Debatten-Abend zur Klimabilanz der Digitalisierung

Gastautor Portrait

Redaktion

Stiftung Energie & Klimaschutz
03. Mai 2021

Gamechanger für den Klimaschutz

Kann eine stärkere Digitalisierung der Gamechanger für den Klimaschutz werden? Holger Schäfer, Sprecher des Vorstands bei der Stiftung Energie & Klimaschutz, stellte zum Einstieg die Kernfrage, die beim Debatten-Abend am 29. April 2021 im Raum stand.

Zum Einstieg in die Diskussionen stellte die Journalistin und Moderatorin Katrin-Cécile Ziegler Prof. Dr. Armin Grunwald vor, Leiter des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Bundestag sowie Leiter am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse am KIT und Professor für Technikphilosophie am Institut für Philosophie. Ihre Frage an ihn lautete: Werden digitale Technologien die großen Probleme des Klimawandels lösen?

Eine Ja-Nein-Antwort gehe bei einer Frage wie dieser nicht, so Grunwald. Die Hoffnungen auf die Effizienzrevolution seien älter als die Digitalisierung, die komme aus den neunziger Jahren, als es das Internet noch gar nicht gab. Er führte die Automobilwirtschaft als Negativbeispiel an: Hier wurde die Effizienz gesteigert, trotzdem ist der CO2-Ausstoß im Bereich Verkehr nicht gesunken. Deswegen, so sein Argument, komme es auf die Gesamtbilanz an. „Der Umwelt und dem Klima ist die Effizienz egal – Effizienzen sind lediglich Quotienten. Dem Klima kommt es auf die Gesamtbilanz an“, so der Technik-Philosoph. Und hier habe der menschliche Umgang einen erheblichen Einfluss.

Eine aktuelle Bitkom-Studie sagt, dass bis zu 129 Millionen Tonnen Einsparungen an CO2-Emissionen bis zum 2030 möglich sind mit Hilfe digitaler Technologien. Dazu äußerte sich im Debatten-Abend Jens Gröger, Ökoinstitut e.V., kritisch zur Bewertung dieser Kennzahl: „Die Digitalisierung verspricht schon seit langem viele Einsparungen, z.B. auch das papierlose Büro. Hier ist das Gegenteil der Fall, der Papierverbrauch hat sogar zugenommen weil Emails ausgedruckt werden“. Mit diesem und weiteren Beispielen sensibilisiert Jens Gröger, dass Digitalisierung nicht automatisch zu Effizienzsteigerungen führt, wenngleich das Bild auf den ersten Blick zu Optimismus führen mag. Nach Berechnungen des Ökoinstituts emittieren Nutzer des Internets derzeit 750 kg bis eine Tonne CO2 pro Person pro Jahr. „Das müssen wir ins Verhältnis setzen, was wir uns als Gesellschaft wirklich leisten können, wenn wir eine klimagerechte Zukunft gestalten wollen“, so Gröger.

Eine weitere kontrovers diskutierte Frage des Debatten-Abends: Wie optimistisch sind die Expert*innen, wieviel die Digitalisierung zum Klimaschutz beitragen wird? Melanie Stolzenberg-Lindner, Co-Leiterin der Task-Force Künstliche Intelligenz des BMU, zeigt sich überzeugt, dass unterm Strich eine positive Bilanz zu verzeichnen sein wird. Sie blickt auf die Chancen, die sich hier abzeichnen. Allerdings müsse man das relativieren, denn die Bilanz aus Effizienzgewinn und ökologischem Fußabdruck liege noch nicht klar auf der Hand und es bestehe noch umfassender Forschungsaufwand.

Green IT als Beitrag zum Klimaschutz

Jede simple Frage an Siri oder den Google Assistenten kostet Energie, um beispielsweise das Geburtsdatum von Michael Jackson zu bekommen

Jens Gröger, Öko-Institut e.V.

Zur Forderung nach vermehrter Forschung mit der Frage „Was kann KI Gutes tun für den Klimaschutz?“ verweist Stolzenberg-Lindner auf aktuelle Förderprogramme aus dem BMU. Diese zielen auf positive Beiträge zur Energiewende und zum Umweltschutz ab, um noch längst nicht erschlossene Potenziale aufzudecken und nachhaltig zu nutzen.

