Lockdown für den Klimawandel?

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist

Nach Studium, politischem Engagement und Berufseinstieg in Aachen zog es Hubertus Grass nach Sachsen. Beruflich war er tätig als Landesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Prokurist der Unternehmensberatung Bridges und Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Seit 2011 ist er als Unternehmensberater freiberuflich tätig.

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21. Januar 2021

Soeben wurde der bestehende Lockdown um zwei weitere Wochen verlängert. Wie die Medien berichteten, diskutierten die Länderchefs und die Kanzlerin überaus lange und intensiv. Besonders kontrovers ging es beim Thema Schule zu. Hier konnte sich die Runde nicht einigen. Die ganze Atmosphäre der Videokonferenz lässt darauf schließen, dass die politische und auch psychologische Situation bei den politisch Verantwortlichen überaus angespannt ist. Nach zehn Monaten Erfahrung mit der Pandemie hat sich noch kein einheitlicher Umgang mit der Herausforderung herauskristallisiert.

Ein ganzes Land im wissenschaftlichen Diskurs

Einen Lockdown für den Klimawandel - Maßnahmen, die ähnlich einschneidend sind, bräuchte es schon lange.

Hubertus Grass, Kolumnist

Um die Ansteckungsrate nachhaltig nach unten zu drücken, braucht es – wie im Frühjahr gesehen – sehr rigide Maßnahmen. Allerdings sind die wirtschaftlichen, sozialen und psychologischen Kollateralschäden bei einem solchen Vorgehen so hoch, dass die Politik davor zurückschreckt.  Die Diskussionen der Öffentlichkeit über die Wirksamkeit der Maßnahmen sowie über die Folgen sind in der Mehrheit durch den publizierten wissenschaftlichen Sachverstand geprägt und zeigen eine erstaunlich hohe Zustimmungsrate auch zu einschneidenden Maßnahmen. Trotz des großen und lauten Geschwurbels einer mitunter aggressiven Minderheit zeichnen sich Kommentare, Berichterstattung und alle anderen Beiträge in den Medien meist durch Kenntnisreichtum und das Wissen um auf den Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis aus.

Alle größeren Redaktionen verfügen mittlerweile über Journalistinnen und Journalisten, die aus dem Stegreif erklären können, was eine Inzidenz ist, wie sich ein R-Wert errechnet und welche widersprüchlichen Untersuchungen es über die Ansteckungsintensität von Kindern im Vorschul- und Schulalter gibt. In einer großen Verständlichkeit werden internationale Entwicklungen miteinander verglichen, Ergebnisse von Studien für die Berichterstattung aufbereitet und Fachleute zu Rate gezogen. Binnen von zehn Monaten wurde eine ganze Gesellschaft zu einem Heer von Fachleuten. Selbst in den sozialen Medien werden mitunter Diskussionen in einer Qualität geführt, die einem Oberseminar in der Epidemologie, Soziologie, Psychologie oder in den Erziehungswissenschaften alle Ehre machen würde.

Warum, so fragt sich der Kolumnist, muss erst eine Pandemie ausbrechen, bevor sich Politik und Gesellschaft intensiv mit einem Thema beschäftigen? Warum sind wir Menschen offenbar unfähig, die Zeichen an der Wand zu interpretieren, dass uns Gefahren ungeheuren Ausmaßes drohen? Sind eben diese Zeichen selbst dann nicht wahr, wenn sie Wissenschaftler an die Leinwand geworfen haben. Tausendfach. Einen Lockdown für den Klimawandel – Maßnahmen, die ähnlich einschneidend sind, bräuchte es schon lange.

Politische Diskussionen über Corona und den Klimawandel: Der kleine Unterschied

Erst im Augenblick der grassierenden Pandemie verstummen solch abstruse Diskussionen, an die wir uns in der Politik beim Thema Klimawandel schon lange gewöhnt haben. Wäre das Diskussionsniveau in der politischen Öffentlichkeit auf dem gleichen Niveau wie beim Klimawandel, dann würde man in der Politik zum Beispiel solche Argumente hören: „Corona lässt sich nur über eine globale Aktion in den Griff bekommen. Warum sollen wir in Deutschland vorangehen?“ In Deutschland treten nur zwei Prozent der weltweiten Krankheitsfälle auf? Was macht ein Lockdown für einen Sinn, wenn wir 98 Prozent der Krankheitsfälle nicht beeinflussen können?“ Und weil es den Journalistinnen und Journalisten allgemein an vergleichbaren Sachverstand wie bei Corona beim Klimawandel fehlt, würde man den Politikerinnen und Politikern diese Dummheiten dann im Interview oder in der Talkrunde durchgehen lassen.

