraum hatte, braucht es Zeit, Geld und – allen voran – den politischen Willen, die Stadt wieder lebenswert zu machen. Das Lastenrad in der privaten, öffentlichen und gewerblichen Nutzung kann langfristig dann einen kleinen Beitrag leisten.

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