War watt? Die Energiewende im Netz

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist

Nach Studium, politischem Engagement und Berufseinstieg in Aachen zog es Hubertus Grass nach Sachsen. Beruflich war er tätig als Landesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Prokurist der Unternehmensberatung Bridges und Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Seit 2011 ist er als Unternehmensberater freiberuflich tätig.

weiterlesen
07. August 2014

Gegner der Energiewende versuchen das Projekt gerne als nationalen Alleingang zu diskreditieren, der von einigen verrückten Ökologen initiiert und aus rein populistischen Gründen von der Bundeskanzlerin und den damaligen Regierungsparteien nach Fukushima übernommen wurde. Denen, die so argumentieren, gehen die Fakten aus, denn die Energiewende startet mit national unterschiedlichen Akzentsetzungen global durch.

Zum einen ist die Atomkraft auf dem absteigenden Ast. Der so eben erschienene World Nuclear Industry Status Report  wartet mit beeindruckenden Zahlen auf: Seit 2002 ist die Zahl der Atomreaktoren auf der Welt um 50 auf 388 gesunken, an der Weltstromproduktion haben AKWs nur noch einen Anteil von 10,8 statt 17,6 Prozent und bei den Investitionen in neue Kraftwerke fließen – bei steigendem Energiehunger – gerade noch drei Prozent in Atomkraftwerke aber 57 Prozent in erneuerbare Energien.

Mit geradezu irren, weil hohen und über 35 Jahre laufenden Subventionen setzt Großbritannien zwar weiter auf Atomkraft, macht aber aktuell auch durch einen Solarboom von sich reden. Die Briten, nicht gerade sonnenverwöhnt, werden Deutschland beim Zubau bei der Photovoltaik in diesem Jahr wohl schlagen. Bei Offshore-Windkraftanlagen zeigt uns das Königreich ohnehin schon länger, wie der Hase läuft. Sie haben bald die zehnfache Leistung der deutschen am Netz.

Frankreich will den Anteil des atomaren Stroms um  25 Prozent reduzieren – so viel hatte Deutschland einst. In Frankreich blieben dann noch 50 Prozent übrig. Da Deutschland diesen Anteil annähernd durch Kohlekraft deckt, können unsere Nachbarn auf eine wesentlich bessere CO2-Bilanz verweisen. 2015 wird der Weltklimagipfel in Paris stattfinden, dafür läuft sich die sozialistische Regierung derzeit auch energiepolitisch warm.

Die Ukraine-Krise führt der EU derzeit ihre energiepolitische Verwundbarkeit vor Augen. Gerade jetzt macht es Sinn, so Matthias Ruchser bei Solarify, die Energiewende europäisch zu denken.

Schwerpunkt bei uns im Blog ist die Elektromobilität. Wer auf dieser Welle durchs Netz surft, wird im Minutentakt Innovationen kennen lernen. Hat jemand gedacht, der Tesla wäre das Auto mit der größten Ausdauer und Geschwindigkeit? In einem Wettbewerb haben die Kalifornier jüngst gegen VW und BMW gewonnen, doch das war gestern.

Vielleicht liegt die automobile Zukunft in Liechtenstein. Dort ansässig ist die Firma Nanocell, die unter anderem in Kooperation mit Bosch den Quant, einen Tesla-Rivalen, entwickelt hat. Der Quant hat die Straßenzulassung und bewegt sich, zurzeit wohl im Raum Stuttgart, dank Flusszellenantrieb.  Bewegt sich? Eine Untertreibung. Laut Welt soll das Ding 350 km/h schnell sein und über Saft für 600 Kilometer ohne Tankstopp verfügen. Schlecht sieht er auch nicht aus.

Vielleicht kommt das Auto der Zukunft aber aus Australien. Das Elektroniknet berichtet, dass Studenten aus Sydney jetzt einen Reichweitenrekord von 500 Kilometern für eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 100 km/h aufgestellt haben. Obwohl es sich um einen Prototyp handelt, sieht das Solarmobil „eVe“ des australischen Sunswift-Teams aus wie ein richtiges Auto. Straßenzulassung nicht ausgeschlossen.

Wir leben in spannenden Zeiten. Lange hat sich bei den Antrieben des Motorisierten Individualverkehrs (MIV) wenig getan, Benzin und Diesel waren seit 100 Jahren das Maß der Dinge. Jetzt ist alles wieder offen. Durch Power-to-Gas  könnte der Gasantrieb eine Alternative sein zu den Akkus auf Lithium-Ionen-Basis, für die Tesla und Panasonic jetzt eine Gigafabrik bauen. Wasserstoff als Antrieb  ist vorne mit im Rennen, Hybridantriebe sowieso. Vom Konzept des Flusszellenantriebs hatte ich vorher noch nichts gehört. Er soll eine fünffache Energiedichte im Vergleich zu aktuellen Elektro-Batterie-Autos haben.

Was meinen Sie, welche Technologie sich durchsetzen wird? Welche Innovation muss zwingend für die Massentauglichkeit kommen? Wird Liechtenstein für Europa, was Detroit als Autostadt einmal für die USA war? Oder laufen wir alle wie die Lemminge in die falsche Richtung, weil die Zeiten des Individualverkehrs mit seinem Ressourcenhunger und dem rücksichtslosen Flächenbedarf zu Ende gehen (müssen?) und wir alle bald froh sein dürfen, in einem Oberleitungsbus durch die Gegend zu schaukeln?

Diskutieren Sie mit

  1. Windmüller

    vor 4 Jahren

    Was im Bericht geschrieben steht, entspricht ja nun mal der Realität. Skuril ist und bleibt für mich, die deutsche Ideologie. Nur noch drei Prozent der Investitionen fließen in Kernkraft, aber 57% in regenerative Energien. Trotzdem werden gwisse Kreise in unserem Land nicht müde, weiter das Mantra vom "billigen" Atomstrom zu beten, und dass Ökostrom unser Land deindustrialisiert.
    Aber so what !
    Ich halte es wie Franz Alt, den ich schon mehrfach live erlebt habe. Er sagt in jederm Vortrag, dass man gewisse Kreise so lange reden lassen muss, bis sie von allein Ruhe geben.
    Yep

Ich akzeptiere die Kommentarrichtlinien sowie die Datenschutzbestimmungen* *Pflichtfelder

Artikel bewerten und teilen

War watt? Die Energiewende im Netz
3
2