Energie aus Wind und Sonne: Welche Fachkräfte brauchen wir?

Gastautor Portrait

Dr. Anika Jansen

Economist, Institut der deutschen Wirtschaft

Dr. Anika Jansen ist seit 2018 Economist beim Institut der deutschen Wirtschaft und betreut dort das Projekt „Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung“ (www.kofa.de). Sie führt empirische Studien durch und entwickelt praxisorientierte Handlungsempfehlungen für die Personalarbeit von kleinen und mittleren Unternehmen. Thematische Schwerpunkte dabei sind Fachkräftesicherung, Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, Azubimarketing und internationale Fachkräfte. Zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bundesinstitut für Berufsbildung und hat an der Universität Maastricht und Barcelona zum dualen Ausbildungssystem geforscht. Sie hat Volkswirtschaftslehre und Verhaltensökonomie studiert.

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16. Januar 2023

Wieso diese Studie?

Um die Energiewende zu bewältigen, zählt der Ausbau erneuerbarer Energien zu den obersten Prioritäten der Bundesregierung. Bis 2030 will Deutschland 80 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Quellen gewinnen. Dafür müssen die Ausbauraten der Wind- und Solarenergie im Vergleich zur Vergangenheit stark erhöht werden. Es ist daher zu erwarten, dass der Bedarf an entsprechenden Fachkräften deutlich steigen wird.

Um Handlungsbedarfe zu erkennen, hat das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung eine Studie durchgeführt, die analysiert, welche Berufe für den Ausbau der Solar- und Windenergie benötigt werden und wie die Arbeitsmarktsituation in diesen Berufen aktuell aussieht.

Welche Berufe werden benötigt?

Die Top-15-Engpassberufe mit Relevanz für die Solar- und Windenergie

Um die Berufe zu identifizieren, die für den Ausbau von Wind- und Solarenergie benötigt werden, wurden zunächst qualitative Interviews mit 19 Branchenexpert:innen u.a. aus Verbänden, Unternehmen und Wissenschaft durchgeführt. Die Berufe wurden jeweils den sogenannten Berufsgattungen der Klassifikation der Berufe der Bundesagentur für Arbeit zugeordnet.

So wurden 190 Berufsgattungen (im Folgenden kurz: Berufe) verschiedener Qualifikationsniveaus identifiziert, die für den Ausbau der Solar- und Windenergie relevant sind. Für den Ausbau der Solarenergie werden vor allem Ausbildungsberufe benötigt, da bei der Montage von Photovoltaik-Anlagen vor allem viele handwerkliche Tätigkeiten anfallen, die zum Beispiel von Dachdecker:innen oder Fachkräften im Bereich Sanitär, Heizung und Klima verrichtet werden können. Bei der Windenergie hingegen, werden viele Komponenten in Deutschland produziert, so dass dort, neben Fachkräften, auch Ingenieure für die Entwicklung und Fertigung benötigt werden. Beim Aufbau von großen Windkraftanlagen auf Land oder auf dem Meer kommen auch speziellere Berufe, wie zum Beispiel Industriekletterer oder Industrietaucher zum Einsatz. Für die Offshore Windenergie arbeiten Fachkräfte und Expert:innen der Schiffbautechnik an Spezialschiffe, die für die Installation der Offshore Windparks benötigt werden. Sowohl für Solar- als auch für Windparks werden Expert:innen im Projektmanagement beschäftigt. Aufgrund der wetterbedingt starken Schwankungen bei der Stromproduktion aus Wind- und Solarenergie werden bei den Energieversorgern auch verstärkt Expert:innen der Elektrotechnik und Informatik benötigt, um stabile Netzsysteme zu entwickeln. Zudem wurde berichtet, dass Expert:innen für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit gefragt sind, da bei der Installation von Wind- und Solarparks, häufig die richtige Kommunikation mit Politik und Bürgerverbänden notwendig ist. Die benötigten Berufsprofile sind also vielseitig.

