War watt? Die Energiewende im Netz

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist

Nach Studium, politischem Engagement und Berufseinstieg in Aachen zog es Hubertus Grass nach Sachsen. Beruflich war er tätig als Landesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Prokurist der Unternehmensberatung Bridges und Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Seit 2011 ist er als Unternehmensberater freiberuflich tätig.

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11. September 2014

Warum tun wir uns das mit der Energiewende überhaupt an? Um die sonst langweilige politische Debatte in Deutschland ein wenig zu befeuern? Oder ist die Energiewende Teil einer globalen Anstrengung namens Klimaschutz?  

Die Unternehmensberatung McKinsey veröffentlicht halbjährlich einen Statusbericht zur Energiewende in Deutschland. Im aktuellen Report stellen die Consultants fest, einige der Indikatoren bei der Energiewende seien dermaßen weit aus dem Ruder gelaufen sind, dass die Zielerreichung nicht mehr möglich ist. Eine 40-prozentige CO2-Reduzierung bis 2020? Das möge sich die Bundesregierung doch besser abschminken. Angeraten wird, eine realistische Vorgabe zu machen. McKinsey sieht in einer zu hoch gelegten Latte kein Problem. Man kann sie auch vergraben.   

Klimaschutz als ein Indikator neben anderen? Über ihre Berechnungen und Charts haben die Unternehmensberater den Blick fürs Wesentliche verloren. Eine Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur um maximal zwei Grad sehen Klimawissenschaftler als Schwelle, bei deren Überschreitung das Klima außer Kontrolle geraten könnte. Um dieses 2-Grad-Ziel zu erreichen, müssen wir den Ausstoß von CO2 und anderer Klimagase drastisch reduzieren, was nicht nur der Bundesregierung, sondern der Weltgemeinschaft nicht gelingt. Die britische Dependance der Unternehmensberatung PWC misst im Low Carbon Economy Index (LCEI) den Trend zur Dekarbonisierung der Wirtschaft. Zurzeit bewegen wir uns auf einem Pfad, der uns einen geschätzten Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur von vier Grad bis zur Jahrhundertwende bescheren wird.  

Die Treibhausgaskonzentrationen erreichen neue Rekordpegel, Meteorologen vermuten eine unumkehrbare Entwicklung, wahrscheinlich sei der Klimawandel nicht mehr zu stoppen. 2013 ist die Konzentration von CO2 auf 396 Teile pro Million (parts per million, ppm) gestiegen. 

Verstärkt wird diese Entwicklung durch Methan, das durch die Erwärmung der Meere nun in großen Mengen frei gesetzt wird. Forscher haben 570 neue Methanquellen vor Blühender Raps (Bild Nr. 17666)der US-Ostküste am nordamerikanischen Kontinentalsockel entdeckt. Der Klimawandel lässt die Meere blubbern. Methan heizt das Klima 20- bis 30-mal stärker auf als CO2. Forscher fürchten den Schneeball-Effekt. Das Treibhausgasbulletin der UN-Organisation für Meteorologie konstatiert zudem eine Versauerung der Ozeane in einem Tempo, das laut geowissenschaftlichen Daten für die letzten 300 Millionen Jahre nicht belegt werden kann. Michel Jarraud, Generalsekretär der WMO, ist nicht so cool drauf wie die Berater von McKinsey: „Wir müssen diesen Trend rasch stoppen und den Ausstoß von Kohlendioxid sowie den anderen Treibhausgasen drastisch reduzieren. Uns läuft die Zeit davon.“

Die Daten sprechen eine eindeutige Sprache. Klimaschutz hat keine Konjunktur und mit der deutschen Vorreiterrolle beim Klimaschutz ist es vorbei: Wir sind mit Abstand der größte Klimasünder in der EU. Die Umweltverbände machen jetzt Druck und wollen, dass sich in Deutschland bei der Entwicklung der Treibhausgase endlich wieder was in die richtige Richtung bewegt. Germanwatch fordert von der Umweltministerin einen konkreten Plan für den Klimaschutz.

Schon in zwei Wochen soll auf einem UN-Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs, zu dem UN-Generalsekretär Ban Ki Moon nach New York eingeladen hat, ein neuer Anlauf für den globalen Klimaschutz gemacht werden. US-Präsident Barack Obama und Frankreichs Präsident François Hollande werden teilnehmen, Bundeskanzlerin Angela Merkel hingegen nicht. Mit den miesen deutschen Zahlen muss Umweltministerin Barbara Hendricks auf internationalem Parkett zu recht kommen.

