Offshore-Windkraft: Wie Sektordenken die Energiewende belastet

Gastautor Portrait

Dr. Kim Cornelius Detloff

Meeresbiologe und Leiter Meeresschutz beim NABU, Naturschutzbund Deutschland e.V.

Der Autor ist promovierter Meeresbiologe und Leiter Meeresschutz beim NABU, dem Naturschutzbund Deutschland e.V. Nach dem Studium an der Universität Hamburg, Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Privatdozent am Institut für Marine Biologie in Italien. Von 2006 bis 2008 beim Internationalen Tierschutz-Fonds (IFAW) beschäftigt. Nach einem Jahr als politisch-wissenschaftlicher Berater bei der Bonner Konvention (CMS) arbeitet er heute in der Bundesgeschäftsstelle des NABU in Berlin.

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05. Juni 2019

Klimaschutz und Biodiversitätsschutz sind zwei Seiten einer Medaille. Und die Herausforderung besteht darin, beides zusammenzuführen.

Dr. Kim Cornelius Detloff, NABU

Mitte April feierten Politik und Branche ein Jahrzehnt Offshore-Windkraft in Deutschland. Heute drehen sich mehr als 1300 Rotoren mit 6,5 Gigawatt Gesamtleistung – eine Größenordnung, die sechs bis sieben Atomkraftwerke ersetzt. Eine Erfolgsgeschichte: Trotz hoher Kosten und technischer Widrigkeiten hat sich die Offshore-Windkraft ihren Platz in der Energiewende erkämpft. Und doch liegt ein Schatten über der Branche, zeigen aktuelle Studien den ökologischen Preis, den z.B. streng geschützte Seevögel für die grüne Energie vom Meer zahlen müssen. Und so kommt es zum Streit um einzelne Projekte am falschen Standort und die Ausbauziele der Offshore-Windkraft in den nächsten Jahren. Schuld daran sind sektorales Denken, fehlende politische Verantwortung und der Mangel an Dialog und lösungsorientiertem Handeln.

Es passiert, was nicht passieren sollte. Naturschutzverbände, die früh den Ausbau erneuerbarer Energien gefordert hatten, finden sich als Kritiker der Windkraft wieder. Klimaschutz und Naturschutz werden in gesellschaftspolitischen Diskussionen gegeneinander ausgespielt und der Schutz von Arten und Lebensräumen wird in so mancher Debatte voreilig zum Sargnagel der Energiewende. Falsch, wie uns zuletzt der Bericht des Weltbiodiversitätsrates (IPBES) deutlich machte: Klimaschutz und Biodiversitätsschutz sind zwei Seiten einer Medaille. Und die Herausforderung besteht darin, beides zusammenzuführen.

Frühe Planungsfehler

Die Offshore-Windkraft in Deutschland hatte es nicht leicht. Früh wurde entschieden, dass das Wattenmeer tabu ist und so suchte das verantwortliche Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) nach Flächen weit draußen in der Nordsee. Wassertiefen und Entfernungen zur Küste wurden größer und so die technischen Herausforderungen. Trotzdem setzte, getrieben von lohnenden Einspeisevergütungen, ein Wettrennen um die Flächen ein. Immer mehr Parks wurden genehmigt und beantragt und leider auch an kritischen Standorten, inmitten oder in direkter Nähe zu den Meeresschutzgebieten nach Fauna-Flora-Habitat- Richtlinie (FFH-RL) und EU-Vogelschutzrichtlinie (VS-RL). Mit der Neuordnung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) 2017 stoppte dieser Goldrausch, wurden ein zentrales Modell des Planungs- und Ausschreibungsprozesses sowie ein Ausbaudeckel von 15 Gigawatt Offshore-Windstrom bis 2030 eingeführt. Spät, aber im Sinne des Meeresnaturschutzes war eine Zentralisierung hier notwendig. Denn zwischenzeitlich hatte sich gezeigt, dass die negativen Auswirkungen von Unterwasserschall auf Schweinswale, Lebensraumverluste für Rastvögel und kumulative Barrierewirkungen frühere Prognosen übertrafen.

Verlierer der Energiewende: Stern- und Prachttaucher?

Seetaucherverbreitung nach dem Windparkbau im Frühjahr 2016. Der Verbreitungsschwerpunkt der Seetaucher hat sich durch die Verdrängungseffekte der Offshore-Windparks nach Südwesten aus dem EU-Vogelschutzgebiet heraus verlagert.

