War Watt? Kleckern bei der Verkehrswende?

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist

Nach Studium, politischem Engagement und Berufseinstieg in Aachen zog es Hubertus Grass nach Sachsen. Beruflich war er tätig als Landesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Prokurist der Unternehmensberatung Bridges und Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Seit 2011 ist er als Unternehmensberater freiberuflich tätig.

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17. November 2016

Schon im Vorfeld hatte der Auftritt für Aufmerksamkeit gesorgt. Dass ein Vorstand eines Dax-Unternehmens bei einem Parteitag der Grünen auftritt, ist nicht alltäglich. Dieter Zetsche, CEO des Weltkonzerns Daimler Benz AG, ließ sich bei seinem Auftritt vor den Delegierten in Münster nicht Lumpen. Mit Bekenntnissen zum Klimaschutz im Allgemeinen und zu den Beschlüssen des Weltklimarates im Besonderen suchte er einerseits den Schulterschluss zur Ökopartei, grenzte sich aber deutlich von all denen ab, die in seinen Augen den Automobilstandort Deutschland durch zu hohe Anforderungen gefährden. Am Ende seines Auftritts wurde deutlich: Es geht nicht mehr um einen Richtungsstreit zwischen Ökologen und der Industrie, sondern „nur noch“ um die Frage der Geschwindigkeit. Kleckern oder Klotzen für die Verkehrswende – das ist nicht nur umweltpolitisch die Frage. Längst muss sich die Autoindustrie – nicht nur von den Grünen – die Frage stellen lassen, ob die Geschwindigkeit des Umstiegs bei der Verkehrswende wirtschaftspolitisch den Anforderungen des globalen Marktes entspricht.

China macht Druck bei der Verkehrswende

In China zieht die allmächtige Kommunistische Partei die Daumenschrauben an. Ab 2018 ist eine Quote für Elektroautos geplant. Die Not der Chinesen ist groß. In keinem anderen Land der Welt ersticken Städte dermaßen am Smog. Und weil der Kfz-Markt nach wie vor am schnellsten auf der ganzen Welt wächst, ist Eile geboten. Kleckern bei der Verkehrswende? China kann sich das nicht erlauben. Da mögen die deutschen Hersteller noch so stark über die die dirigistischen Eingriffe des Staates in den Markt stöhnen: Am Ende des Tages werden sie alle schön brav die Vorgaben aus der KP erfüllen. Schon heute ist das ehemalige Entwicklungsland der größte Markt für Elektromobilität. In den ersten acht Monaten des Jahres 2016 sind in der Volksrepublik rund 240.000 E-Autos und Kleinbusse verkauft worden. In Deutschland waren es in der gleichen Zeit gerade einmal 14.000 Stück.

In Europa, das machte Zetsche deutlich, sollen die Uhren gefälligst langsamer laufen. “Der Verbrennungsmotor muss seine Abschaffung selbst finanzieren.“ Diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Er zeugt von großer (zu großer?) Gelassenheit. Offensichtlich glaubt er, den Übergang vom Verbrennungsmotor auf den E-Antrieb risikofrei und unter Beibehaltung bisheriger Renditen organisieren zu können. Bis zum Jahr 2025 will Daimler zehn neue Elektromodelle auf den Markt bringen. Dafür wolle man kräftig investieren. So sei allein für die Batterie-Fabrik eine Investition in Höhe von einer Milliarde Euro geplant. Auch, so der Daimler CEO, fehle es an den Voraussetzungen für einen schnelleren Umstieg auf die Elektromobilität. Noch mangele es an der Infrastruktur ebenso wie an der Menge des zur Verfügung stehenden Ökostroms.

Ist der Bau von Tankstellen Aufgabe des Staates?

So richtig überzeugen, wusste der Daimler-Chef in diesen Punkten nicht. Zum einen hat es Tesla bei der Infrastruktur vorgemacht, dass selbst ein einzelner Konzern auf diesem Gebiet Maßstäbe setzen kann. Sicher: Der Aufbau der Infrastruktur war bislang bei uns immer eine Sache des Staates. Zählt dazu auch der Bau von (Strom-)Tankstellen? Tesla hat sich nicht lange bei solchen Grundsatzfragen aufgehalten. Die Kalifornier sind der Taktgeber. Nicht nur bei den Superchargern, sondern auch bei den Investitionen. Eine Milliarde Euro für eine Batteriefabrik will Zetsche investieren. Im Vergleich zu Teslas Giga-Factory, die fünf Milliarden kosten wird, sind das kleine Fische.