Im Juni hatte Barack Obama mit einer Klimaschutzinitiative Aufsehen erregt, mit der er Bewegung in die fest gefahrene US-Energiepolitik bringen wollte. Weil parallel aus China Signale kamen, die Staatsführung denke erstmals über eine Begrenzung des CO2-Ausstoß nachkeimte Hoffnung auf, ein neues globales Abkommen zum Klimaschutz sei doch noch zu erreichen. Die Klimaschützer berichten jetzt exklusiv, wie der „Clean Power Plan“ des US-Präsidenten in dieser Woche im Energie- und WKAHandelsausschuss des Kongresses unter die Räder gekommen ist. Wer in der Heimat in der Energie- und Klimapolitik keine Fortschritte erzielt, wird auf internationalen Konferenzen nicht die Marschroute vorgeben können. Ob die Berater von McKinsey in dieser Lage empfehlen würden, das 2-Grad-Ziel zu streichen und sich mit einer Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur um 4-Grad abzufinden?
China als weltgrößter CO2-Emittent steht im Ruf eines „Klimakillers“, obwohl die Pro-Kopf-Emissionen im Reich der Mitte mit weniger als 8 Tonnen pro Jahr (noch) weit unter denen in den USA (ca. 17 Tonnen pro Jahr und Person) und sogar unter denen in der Bundesrepublik (9,9 Tonnen pro Jahr und Person) liegen.

Über den Anstieg der Emissionen in den Milliardenstaaten China und Indien werden die Vertreter der G7-Staaten in New York und im nächsten Jahr in Paris nur dann vernünftig reden können, wenn sie ihre Hausaufgaben in der Energie- und Klimapolitik gemacht haben. Ein Streifzug durch die Energiewende im Netz zeigt: Davon sind sie noch weit entfernt.

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  1. Windmüller

    vor 4 Jahren

    Gewisse Dinge kommen global langsam von ganz allein ins Rollen. EnBW Mitbewerber RWE hat eine Studie über den polnischen Strommarkt bis 2050 veröffentlicht.
    Was man dort nachlesen kann, hätte bei RWE Oberen noch vor 10 Jahren zu einem Blutdruckanstieg und verstärkter Transpiration geführt.
    Oder wie Franz Alt so gern formuliert, man wäre ausgelacht worden.
    Nun werden Dinge Realität, die Freunde erneuerbarer Energien noch vor 5 Jahren kaum ausgesprochen hätten.
    http://www.vorweggehen.de/wp-content/uploads/2014/09/Raport-EN-PDF-280814.pdf

  2. Dominik Pöschel

    vor 4 Jahren

    Man tut sich die Energiewende ja nicht an sondern die Umstände der immer knapper werdenden Ressourcen zwingen auf lange Sicht zum Umdenken. Letztlich war Fukushima der Start in Deutschland. Andere Länder machen sich langsam ebenfalls auf den Weg der Zukunft was die Energieversorgung angeht.
    Die ewige Diskussion über den immer schneller voranschreitenden Klimawandel ist künstlich am Leben gehalten. Klimawandel ist vollkommen normal in der Entwicklungsgeschichte unseres Planeten. Es ist für uns Menschen schwer zu ertragen darauf keinen richtigen Einfluss zu haben. Das einzige was wir bewirken ist ein schnellers voranschreiten des natürlichen Klimawandels. Vulkane haben eine viel größere Klimawirkung im Falle eines Ausbruchs.
    Wir sind aktuell aufgrund der falschen Steuerung der Energiewende sehr Kohlelastig bei der Stromerzeugung. Dies muss geändert werden!!! Die Rahmenbedingungen für die EVU´s sind politisch falsch gesteuert. Die Kraftwerke sollen breit sein Strom zu erzeugen machen aber keinen Gewinn. Das ist nicht im Sinne der Marktwirtschaft!!! Man kann nicht nur auf die Dezentrale Versorgung setzen sondern sollte beachten dass die ökologischen Formen der Stromerzeugung aufeinander abgestimmt sind und das können die EVU´s am besten!!!!
    Global dauert es noch lange mit der Energiewende wahrscheinlich zu lange um Nachhaltige Wirkung in Bezug auf den CO2 Ausstoß zu nehmen und den natürlichen Klimawandel im Tempo abzumildern.
    Der Weg ist richtig warten wir ab wie es weitergeht in Deutschland und Weltweit

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