Zu diesem Themenfeld ergänzt Gröger, dass der ökologische Fußabdruck bislang noch größtenteils unsichtbar sei. Der eigene Stromverbrauch ist zwar transparent, während aber das, was im Rechenzentrum passiert, nicht nachvollziehbar ist. „Jede simple Frage an Siri oder den Google Assistenten kostet Energie, um beispielsweise das Geburtsdatum von Michael Jackson zu bekommen“. Es braucht eine Steuerung in die richtige Richtung, „gibt es die nicht, wird entscheiden, welche Geschäftsmodelle künftig am meisten Geld bringen“, gibt er zu bedenken.

Nele Kammlott, Geschäftsführerin von kaneo und Vorständin des Bundesverbandes Nachhaltige Wirtschaft (BNW) gibt zu bedenken, dass die Entwickler der Rechenzentren schon einen guten Job leisten und diese effizient designt haben. Ebenso haben die Hersteller von Endgeräten einen guten Job gemacht in Fragen der Energieeffizienz der Elektronik. Aber, so ihr Einwurf, die zentrale Datenspeicherung sei nicht unbedingt ein Mittel der Wahl. Weiterer Aspekt: Wie effizient und sinnvoll sind Software-Anwendungen programmiert? Grüne Software müsse nachhaltig codiert sein, was beispielsweise durch den Blauen Engel bescheinigt werden kann. „Schlanke Software ist eine Hausaufgabe, die im Raum steht“, so Kammlott.

Unternehmen als Anwender digitaler Technologien haben große Verantwortung, inwiefern sie mit der Digitalisierung nachhaltig agieren oder das Problem der Emissionen nur verlagern. Allein das Verwenden einer grünen Cloud ist noch kein Beitrag zum Klimaschutz, kommentiert Nele Kammlott im weiteren Diskussionsverlauf in ihrer Funktion als Sprecherin des Bundesverbandes Nachhaltige Wirtschaft (BNW). Dabei geht sie weiter auf die Handlungsmöglichkeiten ein, die sich bislang in der Praxis dargestellt haben, um auf eine Green IT umzusteigen. „Wir dürfen diesen Rebound-Effekt echt nicht unterschätzen“, sagt sie in diesem Zusammenhang mit Nachdruck. Immer mehr Daten werden bei Unternehmen verarbeitet und immer mehr Infrastruktur kommt zum Einsatz. Daher ist die Digitalisierung auch aus ihrer Sicht nicht per se nur optimistisch zu sehen, sondern die Entwicklung kritisch zu betrachten und vor allem aktiv zu steuern.

Dazu gibt der Physiker und Technik-Philosoph Grunwald zu bedenken: „In einer globalen Wettbewerbsgesellschaft werden Produkte erfunden, für die noch gar kein Bedürfnis da war. Und dann wollen alle Leute das haben und damit entstehen neue Datenströme, es wächst die IT, die Serverfarmen. Meine Sorge: Wächst das Ganze schneller als wir mit Green IT und Effizienzsteigerung hinterherkommen?“

Wirtschaft-, Umwelt- und Energiepolitik in Symbiose

Eines der Fazits des Debatten-Abends: Wirtschaft und Umwelt- sowie Energiepolitik müsse gemeinsam und symbiotisch gedacht werden, und: Es ist nicht die Frage, ob wir die Digitalisierung für den Klimaschutz einsetzen, sondern wie wir sie einsetzen. Es gibt viele Ansätze bei der eigenen Verhaltensänderung, insofern: Das Debatten-Thema betrifft alle Bereiche: Bundespolitik, Wirtschaft und die Konsumenten als Privatanwender.

Kontroversen in der Sache

Der Debatten-Abend zeigte zahlreiche Kontroversen in der Sache und hat demnach unterschiedliche Perspektiven eröffnet. Die Aufzeichnung findet sich hier. Auch noch viele Wochen oder einige Monate nach diesen Diskussionen werden die Impulse und Auseinandersetzungen aktuell sein und für Interessierte hörenswerte Denkanstöße darstellen. Daher unsere Empfehlung: nehmen Sie sich eine Stunde Zeit, um die Debatte zur Klimabilanz der Digitalisierung nachzuhören und zu anderen Gelegenheiten aktiv einzubringen.

Livestream - Klimabilanz der Digitalisierung

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