Karte nach: HELBIRD; Garthe et al. (2015)

Während technischer Schallschutz und das Duale Lärmschutzkriterium heute Schweinswale vor Unterwasserschall während der Rammarbeiten schützen können, so lernen wir erst jetzt, wie dramatisch die Lebensraumverluste für Seevögel in der Nordsee sind. Für sie wurde 2005 das Vogelschutzgebiet ‚Östliche Deutsche Bucht‘ ausgewiesen. Hier kommen im Frühjahr seltene Stern- und Prachttaucher zur Rast, um sich im fischreichen ‚Jütlandstrom‘ vor Sylt Nahrungsreserven für die Reisen in die Brutgebiete anzufressen. Diese Zeiten scheinen nun vorbei. Studien zeigen, dass sich langjährige Verbreitungsschwerpunkte durch die Windparks verlagern. Die Vögel konzentrieren sich im weitestmöglichen Abstand und werden aus dem für sie ausgewiesenen Schutzgebiet verdrängt. Der Meideabstand beträgt mehr als 16 Kilometer, etwa zwei Drittel des Schutzgebiets sind beeinträchtigt und die Bestandszahlen rückläufig. Ein eindeutiger Verstoß gegen geltendes Naturschutzrecht, den der NABU im Rahmen eines Klageverfahrens gegen den Windpark ‚Butendiek‘ und einer begleitenden EU-Beschwerde aufarbeitet.

Sektorale Potenziale

Losgelöst von den naturschutzfachlichen Erkenntnissen mehren sich die Stimmen, dass Deutschland den Ausbau der Offshore-Windkraft forcieren muss. Der 2017 veröffentlichte Cuxhavener Appell, unterzeichnet von Windenergieverbänden und den Wirtschaftsministern der Küstenländer, fordert eine Verdopplung der Ausbauziele auf 30 Gigawatt Leistung bis zum Jahr 2035. Überraschend ist, dass sich die Forderung vorrangig auf die Auslastung der deutschen Wind- und Werftindustrie stützt, den Technologiestandort Deutschland und mögliche Exportchancen hervorhebt. Der Klimaschutz ist allenfalls ein Hilfsargument und der Naturschutz: Fehlanzeige. Ähnlich lesen sich andere veröffentlichten Potenzialstudien. Sie legen den Beitrag, den die Offshore-Windkraft für die Energiewende leisten soll, auf über 50 Gigawatt Leistung fest. Nun stellt sich aber die Frage, wo die Tausenden zusätzlichen Windkraftanlagen in der ohnehin intensiv genutzten und stark belasteten Nord- und Ostsee stehen sollen? Zumindest dann, wenn irgendwo auch Platz für streng geschützte Arten bleiben soll, wozu uns das europäische Naturschutzrecht verpflichtet. Und so zeigt sich, wie sektorales Denken und knallharte Wirtschaftspolitik einen Schatten auf das Gelingen der naturverträglichen Energiewende wirft.

Zusammendenken was zusammen gehört

Prachttaucher: eine der betroffenen Arten durch Lebensraumverluste in der Nordsee.

Foto: NABU - Stefan Pfützke (www.green-lens.de)

Bitte nicht falsch verstehen. Die Energiewende ist alternativlos und die Offshore-Windkraft muss ihren Beitrag leisten. Aber wie viel, das sollte die ökologische Tragfähigkeit der Nord- und Ostsee vorgeben, im Zusammenspiel des erneuerbaren Energienmixes mit den Anstrengungen von Suffizienz und Effizienz im Sinne des Klimaschutzes. Aber nicht, die Auftragslage von Werften und Renditeaussichten im Export. Das hätte dann nichts mit grüner Energie zu tun, die wir als Naturschützer aber auch als Kunden von regenerativ erzeugtem Strom erwarten.

Es wäre naiv zu denken, dass Tausende Windräder im Meer keinen Effekt haben. Die Natur wird einen Preis zahlen. Aber wie hoch dieser ist und wer in die Gesamtrechnung einzahlen muss, das zu entscheiden, darum drückt sich die Politik seit Jahren. Denn die Windkraft steht nicht nur mit dem Naturschutz im Wettstreit, sondern auch mit der Fischerei, der Schifffahrt, dem Rohstoffabbau, dem Pipelinebau, etc. Wenn die Energiewende Vorfahrt hat, dann müssen andere Nutzungen der Meere zurücktreten, gelenkt und reguliert werden. Doch vor Fischern oder Reedern scheint die Politik mehr Zurückhaltung zu üben als vor Seetauchern und Naturschutzverbänden.

Die Offshore-Windkraft hat eine rasante Entwicklung durchlebt. Das heutige Rahmenwerk ist gut, das Standarduntersuchungskonzept (StUK4) für die Windparkgebiete ausgereift, der Schallschutz Stand der Technik und die Steuerung über den Flächenentwicklungsplan (FEP) sinnvoll. Jetzt brauchen wir den nächsten Schritt, eine unabhängige Analyse, welche die Ausbaupotenziale der Offshore-Windkraft mit dem Wissen um den Zustand von Nord- und Ostsee, die kumulativen Nutzungsansprüchen und die ökologischen Auswirkungen verschneidet. Eine schwierige, doch drängende Aufgabe. Denn nur auf dieser Basis können wir entscheiden an welchem Standort und in welcher Zahl Windräder entstehen sollen. Tun wir das nicht – sorgfältig und ergebnisoffen – dann wäre die naturverträgliche Energiewende schon heute gescheitert.

