Keine Energiewende ohne Personalwende. Der Fachkräftemangel in den deutschen Kommunalverwaltungen.

Gastautor Portrait

Dr. Gerd Landsberg

Geschäftsführendes Präsidialmitglied des Deutschen Städte- und Gemeindebundes

Dr. Gerd Landsberg ist seit 1998 Geschäftsführendes Präsidialmitglied des Deutschen Städte- und Gemeindebundes. Seit dem 1. Januar 1998 führt er den kommunalen Spitzenverband in der Bundeshauptstadt Berlin. Zuvor war Landsberg als Richter am Landgericht Bonn, am Oberlandesgericht Düsseldorf, im Justizministerium in Düsseldorf und Bundesministerium der Justiz tätig. Seit 1991 ist Landsberg für den Deutschen Städte- und Gemeindebund aktiv und vertritt damit nun bereits seit über drei Jahrzehnten die Interessen von Städten und Gemeinden aller Größenordnungen auf Bundesebene. Ob die Bürgerinnen und Bürger zufrieden sind, entscheidet sich vor Ort in den Städten und Gemeinden. Der Erfolg der lokalen Demokratie ist unverzichtbar für Lebens- und Standortqualität in Deutschland und Europa. Die Herausforderungen und Lebenswirklichkeiten vor Ort auf die Hauptstadtbühne zu tragen und für gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Deutschland einzutreten, ist für Dr. Gerd Landsberg Anliegen und Triebfeder seiner Arbeit.

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vor 4 Tagen

Der Fachkräftemangel in der Energiewende ist seit Langem bekannt. Erst kürzlich kam eine Studie zu dem Ergebnis, dass Stand 2022 rund 216.000 Fachkräfte für den Ausbau erneuerbaren Energien fehlen. Noch nicht eingerechnet sind dabei Fachkräfte, die in der Perspektive bis hin zur Klimaneutralität im Jahr 2045 bzw. den entsprechenden Meilensteinen in den Jahren 2030 und 2035 erforderlich sind.

Dauerbrenner in den Kommunalverwaltungen

Der Fachkräftemangel ist nicht allein ein Spezifikum der Energiewende. In den Kommunalverwaltungen ist er seit Langem ein Thema. Deutschlandweit fehlen dort nach Angaben des Deutschen Beamtenbundes rund 350.000 Beschäftigte. Dabei werden nicht nur die offenen Stellen berücksichtigt, sondern auch der Personalbedarf, der sich durch neue Aufgaben ergibt. Dies betrifft insbesondere die für die Planung und Genehmigung von Anlagen im Bereich der erneuerbaren Energie relevanten Baubehörden. Die Folgen sind heute bereits erkennbar: Anträge bleiben länger unbearbeitet und Planungsverfahren verzögern sich. Wenn jetzt nicht gegensteuert wird, wird sich das in der Perspektive bis zum Jahr 2030 noch weiter verschärfen. In den nächsten zehn Jahren scheiden mehr als 500.000 Beschäftigte aus. Im öffentlichen Sektor werden nach Schätzungen dann über 800.000 Arbeitskräfte, nicht nur speziell ausgebildete Fachkräfte wie Ingenieure oder IT-Spezialisten, fehlen.

Keine Energiewende ohne Personalwende

Die Wärmewende ist besonders personalintensiv [...] Hierfür sind neben den entsprechenden Fachleuten in den Kommunalverwaltungen insbesondere Fachkräfte im Handwerk erforderlich.

Dr. Gerd Landsberg

Die Energiewende benötigt viele Fachkräfte und erzeugt zugleich zusätzlichen Ausbildungs- und Qualifizierungsbedarf, etwa im IT-Bereich zur Steuerung intelligenter Netze oder im wachsenden Smart-Home- und Speichermarkt. Auf dem Weg zu einem klimaneutralen Deutschland ist die Wärmewende die nächste große Herausforderung. Die Wärmewende ist besonders personalintensiv: von der energetischen Gebäudesanierung, über die Installation von Wärmepumpen in den Häusern, dem Ausbau der klimafreundlichen Fernwärmeversorgung bis hin zum Einsatz grüner Gase. Hierfür sind neben den entsprechenden Fachleuten in den Kommunalverwaltungen insbesondere Fachkräfte im Handwerk erforderlich. Nach der Studie des IDW bestehen die größten Fachkräftelücken in der Bauelektrik, der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie der Informatik. Der in der Energie- und Klimapolitik gültige Slogan „Keine Energiewende ohne Wärmewende“ muss deshalb als erweitert werden: „Keine Energiewende ohne Personalwende“

