War watt? Die Energiewende im Netz

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist

Nach Studium, politischem Engagement und Berufseinstieg in Aachen zog es Hubertus Grass nach Sachsen. Beruflich war er tätig als Landesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Prokurist der Unternehmensberatung Bridges und Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Seit 2011 ist er als Unternehmensberater freiberuflich tätig.

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31. Juli 2014

„Es wäre besser, unser Land konzentrierte sich stärker auf nachweislich umweltverträgliche Energieformen wie die erneuerbaren Energien.“ Die Präsidentin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger, bezog anlässlich der Vorstellung eines 600-Seiten-Gutachtens zum Thema Fracking eindeutig Position. Vom Fracking erhofft sich das UBA jedenfalls keinen Beitrag zur Energiewende. 

Beim Fracking wird ein Gemisch aus Wasser und Chemikalien in die Erde gepumpt, um Gas aus tieferen Gesteinsschichten zu lösenEin Teil dieser Brühe, der sog. Flowback (Rückflusswasser), tritt oberflächlich wieder aus. Was macht man mit dieser Flüssigkeit? Dazu das UBA: „Ein tragfähiges Entsorgungskonzept hat bislang kein Unternehmen vorlegen können.“ Das kommt mir irgendwie bekannt vor… Erst einmal giftigen oder strahlenden Müll produzieren und das Nachdenken über eine sichere Entsorgung auf später verschieben. Vielleicht kann man auf diese Art auch gleich die Entsorgungskosten Dritten überhelfen.  

Bei einer anderen Risikotechnologie gelingt das. Arte hat jetzt in einer Dokumentation gezeigt, wie unterentwickelt die finanzielle Vorsorge für den AKW-Rückbau in Frankreich ist. Die Rückstellungen von EdF und AREVA, den französischen AKW-Betreibern, liegen(c) Andy Ridder, Kraftwerk der EnBW Müllverbrennung in Stuttgart Münster mit nur 18 Mrd. Euro für die 58 französischen AKWs deutlich unter denen in Deutschland. Der günstige Strompreis in Frankreich wird finanziert durch einen Kredit, den die französische Politik bei kommenden Generationen aufgenommen hat. Leider hat man versäumt, die Kreditgeber zu fragen.  

Lockererer als das UBA bewerten unsere Nachbarn in Polen die aus den USA kommende Technik des Frackings. Wie die Klimaretter jetzt berichteten, hat jetzt die EU-Kommission rechtliche Schritte gegen Polen eingeleitet, weil die Hoffnung auf billiges Gas und die Hoffnung auf ein Stück energiepolitische Unabhängigkeit von Russland die Geister im Sejm dermaßen trübte, dass die polnische Gesetzgebung fürs Fracking den umeltpolitischen Mindestanforderungen der EU nicht genügt.

Wie bereits letzte Woche berichtet haben die Erneuerbaren im ersten Halbjahr die Spitzenposition im deutschen Strommix mit einem Anteil von 31 Prozent an der Stromerzeugung ausgebaut.  Während der Anteil von Erdgas weiter sank (jetzt 9,8%), bleibt der Anteil der Braukohle mit 25,1 Prozent relativ stabilWarum die relativ trägen Braunkohlekraftwerke bei steigender Volatilität im Netz gegenüber Pumpspeicher- und Gaskraftwerken, den beiden großen Verlierern im Markt, einen Wettbewerbsvorteil generieren, zeigt der blog.stromhaltig. Thorsten Zoerner beschäftigt sich, fachkundig wie immer, mit der Regelleistung im Markt und der damit verbundenen GoldgräberstimmungLehrreich auch die Kommentare zum Artikel: Dank der sogenannten Kesselreserve können die für Grundlast vorgesehenen Braunkohlekraftwerke nahezu beliebig günstig Primärregelleistung anbieten und bei intelligenter Fahrweise sowohl positive als auch negative Regelleistung am Markt verkaufen.  

Eine MWh Strom kostet derzeit an der Börse etwas mehr als 30 Euro, bei der Primärregelenergie kann die MWh schon mal über 3500 Euro kosten. Geld verdienen mit PCVernetzungKleinPrimärregelenergie können aber nicht nur Kraftwerke, sondern auch Speicher. In der Schweiz wurde der Batteriespeicher der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich nach zwei Jahren Testbetrieb am Netz für den Markt für Regelenergie zugelassen. Technisch ist es denkbar, dass nicht nur solche Monsterteile, die ein MW sekundenschnell hoch oder runter fahren können, Zugang zum Markt für Regelenergie bekommen, sondern auch kleine, intelligente Akkus, die sich zum Schwarm zusammen schließen.

Dass ein nationaler Kapazitätsmarkt in Deutschland nicht funktionieren wird, hat eine Studie von A.T. Kearney im Auftrag der EnBW gezeigt. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt jetzt eine Untersuchung für den britischen Strommarkt. Blomberg New Energy prophezeit, dass Profiteuer eines so veränderten Marktes, der kein Markt mehr wäre, vor allem die Kohlewirtschaft wäre. 

Beim Ausbau der Erneuerbaren einen konstant hohen Anteil CO2-haltigen Strom im Netz zu haben – so hatten wir uns das Projekt Energiewende nicht vorgestellt. „Wie weiter nach der EEG-Reform?“,  fragen wir in unserem Standpunkte-Modul. Über den weiteren deutschen Weg bei der Energiewende herrscht alles andere als Einigkeit, Gabriels teuere und giftig kommentierte Anzeigenkampagne kann da nicht drüber hinwegtäuschen. Sicher ist, dass wir eine europäische Verzahnung brauchen. Doch dort sind die Interessen zwischen der französischen Atom- und der polnischen Kohlepolitik noch undurchdringlich als hier zu Lande. Wie weiter? Sachdienliche Hinweise in Form von Beiträgen nehmen wir gern entgegen. 

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