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  1. Andreas Menz

    vor 3 Monaten

    Tut mir leid, aber sie IST bereits gescheitert, das zeigt sich doch bundesweit. Wo Natur im Weg ist, wie Milan- oder Schwarzstorchhorste, werden die Nestbäume/ Horste entweder direkt zerstört/ entfernt, oder wie in dem einen Fall (Örtlichkeit ist mir gerade entfallen) der Horstbaum des Schwarzstorches zwar stehen gelassen, aber auf 200 m ringsum alles gefällt, was den selben Effekt nach sich zieht, den Nistplatz vorsätzlich zu zerstören.
    Und weil da ja nun kein bedrohter Vogel mehr nistet, ist freie Bahn für die Windkraftanlagen.

    Ich selber habe das Aussterben einer lokalen Brutpopulation Schwarzstörche beobachten können. Ich zog Ende März 2011 aus Berlin hierher, Nähe Altenkirchen, Kreis Altenkirchen, RLP. Bereits im Frühjahr 2011 sah ich den ersten Schwarzstorch meines Lebens, durchziehend Richtung Hachenburg/ Westerwald. Ebenso in den Frühjahren 2012 und 2013.
    Danach nichts mehr.
    Und ganz, wirklich nur ganz zufällig wurde zur selben Zeit in einer ausgedehnten und alten Waldung hinter Hachenburg, zwischen der Stadt und der sog. Westerwälder Seenplatte (uralte gräfliche Fischteiche aus deraufgestauten Wied, die allherbstlich abgelassen werden und inzwischen ein bedeutendes Naturrefugium sind/ waren), wo unter anderem Rauchseeschwalben, Baumfalken als Brutvögel vorkommen, die aber auch zur Zeit des Ablassens im Herbst ein wichtiger Rastplatz für viele Limikolen sind, auch Seidenreiher finden sich im Herbst in teils größerer Zahl ein, ein umfangreicher Windpark mit sicher 30 Türmen erbaut. Einer um den anderen sprossen die Masten aus dem ausgedehnten Waldesgrün, übrigens auch mitten in der hiesigen Kranich- Zugstraße stehend, und die Schwarzstörche (bis zu drei in einem Frühjahr) blieben aus...

    Und ebenso mit Verlaub sch...ßegal ist den Verantwortlichen die Natur überall, wo Profitinteressen bestehen. Und darum ist die Energiewende für mich schon lange gescheitert, und zwar krachend!
    Erschüttert las ich zB, dass die Seetaucher die Windparks auf 16 km, Kilometer!!!, meiden. Und ich war bereits vorher erschüttert, dass nach den Erhebungen und Forschungen Helmut Kruckenbergs Wildgänse bereits einzelne Windräder auf 500 m meiden. Und welch Flächenverlust den Gänsen dann erst durch die weitläufig angelegten WindPARKS entsteht...

    Nein, die Energiewende ist ein Reinfall allererster Sahne, und solange die aktuelle extrem- kapitalistische Wirtschaftsordnung herrscht, wird sich daran auch nicht das allergeringste ändern. Wie ja schon die Pläne all der Verbände besagen, die die Ausbeute auf 50 Gigawatt steigern wollen, obwohl die Natur bereits jetzt, bei nur einem Siebtel dieser angepeilten Leistung, rettungslos verloren ist...

  2. P. Kahn

    vor 3 Monaten

    ...leider wahr, wir kämpfen in Mecklenburg gegen das gleiche Vorgehen, die Firmen sind z.T. auch sehr dubios.

  3. Dr. Andreas Kiefer

    vor 3 Monaten

    Sehr schln geschrieben,aber leider noch nicht ganz vollständig. Neuste Untersuchungen zeigen, dass es auch einen sehr starken Fledermauszug über die offene See gibt. Das hat man bislang immer bestritten,genau wie man vor einigen Jahren nicht wahrhaben wollte, dass Fledermäuse öfters, ja regelmäßig in 200m Höhe fliegen. Da kommt noch mehr auf uns zu, als allen lieb ist.

  4. K. Lepp

    vor 3 Monaten

    Die beschriebene Kritik ist nachvollziehbar. Aber wo bitte sind die konkreten umsetzbaren und bezahlbaren Lösungsvorschläge im Hinblick auf das Gelingen der Energiewende. Typischerweise werden Kritikpunkte angeführt ohne nur im Ansatz Lösungen aufzuzeigen. Es reicht eben nicht nur zu sagen dies und das ist schlecht für den Naturschutz, etc., es müssen Lösungen her. Und diese Lösungen müssen idealerweise selbstverständlich allen Aspekten gerecht werden und es müssen Kompromisse (einhergehend mit Abstrichen, da eine Ideale Welt nicht existiert!) gefunden werden. Darin besteht in der Tat die große Herausforderung.

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