Ausbildungsoffensiven, Qualifizierung und Erhöhung des Frauenanteils

Die Kommunen und ihre Unternehmen setzen bereits seit Jahren viele Elemente der vom Bundeskabinett verabschiedeten Fachkräftestrategie aktiv um. Sie haben durch regionale und lokale Imagekampagnen Anstrengungen unternommen, die Wahrnehmung des öffentlichen Dienstes zu verbessern. Kernbotschaft dieser Kampagnen ist es, die Attraktivität der Kommunen und ihrer kommunalen Unternehmen als Arbeitgeber herauszustellen. Die kommunalen Spitzenverbände haben zusammen mit dem Verband kommunaler Unternehmen (VKU) und der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) ein gemeinsames Papier mit Handlungsempfehlungen herausgegeben, um dem Fachkräftemangel in Verwaltungen und Unternehmen zu begegnen.

Dazu gehört etwa die Erhöhung des Arbeitsvolumens Teilzeitbeschäftigter durch die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf beziehungsweise die sogenannten „stillen Reserven“ des Fachkräftepotentials im Bereich der Pflege anzusprechen.

Daneben ist eine höhere Quote von Frauen in technischen Berufen erforderlich. Hier muss bereits in den Kitas und Schulen angesetzt werden, um für MINT-Ausbildungen und Studiengänge zu werben und zu einem Kulturwandel zu kommen. Weitere Potenziale zur Fachkräftesicherung bietet die Umschulung oder Weiterbildung von An- und Ungelernten, etwa über Teilqualifikationen bis hin zu einem vollwertigen Berufsabschluss. Zudem müssen auch Jugendliche für eine Ausbildung in den relevanten Berufsfeldern begeistert werden. Außerdem müssen die Chancen der Digitalisierung viel konsequenter als bisher genutzt werden. Dazu besteht hoher Qualifizierungsbedarf für das städtische Personal. Viele Kommunen bilden bereits selbst Verwaltungsinformatikerinnen und -informatiker mit zwei Schwerpunkten „Technik“ und „Verwaltung“ aus. Sie sollen „Mittler“ zwischen Technik und Verwaltung sein. Gerade für junge Menschen wird hier ein attraktives zukunftsfestes Tätigkeitsfeld geboten.

Verfahren vereinfachen und beschleunigen

Es ist eine Illusion zu glauben, dass man das dauerhafte Fehlen von mehr als zwei Millionen Fachkräften durch attraktivere Beschäftigungsbedingungen kompensieren kann.

Dr. Gerd Landsberg

Neben einer aktivierenden Personalpolitik gilt es, das Potenzial der vorhandenen Fachkräfte effizienter als bisher einzusetzen. Es ist eine Illusion zu glauben, dass man das dauerhafte Fehlen von mehr als zwei Millionen Fachkräften durch attraktivere Beschäftigungsbedingungen kompensieren kann. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir weniger werden und dass wir unsere Probleme allein durch Reformen des Zuwanderungsrechts lösen. In der Konsequenz bedeutet das, dass man zum Teil Aufgaben einfach wegfallen lassen muss. Perspektivisch gilt es, bei bestimmten Verfahren KI einzubinden und entscheiden zu lassen oder Rahmen der energetischen Gebäudesanierung mehr auf serielles Sanieren zu setzen. Ein weiteres Potenzial liegt in schlankeren Planungs- und Genehmigungsverfahren. Erforderlich sind die konsequente Digitalisierung von Verfahren und eine Straffung der Öffentlichkeitsbeteiligung, sowie eine kritische Prüfung der bestehenden Widerspruchs- und Klagemöglichkeiten bei wichtigen Infrastrukturprojekte zur Erreichung der Klimaschutzziele. Das LNG-Beschleunigungsgesetz hat in der Not Maßstäbe gesetzt, die zum Energiewende-Standard werden sollten.

Langfristige Weichenstellung erforderlich

Aufgrund der weitreichenden gesellschaftlichen Veränderungen, wie sie etwa durch die Digitalisierung vorangetrieben werden, muss der öffentliche Dienst langfristig in die Aus- und Weiterbildung investieren. Gleiches gilt für die kommunalen Unternehmen. Wie die Energiewende braucht eine erfolgreiche Personalwende ein langfristig angelegtes Umsteuern und einen langen Atem. Denn eines ist klar: Ausbildungsoffensiven sind wichtig, helfen bei den akuten Problemen aber nicht weiter. Die Auswirkungen derartiger Offensiven werden erst in vielen Jahren zu spüren sein.

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  1. Heinz Ossenkamp

    vor 4 Tagen

    Keine Energiewende ohne Personalwende ist eine richtige, weil realistische Feststellung!
    Jede gute Politik muss Realität statt Wunschvorstellungen wahrnehmen, sonst kann richtiger Klimaschutz nicht erfolgreich umgesetzt werden.

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