Und ohne jemanden politisch zu nahe treten zu wollen: Wäre nicht Corona, sondern der Klimawandel die Herausforderung, dann bekämen wir Argumente zu hören wie das folgende: „Wirtschaftliches Wachstum ist die Voraussetzung, um Corona erfolgreich bekämpfen zu können. Wirtschaftliches Wachstum finanziert Wissenschaft und Forschung. Nur wenn wir auch in Zukunft wirtschaftlich erfolgreich sind, werden wir bei vergleichbaren Herausforderungen Impfstoff entwickeln können.“

Wieder andere würden auf den Gleichklang in Europa und auf die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie verweisen oder andere Argumente parat haben, warum man – derzeit leider gerade nicht – auf den Klimawandel so reagieren könne, wie es nach einhelliger Meinung der Wissenschaft angemessen wäre.

Einen Lockdown für den Klimawandel? Die Vorgabe von Paris einhalten

Niemand hat gefordert, dass wir als Reaktion auf die Herausforderung des Klimawandels einen vollständigen Lockdown durchführen sollen. Die gemeinsame Forderung von Wissenschaft und Klimabewegung ist relativ simpel: Uns im Rahmen unserer Möglichkeiten so anzustrengen, dass wir den Pariser Klimavertrag einhalten. Von der Einhaltung dieses Vertrages sind wir weit entfernt. Weniger als 20 Prozent der Vertragsstaaten haben verbindliche und hinreichende Zusagen gemacht. Auch Deutschland ist weit von einem Pfad entfernt, mit dem Emissionsbudget, das sich aus dem Klimavertrag von Paris errechnet, auszukommen.

Die drastischen Maßnahmen der Pandemiebekämpfung haben weltweit zu einem starken Rückgang der Emissionen geführt. Von dieser Besonderheit abgesehen gibt es gegenwärtig keine Anzeichen für eine nationale oder internationale Kursänderung in Richtung Nachhaltigkeit.

Corona, Klimawandel und andere Herausforderungen

Anders als bei Corona sind beim Klimawandel nicht reale Maßnahmen, sondern große Ziele und Versprechungen das erste politische Mittel der Wahl.

Hubertus Grass, Kolumnist

Anders als bei Corona sind beim Klimawandel nicht reale Maßnahmen, sondern große Ziele und Versprechungen das erste politische Mittel der Wahl. So erst jüngst geschehen beim Klimatreffen „One Planet Summit“, wo 50 Staaten sich zu einer Allianz zusammenschlossen. Die dort vereinbarten Maßnahmen sind meist schon älteren Semesters und reichen bekanntermaßen nicht aus, auf das Problem der schwindenden Biodiversität angemessen zu reagieren. Mittlerweile wissen wir, dass Pandemien wie Corona, der Klimawandel, Kunststoffpartikel in allen Ökosystem und der weltweite Artenverlust unterschiedliche Ausdrucksformen der gleichen Ursache sind: Die von Menschen willentlich oder unwissentlich verursachten Eingriffe in die Prozesse der Natur.

Aktuelle Studien zeigen, dass die Summe der von uns verursachten Probleme und die daraus resultierenden Folgen weit über das hinausgehen, was wir derzeit in der Corona Pandemie erleben. Auch wir hatten bereits darauf hingewiesen, dass sich der Klimawandel offenbar beschleunigt und damit die Wahrscheinlichkeit gewachsen ist, dass für die ersten Kipppunkte im Klimasystem bereits überschritten haben.

Ein Report von 17 renommierten Wissenschaftlern aus den USA, Australien und Mexiko geht nun einen Schritt weiter und hat untersucht, welche Konsequenz die doppelte Herausforderung von Erderhitzung und Massenaussterben Flora und Fauna für den Planeten Erde hat. Der Kern der Botschaft lautet: Uns droht eine “grausige Zukunft“.

Wird am Ende dennoch alles gut?

Üblicherweise enden Beiträge wie dieser mit der Hoffnung, dass wir die schlimmsten Gefahren noch abwehren könne, wenn wir jetzt endlich die Zeichen der Zeit erkennen und vom Reden ins Handeln kommen. Das Narrativ ist aber schon etwas abgenutzt. Daher endet dieser Beitrag mit einem Zitat eines deutschen Politikers und der Frage: Aus welchem Jahr und vom wem stammt dieses Zitat? Nutzen Sie zur Beantwortung der Frage gerne auch die Kommentarfunktion.

Aus welchem Jahr und vom wem stammt dieses Zitat? „Aber es macht einen Grundkonsens deutlich, ohne den wir nichts erreichen können: Den Grundkonsens darüber, dass wir den blauen Planeten nur bewahren können, wenn wir zu radikalen Änderungen bereit sind - und das möglichst schnell.“

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    hr

    vor 9 Monaten

    Dem ökologischen Kollaps können wir nur entgehen, wenn wir die seit Jahrzehnten ausgearbeiteten Konzepte der degrowth-Bewegung anwenden. Die jährlichen Konferenzen https://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_Degrowth-Konferenz und zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen https://timotheeparrique.com/academic-articles/ sind Belege dafür, daß sich das jetzt schon spürbare Ausmaß des Schadens an der Natur mit Wachstumsrücknahme, Suffizienz und Systemwandel vielleicht noch eindämmen lässt.

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