Umfrageergebnis: Wann kommt der Tipping-Point der Elektromobilität?

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Redaktion

Stiftung Energie & Klimaschutz
19. Oktober 2017

Das wollten wir bei unserer letzten Umfrage von Ihnen wissen. Das Ergebnis war denkbar knapp. 38 Prozent der Leserinnen und Leser geben 2020 als das Jahr des Tipping-Points an. Nur einen etwas geringeren Zuspruch bekam die Antwortmöglichkeit 2025. Hier setzten 36 Prozent den Klick. Ein Viertel, 26 Prozent genau, glauben, dass die Verbrennungsmotoren mittelfristig noch eine Zukunft haben. Diese Minderheit sieht den Tipping-Point erst nach 2030 kommen.

Tipping-Point – worüber reden wir eigentlich?

Wann die Elektromobilität den Tipping-Point erreicht, darüber herrscht ein uneinheitliches Bild, so das Ergebnis unserer Umfrage.
Wann die Elektromobilität den Tipping-Point erreicht, darüber herrscht ein uneinheitliches Bild, so das Ergebnis unserer Umfrage.

Im Begleittext zur Umfrage hatten wir Tipping-Point definiert als den Zeitpunkt, zu dem ein neues innovatives Produkt den Wunsch des Kunden im gleichen Maße erfüllt wie das alte. Dies aber zu einem günstigeren Preis. Oder der Kunde erhält durch das neue Produkt einen Mehrwert (mehr Komfort, mehr technische Möglichkeiten) zum Preis des alten Produkts. Wird dieser Punkt auf die eine oder andere Weise erreicht, lassen die Kunden in Massen das alte Produkt im Laden liegen und wenden sich dem neuen zu. So geschehen in der Musikbranche von der Schallplatte über mehrere Stationen hin zu den Streaming-Diensten, von der analogen zur digitalen Fotografie und vom alten Handy hin zu den Smartphones.

Die Verkaufszahlen bei den elektrischen Antrieben steigen rasant an. Jetzt auch in Deutschland. Rechtfertigt dies die Aussage, der Tipping-Point sei schon erreicht?

Die Masse hat den Elektroantrieb für sich noch nicht entdeckt

Wir halten diese Einschätzung für falsch. Die Masse hat den Elektroantrieb für sich noch nicht entdeckt. Das hat aus unserer Sicht verschiedene Ursachen:

  • Der Anschaffungspreis für E-Autos ist vergleichsweise hoch. Demgegenüber stehen geringere Unterhaltskosten. Vom Tanken über Versicherung bis hin zu den Wartungen und Reparaturen fällt beim E-Auto einiges weg oder wird erheblich günstiger. Den preislichen Vorteil des Elektroantriebs sehen jedoch viele Autofahrer noch nicht, weil sie ihre derzeitigen Kosten pro gefahrenen Kilometer gerne verkennen.
  • Ein neues Produkt muss die gleichen Vorzüge bieten wie das alte. Dabei spielt es dann keine Rolle, dass Vorzüge wie z.B. eine Reichweite von mehr als 500 Kilometern im Alltag fast nie ausgereizt wurden.
  • Die – im Vergleich zum Tanken – langen Ladezeiten schrecken die Autofahrer ab. Dabei übersehen sie, dass der durchschnittliche Fahrer bis auf ganz wenige Ausnahmen im Jahr nachts zu Hause laden kann. Er wird also Zeit sparen und nicht verlieren. Aber auch hier ist (noch) das Vorurteil noch mächtiger als die auf Fakten begründete Vernunft.
  • Es mangelt an Möglichkeiten oder es scheint zu kompliziert, erste Erfahrungen mit einem E-Auto zu sammeln.
  • Das Angebot an Fahrzeugen ist im Vergleich zu den Verbrennern noch beschränkt.
  • Auch in Bezug auf den Service sind die Autofahrer skeptisch und warten lieber erst einmal ab.

Ein Markt voller Unsicherheiten

Die Unsicherheit des Verbrauchers ist verständlich. Denn schließlich geht es beim Autokauf um eine beträchtliche Investition. Das neue Smartphone gehört ebenso wie die Digitalkamera nach ein paar Jahren schon zum alten Eisen, weil die Innovationsgeschwindigkeit in der digitalen Welt so enorm hoch ist. Dass er für seine digitalen Produkten nur einen lächerlichen Preis beim Wiederverkauf bekommt, damit kann der Verbraucher leben. Wer aber sagt ihm verbindlich zu, dass der Wert von E-Autos, die nur Dank moderner Elektronik funktionieren, nicht auch sinken wird, wenn die neuere, bessere Version auf dem Markt ist?

Tipping Point bei Twitter
Auch bei Twitter haben die User abgestimmt: Mehr als zwei Drittel schätzen ein, dass bis 2025 der Tipping Point erreicht ist. Ähnlich wie bei uns im Blog.

Doch die derzeitige Unsicherheit auf dem Automarkt hat auch Facetten, die sich auf die Entwicklung der Elektromobilität günstig auswirken werden. Was das heute angeschaffte Fahrzeug in fünf oder zehn Jahren noch für einen Wert hat, das fragen sich auch die Käufer der klassischen Fahrzeuge. Gibt es in ein paar Jahren in Deutschland noch einen Markt für gebrauchte Diesel-Fahrzeuge? Oder werden die heute noch stark nachgefragten SUVs das Ende ihrer Laufzeit in Weißrussland oder im Kaukasus verbringen, weil der Unterhalt zu teuer ist und die Fahrzeuge innerhalb der deutschen Städte nicht mehr zugelassen sind?

Offensichtlich wird der Tipping-Point auch dadurch verschoben, dass es viel aufwändiger ist eine funktionierende Massenproduktion für Autos aufzubauen als eine Produktionsstrecke für iPhones. Herr M. von der Firma T. aus Kalifornien könnte uns dazu eine Menge erzählen.

Die Unsicherheit über die künftige Entwicklung lässt sich auch bei unseren Umfragen ablesen. Hier im Blog lag wie beschrieben das Jahr 2020 vorne. Die gleiche Frage bei Twitter gestellt, sah das Jahr 2025 sehr knapp vorn. Und auch offline, beim Debattenabend der Stiftung Energie & Klimaschutz, ließen wir abstimmen. Auch hier ein sehr knappes Ergebnis. Vorne lag mit einer Stimme Mehrheit das Jahr 2025.

Der Siegeszug der Elektromobilität ist nicht mehr aufzuhalten

Auch wenn es schwierig ist, genau vorher zu sagen, wann eine Disruption bestehende Märkte erschüttern wird: Der Fisch ist geputzt. Der Siegeszug der Elektromobilität ist nicht mehr aufzuhalten. Weil zu diesem Veränderungsprozess andere parallel laufen, ist der Tipping-Point der Elektromobilität für die deutsche Wirtschaft nur eine von mehreren Herausforderungen. Auch für das autonome Fahren und ein sich wandelndes Mobilitätsverhalten müssen die Unternehmen Antworten finden, die sich im weltweiten Wettbewerb behaupten können.

Unsere Umfrage lief vom 5. September bis zum 15. Oktober. An ihr nahmen 246 Personen teil. Danke, dass Sie sich beteiligt haben. Die aktuelle Umfrage finden Sie hier:

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