War Watt? Die Ökonomie der Energiewende

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist

Nach Studium, politischem Engagement und Berufseinstieg in Aachen zog es Hubertus Grass nach Sachsen. Beruflich war er tätig als Landesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Prokurist der Unternehmensberatung Bridges und Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Seit 2011 ist er als Unternehmensberater freiberuflich tätig.

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22. Oktober 2015

Was haben wir in Schule und Studium für einen Blödsinn gelernt! Wer erinnert sich noch an den Phänotyp des „homo oeconomicus“? Das ist jenes Wesen, das seine Kaufentscheidung erst dann fällt, nachdem er sich einen vollständigen Marktüberblick verschafft und eine wirtschaftliche Kosten-/Nutzenrechnung erstellt hat. Dank Internet und Excel können wir diese Aufgaben heute nahezu bewältigen. Für die große Masse der wirtschaftlichen Entscheidungen spielen die Kriterien des „homo oeconomicus“ aber nach wie vor keine Rolle. In der Ökonomie der Energiewende ist das nicht anders.

Wirtschaftliche Argumente werden in der ganzen Debatte um die Energiewende und ihre Gestaltung höchst selektiv benutzt. Das liegt zum einen in der Komplexität der Materie, denn niemand kann heute weder verlässlich sagen, wie sich die Kosten auf den Massenmärkten, z. B. bei der Erzeugung der Wind- und Sonnenenergie künftig entwickeln werden, noch lässt sich annähernd prognostizieren, wie der technische Fortschritt in einem Jahr die Preise der Energiespeicherung beeinflussen wird. Zum anderen erweist sich die Ökonomie dann als eine viel zu ungenaue Wissenschaft, wenn wir sehr konkrete Fragen haben. Vielleicht hätten wir schon viel früher mit der Energiewende begonnen, wenn die Ökonomen in der Lage gewesen wären, uns vor 20 Jahren ungefähr die Kosten zu nennen, die die fossile Energiewirtschaft verursacht. Die kennen wir bis heute nicht genau. Wer zwei Ökonomen nach der Höhe der Folgenschäden fragt, die durch die Luftverschmutzung, die Bergbaufolgen und den Klimawandel entstehen, wird mindestens drei Antworten erhalten.

Einen erneuten Beweis, wie selektiv wirtschaftliche Argumente in der Ökonomie der Energiewende verwandt werden, hat Wolf von Fabeck, verdienstvoller Energiewende-Pionier vom Solarenergieförderverein aus Aachen, im Taz-Streitgespräch mit Patrick Graichen von der Agora-Energiewende geliefert. Von Fabeck, der für eine dezentrale Energiewende streitet, führt u.a. ökonomische Gründe gegen den Netzausbau an. Seine Conclusio: „Und die Kosten für den Fernleitungsbau sind immens.“ Jetzt dürfte man erwarten, dass er seine Vorschläge (erhöhte Einspeisevergütung für Windstrom im Süden, schneller Ausbau der Speicher) auch mit wirtschaftlichen Argumenten verteidigt. Da wechselt er lieber das Feld und wird generell: „Was wir vorschlagen, ist realistisch, technisch möglich und seriös.“

Zwischenfazit: Die Differenzen zwischen den Befürwortern einer dezentralen, möglichst von den Bürgern getragenen Energiewende mit jenen, die (wie der Autor) für eine Energiewende mit den Kriterien a) möglichst schnell, b) unter Konkurrenzbedingungen im Wettbewerb gestaltet und c) mit globaler Vorbildfunktion plädieren, lassen sich mit ökonomischen Argumenten nicht überbrücken.

Fairness fehlt in der Ökonomie der Energiewende

Einer, der ist mit den ökonomischen Kriterien genauer nimmt, ist der Münsteraner Professor Andeas Löschel (Twitterer finden ihn unter @andreasloeschel). Er hat eine Kategorie entdeckt, die bei Kaufentscheidungen vieler Menschen eine wichtige Rolle spielt, die uns aus Schule und Wirtschaftsstudium aber völlig unbekannt ist: Die Fairness.  Er erforschte, unter welchen Bedingungen sich Akteure eines Marktes auf faire Lösungen einigen und wie die aussehen. Als fair werden Lösungen bewertet, wenn beide Profiteure eines Angebots zusätzliche ökologische Kosten gleichberechtigt schultern: Nutzer und Produzent. Löschel, einer der Leitautoren des IPCC-Sachstandsberichtes, lehrt auch in China und Australien und ist seit 2011 Vorsitzender der Expertenkommission zum Monitoring-Prozess „Energie der Zukunft“ der Bundesregierung.

Die Untersuchungen des Umweltökonomen, die er und seine Kollegen an einer Fallstudie mit 10.000 Buchungen bei Fernbusreisen durchgeführt haben, lassen einen direkten Rückschluss darauf zu, warum die Gestaltung der Energiewende durch die Politik so sehr in der Kritik steht. Nur eine Minderheit von 19 Prozent der Bevölkerung bewertet das politische Management der Energiewende als gut, 78 Prozent hingegen als „mäßig“ bis „sehr schlecht“. Offenbar vermisst die Bevölkerung die Fairness bei der Umsetzung, denn weder die Lasten noch die Segnungen der Energiewende sind einigermaßen gleich verteilt. Hier hat die Bundesregierung noch jede Menge Hausaufgaben und Korrekturen zu erledigen.

P.S. Unter gleichlautendem Titel „Ökonomie der Energiewende“ ist ein Beitrag völlig anderen Inhalts bei den Phasenprüfern erschienen. Dort geht es um den blinden Fleck beim Blick auf die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Stromquellen, lang und lesenswert.

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  1. Windmüller

    vor 3 Jahren

    Kompliment für den gut geschriebenen Artikel. Es ist in der Tat so, dass wirtschaftliche Argumente höchst selektiv benutzt werden. Das zeigt sich beim Beschluss, das britische Kernkraftwerk Hinkley Point C zu bauen.Der britische Steuerzahler bürgt mit 33 Mrd €, die Baukosten sollen bei 30 Mrd € liegen. Der Strom aus dem Reaktor wird doppelt und dreifach so teuer, wie Wind- oder Solarstrom.
    Der Chef des britischen Chemieinternehmen INEOS erklärte, der teure Atomstrom sei der Grabstein für die britische Industrie. Die britische Wirtschaft redet vom "Hinkley Point Disaster" Trotzdem wird gebaut. Um Vernunft kann es folglich nicht gehen..

    http://new.spectator.co.uk/2014/02/why-has-britain-signed-up-for-the-worlds-most-expensive-power-station/

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