War watt? Der lange Weg der Erneuerbaren

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist

Nach Studium, politischem Engagement und Berufseinstieg in Aachen zog es Hubertus Grass nach Sachsen. Beruflich war er tätig als Landesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Prokurist der Unternehmensberatung Bridges und Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Seit 2011 ist er als Unternehmensberater freiberuflich tätig.

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06. November 2014

Wenn die Sonne mal richtig scheint, ist der Jubel groß. Früher freuten sich allein die Kinder aufs Freibad, heute stimmt die Szene der Erneuerbaren mit ein, denn heiße Tage lassen den Anteil des Solarstroms im Netz steigen. Weil der Anteil der Erneuerbaren stetig, wenn auch derzeit langsam steigt, gibt es immer neue Rekorde zu feiern. Im Oktober aber blieb es im Netz relativ still. Die Auswertungsgrafik der Agora-Energiewende über Stromverbrauch und -erzeuger zeigt den Grund des Schweigens.

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Bei einer installierten Leistung von mehr als 72 GW Erzeugungskapazität haben Wind- und Sonnenkraftwerke im Oktober nur in etwa 10% zum Erzeugungsmix beitragen können. Folglich fehlen die Tweets und Posts, die die frohe Botschaft des baldigen Sieges der Erneuerbaren über die Konventionellen verkünden. Im Angesicht der Zahlen, die im goldenen Monat von einer fast vollständigen Abhängigkeit unserer Stromversorgung von der konventionellen Erzeugung künden, schweigt die Netzgemeinde. Eine fatale Strategie. Ein Schuh wird daraus, wenn man es richtig dreht: Die Stromstatistik des Oktober 2014 zeigt, wie wenig wir erreicht haben und wie viel noch zu tun ist.  

Wer 100% Erneuerbare Energie haben will, braucht einen Kapazitätsüberhang in der Erzeugung von einigen hundert Prozent sowie zusätzliche Speicher in Form von Batterien und Gas – mit diesen Eckdaten rechnet jedenfalls die viel beachtete Studie Kombikraftwerk 2, die im Sommer erschien. Im Focus der Studie stand die Frage, ob eine Versorgung mit 100% Erneuerbaren die Netzstabilität gewährleisten kann. Der Phasenprüfung Jakob Schlandt fragt in seinem Beitrag, ob ein solches Szenario realistisch sei, wenn die Kosten (wegen der hohen Kapazitätsreserve und den wenigen Betriebsstunden) „durch die Decke gehen„? Drastischer drückt es Craig Morris vom Renewables International in seinem Kommentar aus: „Technische Machbarkeit belegt, Unbezahlbarkeit auch!“ 

Nicht 100% Erneuerbare Energien, sondern analog zur Bundesregierung „nur“ eine Reduktion der Treibhausgasemissionen von mindestens 80% bis zum Jahr 2050 nimmt sich die Studie „Energiesystem Deutschland 2050“ des Fraunhofer ISE zum Ziel. Neu an der Untersuchung aus dem letzten Jahr ist, dass die Fraunhofer ihre bisherigen Berechnungen weiter entwickelt haben und erstmals über die Sektoren Strom, Wärme und Verkehr hinweg modellieren.

Auch im Szenario der Fraunhofer sind die benötigten Kapazitäten nicht von schlechten Eltern:

  • 147 GW PV (Faktor 4 gegenüber heute)
  • 188 GW Wind On- und Offshore (> Faktor 5)
  • 75 GWel KWK
  • 24 GWh Batteriespeicher und
  • 600 GWh Wärmespeicher

Obwohl diese Studie von einer Reduktion des Stromverbrauchs bis 2050 um 25% ausgeht, wird angenommen, dass auch in 40 Jahren dann noch betriebsfähige Stein- und Braunkohlekraftwerke das Energiesystem stützen müssen (Seite 14, mit 7,3 bzw. 2,8 GW).

Durch das pragmatische Herangehen (80%ige CO2-Reduktion statt 100% Erneuerbare, Vorzug der Wärme- vor der Stromspeicherung) und die sektorenübergreifende Betrachtung kommt das Modell zu einer Kostenreduktion im Vergleich zu allen anderen – leider meist sehr utopischen – Entwürfen.  

Der wind- und solarschwache Oktober führt uns einmal mehr vor Augen, wie weit der Weg in eine erneuerbare Zukunft noch ist. Studien, die eine regenerative Zukunft beschreiben, gibt es viele. Realitätstauglich sind nur wenige. Der Strom macht nur 20% unseres Energieverbrauchs aus – es ist an der Zeit, den Blick auf den gesamten Energiemarkt zu weiten und nicht nur in Kilowattstunden, sondern auch in Euro zu rechnen.

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