Der Netzentwicklungsplan Strom

Gastautor Portrait

Kai Decker

EnBW

Nach dem Studium der Wirtschaftswisschenschaften bekleidete Kai Decker unterschiedliche Positionen im Bereich Marketing und Kommunikation eines großen deutschen Medienhauses. Seit 2010 ist er Teil des Teams der EnBW-Unternehmenskommunikation. Bis 2016 war er im Rahmen der Blog-Redaktion für die Etablierung und Weiterentwicklung des Energiewendblogs verantwortlich.

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22. April 2015

Das deutsche Stromnetz muss für die neue Energielandschaft vorbereitet werden. Wie das Übertragungsnetz als Rückgrat einer zuverlässigen und sicheren Energieversorgung aussehen soll, beschreibt der von den vier Übertragungsnetzbetreibern erarbeitete Netzentwicklungsplan Strom.

NetzentwicklungsplanWie muss das deutsche Übertragungsnetz künftig aussehen, um auch weiterhin eine dauerhafte Versorgungssicherheit zu gewährleisten? Eine Frage, die laut  Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) von den vier Übertragungsnetzbetreibern 50hertz, Amprion, TenneT TSO und TransnetBW zu beantworten ist. Seit 2012 stehen die vier jährlich in der Pflicht, einen für das gesamte Bundesgebiet geltenden Netzentwicklungsplan Strom (NEP) zu entwickeln. Dieser Plan definiert sämtliche Maßnahmen, die nach Einschätzung der Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) für einen sicheren und zuverlässigen Betrieb der Infrastruktur in den nächsten zehn Jahren erforderlich sind.

Während die Versorgungssicherheit in Deutschland jahrzehntelang eine Selbstverständlichkeit war, rückt sie im Zuge der Energiewende immer stärker ins Blickfeld. Jüngstes Beispiel hierfür: Die Berichterstattung im Vorfeld der partiellen Sonnenfinsternis am 20. März 2015, in der immer wieder das Szenario eines drohenden Blackouts, also eines überregionalen Stromausfalls, skizziert wurde. Im internationalen Vergleich schneidet die Versorgungssicherheit in Deutschland nach wie vor gut ab. Dennoch bedeutet das Mammutprojekt Energiewende nicht nur fundamentale Veränderungen für die Energieerzeugung, auch die Netzinfrastruktur muss als Rückgrad der Energieversorgung aus Sicht der ÜNB an die veränderte Erzeugungslandschaft angepasst werden. Die bestehenden, über alle Spannungsebenen fast 1,6 Millionen Kilometer langen Stromleitungen reichen für die schwankenden Einspeisungen aus Erneuerbare-Energien-Anlagen und der immer größeren geografischen Verteilung zwischen Stromerzeugung und -verbrauch aus Sicht der Übertragungsnetzbetreiber nicht mehr aus. Deswegen sollen in Deutschland rund 2.300 Kilometer neue Höchstspannungsleitungen in etablierter Wechselstromtechnik die allgemeine Übertragungskapazität erhöhen und gleichzeitig weitere 1.300 Kilometer per Hochspannung-Gleichstromübertragung Energie besonders verlustarm transportieren und zusätzlich das Netz stabilisieren.

Vom Szenariorahmen zum Netzentwicklungsplan

Stromtrasse_11Grundlage eines jeden Netzentwicklungsplans und damit der Berechnungen, ob und wie weit das Netz ausgebaut werden muss, ist ein sogenannter Szenariorahmen, der Varianten in der Entwicklungen der deutschen Energielandschaft abbildet. Bei der Berechnung des Szenariorahmens berücksichtigen die Übertragungsnetzbetreiber unter anderem Annahmen zum künftigen Strombedarf oder zur räumlichen Verteilung der Erzeugungskapazitäten. Der Szenariorahmen umfasst mindestens drei unterschiedliche Szenarien, die für die folgenden zehn Jahre das Spektrum möglicher energiewirtschaftlicher Entwicklungen abbilden. Eines dieser Szenarien prognostiziert zusätzlich die möglichen Entwicklungen der nächsten 20 Jahre. Für den Netzentwicklungsplan des Jahres 2013 wurden demnach zwei Szenarien bis zum Jahr 2023 und ein Szenario bis zum Jahr 2033 erarbeitet.

In diesem Stadium der Planung kann die Öffentlichkeit, ganz gleich ob Bürger, Umweltverband oder Unternehmen, erstmals an dem Entstehungsprozess mitwirken und mitdiskutieren (Konsultation). Die Ergebnisse der Konsultation berücksichtigt die Bundesnetzagentur, bevor sie den jeweiligen Szenariorahmen genehmigt. In mehreren Arbeitsschritten entwickeln die Übertragungsnetzbetreiber dann den ersten Entwurf des Netzentwicklungsplans. Die darin enthaltenen Überlegungen münden in konkreten Lösungsvorschlägen für den Ausbau der Netzinfrastruktur in Deutschland. Dabei gilt das sogenannte NOVA-Prinzip (Netz-Optimierung vor Verstärkung vor Ausbau). Sind Netzverstärkungen oder -ausbau unumgänglich, so wird im Netzentwicklungsplan angegeben, wo die Anfangs- und Endpunkte der neuen Leitungen liegen sollten. Dieser Entwurf des Netzentwicklungsplans wird der Bundesnetzagentur übergeben, gleichzeitig erneut zur öffentlichen Diskussion gestellt und auf Basis der abgegebenen Stellungnahmen ein zweiter Entwurf an die Bundesnetzagentur übermittelt. Die Bundesnetzagentur führt eine Umweltprüfung für die im Netzentwicklungsplan vorgeschlagenen Maßnahmen durch, fasst diese in einem Umweltbericht zusammen und bezieht die Öffentlichkeit in einer dritten Runde nochmals in die Entwicklung mit ein. Am Ende des Prozesses entsteht der Bundesbedarfsplan mit den Stromnetz-Ausbaumaßnahmen, definierten Anfangs- und Endpunkten aber ohne konkrete Trassenverläufe. Diese werden erst in einem späteren Genehmigungsverfahren von dem jeweils zuständigen Übertragungsnetzbetreiber erarbeitet. Der Bundesbedarfsplan wird vom Bundestag in Form eines Bundesbedarfsplangesetzes beschlossen.

Quelle: www.netzentwicklungsplan.de

Besonderheit Offshore-Netzentwicklungsplan

Während der Netzentwicklungsplan alle Maßnahmen für einen Netzausbau an Land enthält, wird für den Anschluss der Windparks auf See seit 2013 ein eigener Plan, der sogenannte Offshore-Netzentwicklungsplan (O-NEP) erstellt. Der Offshore-Netzentwicklungsplan beschreibt insbesondere, in welcher zeitlichen Abfolge die Leitungen zwischen den Offshore-Windparks und dem Stromnetz an Land errichtet werden Berücksichtigt werden Kriterien wie die räumliche Nähe zur Küste, der Inbetriebnahme-Zeitpunkt des Netzanknüpfungspunkts an Land oder die Lage des Offshore-Windparks.
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Zu diesem Thema erschienen bereits die Beiträge:
Prof. Dr. Lorenz Jarass: Kohlebedingter Netzausbau behindert Energiewende
Dr. Alain Kaptue Kamga: HGÜ-Ausbau: Neue Energielandschaft erfordert auch neue Netze

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