Umfrage: Schaffen wir 2018 den Übergang von der Strom- zur Energiewende?

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Redaktion

Stiftung Energie & Klimaschutz
08. Januar 2018

Und wieder ein neuer Rekord: 36,1 Prozent betrug der Anteil der Erneuerbaren am Stromverbrauch in Deutschland im Jahr 2017. Leider ist das kein Grund zum Feiern. Die erneuerbaren Energien sind kein Selbstzweck. Sie sind das Mittel, um unsere Treibhausgasemissionen zu senken. Das ist in 2017 wieder nicht gelungen. Wie schon in den Vorjahren stagnierten die CO2-Emissionen. Die Erreichung des Klimaschutzziels für 2020, eine Minderung der CO2-Emissionen um 40 Prozent, erscheint ausgeschlossen. Es sei denn, wir schaffen den Übergang von der Strom- zur Energiewende.

Braunkohleverbrauch bleibt konstant hoch

Die Gründe, warum wir beim Klimaschutz auf der Stelle treten, liegen auf der Hand:

Der erhöhte Einsatz der Erneuerbaren bei der Stromerzeugung hat nur einen minimalen Effekt bei der CO2-Reduktion, weil das System nicht flexibel genug reagiert. Mehr erneuerbaren Strom im Netz, das bedeutet noch viel zu häufig, dass Überkapazitäten auf dem Markt entstehen. Die werden dann für sehr wenig Geld und zunehmend auch zu Negativpreisen auf dem europäischen Markt verramscht. 2017 brachte deshalb auch einen Rekord bei den Negativpreisstunden: An 146 Stunden des Jahres erhielten die Abnehmer eine Prämie für die Abnahme von Strom. Die übertraf den Durchschnittspreis an der Börse für den Strombezug teilweise um das Dreifache. Ein neuer Rekord ist auch beim Stromexport zu vermelden. Er stieg von 56,1 Terrawattstunden im Jahr 2016 auf 60,2 Terrawatt in 2017. Bei der Energieeffizienz kommen wir nicht entscheidend voran. Sie kann das Wirtschaftswachstum und vor allem die erhöhte Verkehrsleistung nur unzureichend kompensieren. Auf dem Strommarkt fehlen marktfähige Flexibilitätsoptionen. Noch immer ist es billiger, vor allem Braunkohlekraftwerke durchlaufen zu lassen, anstatt mit modernen Kraftwerken auf die Volatilität der Erneuerbaren angepasst zu reagieren. Der Anteil von Braunkohle am Primärenergie-Verbrauch blieb in 2017 mit 11,2 Prozent nahezu konstant. Öl (34,6 Prozent) und Gas (23,7 Prozent) wuchsen ebenso wie die Erneuerbaren (von 12,5 auf 13,1 Prozent) leicht. Eine Kopplung der Sektoren im Energiemarkt findet so gut wie nicht statt. Wir schaffen es nicht, entstehende Überkapazitäten auf dem Strommarkt sinnvoll und flexibel zu verwerten. Die Sektoren Wärme und Verkehr existieren unverbunden parallel zum Strommarkt. Ein Austausch findet nur in Nischen statt.

Die Energiewende ist auch in 2017 eine Stromwende geblieben. Solange wir den Übergang von der Strom- zur Energiewende nicht schaffen, verschenken wir viel Geld, belasten die Energieverbraucher und kommen beim Klimaschutz nicht voran.

Übergang von der Strom- zur Energiewende
Durch einen Klick aufs Bild gelangen Sie zur Jahresauswertung von Agora.

Marktdesign und Anreize für den Übergang fehlen

Eine Reihe von Kommentatoren sieht allein beim Zuwachs der erneuerbaren Energien die Ursache für alle Probleme. Sie seien dafür verantwortlich, dass die Strompreise für den Endverbraucher weiter steigen. Dass die Zahl der Netzeingriffe zunehme und die Kosten dafür in die Höhe gingen. Auch die Entstehung negativer Strompreise sei eindeutig auf den Anstieg der Erneuerbaren zurück zu führen.