Überhaupt scheinen die Pläne bei Tesla immer eine Nummer größer und die Umsetzung ein Zacken schneller zu sein als bei der Konkurrenz. Für das Modell 3 von Tesla liegen mittlerweile 400.000 Vorbestellungen vor.  Bis 2020 will Tesla eine Million Fahrzeuge davon herstellen. Das ist mehr als alle deutschen Kfz Hersteller bis dahin zusammen an E-Fahrzeugen verkaufen werden. Um den Anstieg in der Produktion bewältigen zu können, hat Tesla in dieser Woche den deutschen Maschinenbauer Grohmann übernommen.  Auch in der Konsequenz, den Autobauer zum integrierten Energieunternehmen zu machen, ist Tesla beispiellos: Durch die Übernahme des Unternehmens Solar City erfolgt die vertikale Integration .

Dieser Woche wurde bekannt, dass die deutschen Autokonzerne VW, BMW und Daimler ein flächendeckendes Netz von Ladeeinrichtungen in Deutschland planen.  Im Gespräch sind sie dazu mit Tank & Rast, einem Betreiber von Autobahnraststätten. Tank & Rast verfügt über 390 Raststätten, an denen nun Schnellladestationen entstehen werden. Das ist noch nicht die Welt, aber für die deutschen Automobilbauer ein wichtiger erster Schritt und ein Zeichen, dass sie nun aufwachen.

Das chinesische Unternehmen BYD startete 2003 mit dem Automobilbau. Heute besitzt es sieben größere Produktionsstandorte in China, eine Produktionsstätte in Lancaster (Kalifornien) und in Europa entstehen derzeit die Fabriken zur Produktion von Elektrobussen.  Die Konkurrenz kommt.

Bei seinem Auftritt bei den Grünen versuchte Dieter Zetsche den Eindruck zu vermitteln, Daimler wäre in jeder Hinsicht der Herr des Verfahrens. Kann Daimler über die Geschwindigkeit der Umstellung auf Elektromobilität noch selbst entscheiden? Das Politbüro der chinesischen KP scheint dazu eine feste Meinung zu haben.

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  1. Windmüller

    vor 2 Jahren

    Ich sehe das alles gar nicht negativ. Ich bin von Natur aus optimistisch. Wenn die Chinesen ihre Vorgaben umsetzen, und Tesla die giga factory fertig hat, dann werden die deutschen Hersteller merken, wie die Luzy abgeht. Dann werden Dinge über Nacht möglich sein.

  2. i_Peter

    vor 2 Jahren

    Gute Gedanken zur Geschwindigkeit bei der Umsetzung der Verkehrswende. Habe den gut lesbaren, interessanten Artikel gerne gelesen. Zetsche hatzwar den "Schalter umgelegt" Richtung eMobilität, bisher hat der Supertanker Daimler seine Richtung aber nur geringfügig geändert (gemessen am Anteil der verkauften eAutos). Kann ein "angestellter" Vorstand ein Unternehmen mit der gleichen Konsequenz auf ein Ziel ausrichten, wie es Elon Musk bei Tesla tut ? Wahrscheinlich sind die Erwartungen der Aktionäre und der traditionellen Käufer nicht so einfach zu überzeugen. Warum einen allzugroßen Schritt ins Ungewisse machen, wenn auch erst einmal kleine Schritte auf Sicht Erfolg versprechen. Gut, dass aus China klare Vorgaben kommen. Nach der westlichen Welt unter Führung der USA übernimmt nun China und gibt die neue Richtung vor. Die Spitze des Tankers ird in Hina die Kurve shaffen, das europäische Heck wird dann auch herumschwenken. Die USA? Ohne den Rest der Welt werden sie nicht weit kommen, das früher oder später einsehen und dann auch wieder einen anderen Präsidenten wählen.

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