Bei der Beschreibung der Tätigkeiten und Berufe in den Interviews fiel auf, dass es für viele Tätigkeiten eine gewisse Offenheit bezüglich des erforderlichen Berufsabschluss gibt. Bei Tätigkeiten im Bereich Projektmanagement ist das Studienfach häufig nicht festgelegt, solange es einen technischen Bezug hat. Bei Photovoltaik-Anlagen kann die Montage von verschiedenen Gewerken übernommen werden, der Anschluss hingegen nicht. Letzterer muss von einer Elektrofachkraft in einem Meisterbetrieb durchgeführt werden. Daher wurden Elektrofachkräfte von mehreren Interviewten als Nadelöhr bezeichnet.

Wie sieht die Arbeitsmarktsituation in diesen Berufen aus?

Die meisten Fachkräfte fehlen in Berufen, für die typischerweise eine berufliche Ausbildung benötigt wird.

Dr. Anika Jansen

Um die Arbeitsmarktsituation in den identifizierten Berufen zu analysieren, wurde die sogenannte Fachkräftelücke berechnet, die darstellt, wie viele Stellen offenblieben, würden alle in Deutschland passend qualifizierten Arbeitslosen auf diese Stellen verteilt. Ein Beruf mit einer positiven Fachkräftelücke, also mit mehr offenen Stellen als Arbeitslosen, ist ein sogenannter Engpassberuf.

Mehr als die Hälfte der Berufe, die für den Ausbau benötigt werden, sind im Jahresdurchschnitt 2021/2022 Engpassberufe. Unglücklicherweise fehlen gerade in dem Bereich, der aufgrund der gesetzlichen Regelungen und speziellen Kenntnissen nicht durch andere Berufsprofile ersetzt werden kann, am meisten Fachkräfte. In der sogenannte Berufsgattung „Bauelektrik“, zu der zum Beispiel der Ausbildungsberuf Elektroniker/-in für Energie- und Gebäudetechnik gehört, fehlen fast 17.000 Fachkräfte (siehe Abbildung). Dort können acht von zehn offenen Stellen nicht besetzt werden. Aber auch im Bereich Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik ist die Fachkräftelücke mit 14.000 sehr groß.

Insgesamt fehlen aktuell in den auch für den Ausbau der Solar- und Windenergie relevanten Berufen rund 216.000 Fachkräfte. Die meisten Fachkräfte fehlen in Berufen, für die typischerweise eine berufliche Ausbildung benötigt wird. Die identifizierten Berufe werden allerdings nicht allein zum Ausbau der erneuerbaren Energien benötigt, sondern auch in Bereichen, darunter anderen wirtschaftlichen Transformationsprozessen, wie zum Beispiel bei der Steigerung der Energieeffizienz oder der Digitalisierung. Am Ende konkurrieren verschieden Branchen um Fachkräfte mit diesen Berufen.

Was kann getan werden?

Ein wichtiges Potenzial zur Fachkräftesicherung bietet die Umschulung oder Weiterbildung von An- und Ungelernten, etwa über Teilqualifikationen, bis hin zu einem vollwertigen Berufsabschluss. Vor allem bei Tätigkeiten, die nicht unbedingt einen bestimmten Berufsabschluss erfordern, kann die Beschäftigung von Angelernten und Quereinsteiger:innen einen wichtigen Pfeiler darstellen.

Mittelfristig müssen noch mehr junge Menschen für die Berufe der erneuerbaren Energien gewonnen werden. Neben gezielten Imagekampagnen für grüne Berufe bedeutet das zum Beispiel schon früh das Interesse für Technik zu fördern – insbesondere bei Mädchen. Denn es ist auffällig, dass in den identifizierten Berufen Frauen bislang nur wenig präsent sind. So lag der Frauenanteil an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Jahr 2021 in neun der 15 Berufen mit den größten Lücken unter zehn Prozent. Besonders gering ist der Frauenanteil im Bereich Sanitär-, Heizung- und Klimatechnik mit 0,4 Prozent (siehe Abbildung).

Die Studie hat gezeigt, dass bereits jetzt Fachkräfte in den für den Ausbau der erneuerbaren Energien relevanten Berufen fehlen. Um die Klimaziele zu erreichen, müssen ausreichend Fachkräfte zur Verfügung stehen. Da alle Maßnahmen zur Erhöhung der Fachkräftebasis eine gewisse Vorlaufzeit benötigen, ist es erforderlich frühzeitig damit zu beginnen.

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