Das ist noch nicht einmal die halbe Wahrheit. Zum einen wird die Stromerzeugung aus den Erneuerbaren immer preiswerter. In 2017 gab es für eine Kilowattstunde Solarstrom aus neuen Anlagen weniger als 5 Cent (wir sind mit über 50 Cent im Jahr 2000 gestartet!). Bei Onshore-Wind lagen wir in 2017 unter 4 Cent und bei Offshore-Windkraft unter 2 Cent. Zum andern war von Anfang an klar, dass der Klimaschutz – darum brauchen wir die Erneuerbaren – im Anreizsystem von gestern auf verlorenem Posten steht. Eine Energiewende, die sich nur darauf konzentriert, den Anteil der erneuerbaren Energien im Netz zu erhöhen und ansonsten alles beim Alten lässt, bringt uns nicht weiter.

Spätestens bei der Sonnenfinsternis 2015 haben die Netzbetreiber gezeigt, dass sie auf die Herausforderung einer volatilen Stromerzeugung angemessen zu reagieren wissen. Netzstabilität ist kein Problem. Selbst eine Verdopplung der erneuerbaren Erzeugung ließe sich unter der Maßgabe der Versorgungssicherheit problemfrei managen. Was fehlt ist der politische Wille und die Kraft, das Marktdesign den Erfordernissen der Zukunft anzupassen.

Schaffen wir 2018 den Übergang von der Strom- zur Energiewende?

Wir beginnen das Jahr 2018 mit dieser Umfrage. Und hoffen, dass das Thema auch im politischen Berlin eine angemessene Beachtung und vor allem Niederschlag in einer Koalitionsvereinbarung findet. Das Thema wird ein Schwerpunkt des Jahresanfangs. Wir würden uns freuen, wenn sich neben den Gastautoren auch unsere Leserinnen und Leser an dieser Debatte besteiligen. Mit der Stilllegung von alten Kohlekraftwerken allein ist es nicht getan. Das bringt kurzfristig Erfolge beim Klimaschutz, schafft aber nicht den Rahmen für die Modernisierung und die dafür notwendigen Investitionen. Über unsere Umfrage hinaus gilt daher unser Interesse den Fragen, welcher Mechanismen und Anreize es braucht, um…

den Klimaschutz jetzt schneller voranzutreiben und langfristig Kurs auf die vollständige Dekarbonisierung zu nehmen? die Kosten dabei im Rahmen zu halten und die Belastungen sozial gerecht zu verteilen? die Sektoren zu vernetzen und uns beim Klimaschutz wieder in die Pole-Position zu bringen?

Machen Sie mit – bei der Abstimmung und der Debatte. Wir können die Politik bei einer so zentralen Frage nicht allein lassen…

Über den Anteil, den die Erneuerbaren 2017 auf dem Strommarkt in Deutschland hatten, sind verschiedene Zahlen im Umlauf:

36,1 Prozent sind ihr Anteil am Stromverbrauch in Deutschland (darauf bezieht sich die Publikation von Agora Energiewende).

38 Prozent nennt das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme, ISE, und meint damit den Anteil der Erneuerbaren an der Nettostromerzeugung.  

33,1 Prozent finden sich als Wert bei der AG Energiebilanzen für den Anteil der Erneuerbaren. Dieser Wert bezieht sich auf die Bruttostromerzeugung.

Reden wir nicht nur über den Strom-, sondern über den gesamten Energiemarkt sehen die Verhältnisse komplett anders aus. 13,1 Prozent – das ist der Anteil der Erneuerbaren im letzten Jahr am Primärenergieverbrauch. In der genannten Auswertung von Agora auf Seite 21 gibt es den Überblick dazu.

Wenn der Erfolg der Erneuerbaren sich nicht auch in einem (möglichst schnell) wachsenden Anteil beim Primärenergieverbrauch niederschlägt, haben wir wenig gekonnt!

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