Neue Energien, neue Perspektiven

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Redaktion

Stiftung Energie & Klimaschutz
16. November 2020

Mehr als die Hälfte des Stroms, der im 1. Habjahr dieses Jahres aus deutschen Steckdosen kam, war erneuerbar. 55,8% betrug der Anteil des Nettostromverbrauchs exakt. Das ist ein neuer Rekord. Auch wenn der Rückgang der Stromnachfrage wegen der Pandemie den Anteil der erneuerbaren Energien mit einem Sondereffekt erhöht hat: Jahr für Jahr liefern vor allem Wind und Sonne mehr Strom in unser Netz. Mit den neuen Energien kommen neue Perspektiven. Welche?

Quelle Grafik: https://www.ise.fraunhofer.de/de/presse-und-medien/presseinformationen/2020/nettostromerzeugung-im-ersten-halbjahr-2020-rekordanteil-erneuerbarer-energien.html

Von der Stromwende zur Energiewende

Im Stromnetz spielt die Kohle nur noch eine Nebenrolle. Aus Braunkohle (13,7%) und Steinkohle (6%) kamen im 1. Halbjahr zusammen weniger Strom als aus der Windkraft (30,6%). Strom aus Kernkraft (12,3%) und die Solarenergie (11,4%) lagen fast gleich auf. Bemerkenswert: Parallel zum wachsenden Anteil des Ökostroms im Netz hat die Ausfallsicherheit zugenommen. Die durch Störungen verursachte durchschnittliche Dauer von Versorgungsunterbrechungen liegt derzeit 15,7 Minuten.  Das ist der beste Wert in Europa.

Mehr Sicherheit, weniger CO2-Emissionen.

Aber längst geht es nicht mehr nur um den Stromsektor. Auch bei Mobilität, Gebäudewärme, industrieller Produktion und nicht zuletzt in der Landwirtschaft müssen wir mit den CO2-Emissionen runter und dem Ökostromanteil rauf. Die Erfolgsgeschichte der erneuerbaren Energien steht erst am Anfang.

Nach 20 Jahren Energiewende beträgt der Anteil der Erneuerbaren Energien am  Bruttoenergieverbrauch lediglich 18 Prozent. 82% der von verbrauchten Energien stammt aus fossilen Quellen. In der Mobilität spielt das Erdöl die entscheidende Rolle. Bei der Wärme für die Gebäude und die industriellen Prozesse führt nach wie vor das Erdgas. Die Bedeutung der Erneuerbaren in diesen Sektoren ist gering. Ist der Weg von der Strom- zur Energiewende noch unendlich weit?

Gute Voraussetzungen für die Dekarbonisierung

Wind- und Sonnenstrom sind auf dem ganzen Globus wettbewerbsfähig geworden.

Als die Energiewende vor 20 Jahren mit der Einführung des Erneuerbaren Energiengesetzes begann, lagen Welten zwischen dem Strompreis an der Börse und den Gestehungskosten des Ökostroms. 99 Pfennig gab es damals für jede Kilowattstunde, die aus einer Solaranlage ins Netz eingespeist wurde. Das war das 50zig-fache des damaligen Handelspreises von Strom. Über die EEG-Umlage wurde die Differenz ausgeglichen. Nicht zuletzt angetrieben von der deutschen Energiewende haben sich die Branchen der erneuerbaren Energien industrialisiert und die Gestehungskosten des Ökostroms so stark abgesenkt, dass nur noch eine kleine Differenz zum Börsenstrompreis geblieben ist.

Der Preis für Solarstrom ist seit Beginn der Energiewende um mehr als 90% gefallen. Wind- und Sonnenstrom sind auf dem ganzen Globus wettbewerbsfähig geworden. Müsste man heute ein neues Energiesystem komplett neu aufbauen, würde man schon aus Kostengründen auf 100% Erneuerbare setzen. Die Voraussetzungen für die Dekarbonisierung sind gut.

Jetzt braucht es mehr Tempo

Trotz der ökonomisch guten Voraussetzungen ist der Ausbau der Erneuerbaren Energien in den letzten Jahren ins Stocken geraten. Besonders bei der Windenergie wurden die angestrebten Wachstumsziele nicht erreicht. Der Abbau von Arbeitsplätzen war die Folge. Jetzt brauchen wir ein  deutliches Wachstum, denn sonst sind die Klimaziele nicht zu erreichen. Wärmepumpen in den Häusern, elektrische Fahrzeuge auf den Straßen und eine auf Wasserstoff basierende industrielle Produktion – das alles macht nur Sinn, wenn Ökostrom aus der Leitung kommt.

Eine aktuelle Studie schätzt den jährlichem Bedarf an Neuanlagen im Mittel auf 10 GW Photovoltaik, etwa 4,5 GW Onshore-Windenergie und etwa 1,7 GW Offshore-Windenergie ein.

Neue Energien, neue Perspektiven. Von Anreizen und Hemmnissen

Ob die 20er Jahre des 21. Jahrhunderts als das Jahrzehnt des Klimaschutzes in die Geschichtsbücher eingehen, wird sich an vielen, mitunter kleinen Details entscheiden:

  • Gibt es einen – über die aktuellen politischen Mehrheiten hinaus gehenden – gemeinsamen Willen in Deutschland, beim Klimaschutz in die Offensive zu gehen?
  • Ziehen Wirtschaft und Gesellschaft mit?
  • Brauchen wir eine Solarpflicht beim Neubau von Häusern?
  • Mit welchen Technologien und Strategien werden die CO2-Emissionen im Gebäudebereich gesenkt?
  • Führt eine neue Bundesregierung die richtigen Instrumente ein, um den Ausbau der Erneuerbaren in der geplanten Größenordnung zu verstetigen?
  • Wird das Energiewirtschaftsrecht vereinfacht?
  • Welche Innovationen werden wir bei PV, Wind, Biomasse und Co. erleben?
  • Wird der Ausbau der Erneuerbare und der letzte Schritt zur Klimaneutralität nur in internationalen Kooperationen gelingen? Wäre z.B. die Einfuhr von Wasserstoff aus Afrika ökonomisch eine Alternative?
  • Lassen sich die Konflikte zwischen dem Ausbau der Erneuerbaren und dem Naturschutz verringern?

Das sind nur einige von zahlreichen Fragen, die in naher Zukunft zu beantworten sind. Mit den neuen Energien kommen neue Perspektiven. Welche aber genau? Wir haben wie immer sachkundige Gastautor*innen gebeten, uns an ihrer Sicht auf die zukünftige Entwicklung teilhaben zu lassen. In den nächsten Wochen haben bei uns die Expert*innen aus Wissenschaft, Politik und Verbänden das Wort.

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