Keine Energiewende ohne Bürgerenergie

Gastautor Portrait

Luise Neumann-Cosel

BürgerEnergie Berlin eG

Luise Neumann-Cosel (Jahrgang 1986) ist Mitgründerin und Vorstand der BürgerEnergie Berlin eG und Mitglied im Rat für Bürgerenergie des Bündnis Bürgerenergie e.V. Sie hat Geoökologie in Potsdam und Panama studiert und promoviert zu Wachstumsmodellen genossenschaftlicher Unternehmen.

weiterlesen
20. Dezember 2016

Wer sorgt für die größten Fortschritte bei der Energiewende? Statistiken sind nicht sexy, sorgen in diesem Fall aber blitzschnell für eine eindeutige Antwort: Es sind die Bürgerinnen und Bürger. Sie betreiben und besitzen etwa die Hälfte der Solar-, Biomasse- und Windenergieanlagen hierzulande, fast jede zweite Kilowattstunde Ökostrom kommt aus Anlagen in Bürgerhand. Ob es die PV-Anlage auf dem eigenen Hausdach ist, das genossenschaftlich finanzierte Nahwärmenetz oder der Bürgerwindpark – den Löwenanteil der Energiewende in der Bundesrepublik haben die Bürger organisiert und finanziert. Meist nach Feierabend und im Ehrenamt, oft gegen zahlreiche Widerstände, aber immer mit Begeisterung für die Sache. Ohne dieses Engagement gäbe es heute weder den Atomausstieg noch den „Exportschlager EEG“, mit dem sich Politiker/innen aller Couleur heute gern brüsten.

Denn die Begeisterung für die Erneuerbaren Energien hielt sich bei den traditionellen Akteuren der Branche lange Zeit, vorsichtig formuliert, stark in Grenzen. Anfang der Neunziger erklärten sie im Brustton der Überzeugung, alternative Energien könnten niemals mehr als 4% des Strombedarfs decken. Entsprechend überschaubar gestaltete sich das Engagement dieser Unternehmen im Bereich der Erneuerbaren Energien. Es fehlte den Energiekonzernen aber nicht nur am Glauben an die Alternativen Kraftwerke, sondern schlichtweg auch an den Renditeaussichten: Mit dem EEG lassen sich eben keine 15%-igen Gewinne einstreichen. Was für unzählige Bürger kein Grund zur Zurückhaltung war, stellte für die alte Energiewirtschaft offenbar ein unüberwindbares Hindernis dar. Eon-Chef Theyssen etwa soll im kleinen Kreis gern die Zurückhaltung seines Konzerns beim Ausbau der Erneuerbaren damit erklärt haben, dass die Renditeerwartungen im Erneuerbaren-Markt leider nicht zu denen der Aktionäre passten.

Bürgerenergie mit Kind und Hund: Energiegenossenschaft Starkenburg. © Energiegenossenschaft Starkenburg
Bürgerenergie mit Kind und Hund: Energiegenossenschaft Starkenburg. © Energiegenossenschaft Starkenburg

Die Großen betreiben nur ein Zehntel der Erneuerbaren

Diese Zeiten sind vorbei. Mittlerweile kämpfen die großen Energieversorger verzweifelt ums Überleben, von zweistelligen Renditen träumt man in den Konzernen nicht einmal mehr nachts. Die vier großen deutschen Energieunternehmen RWE, Eon, EnBW und Vattenfall arbeiten unter Hochdruck daran, dem Erfolg der Energiewende hinterherzulaufen: Mittels Strategiewechsel, Verkauf oder Aufspaltung will man sowohl die bösen Geister der Vergangenheit als auch die Verantwortung für die mittlerweile unrentabel gewordenen fossilen Geschäftssparten loswerden. Doch während sich EnBW und Co. nach außen gern als Vorreiter der Energiewende gerieren, zeigen die Bilanzen, dass man dort offenbar noch immer nicht verstanden hat, wo die Zukunft der Energieversorgung liegt: Die vier Konzerne betreiben bloß gut ein Zehntel der Erneuerbaren-Anlagen und stecken noch immer nur einen mageren Bruchteil ihrer Investitionen in Sonne, Wind oder Wasser, während der Großteil nach wie vor in die fossile Energieerzeugung fließt. Umso vehementer (und erfolgreicher) engagieren sich die Unternehmen für Stillhalteprämien wie die „Sicherheitsreserve“ für Braunkohlekraftwerke, um das Überdauern der alten Meiler und damit den eigenen Fortbestand zu sichern – ohne Rücksicht auf Umwelt und Verbraucher. Wer die vier Konzerne bei ihrem buchstäblichen Kampf gegen Windmühlen beobachtet, fühlt sich leicht an den erbitterten Kampf von Nokia, dereinst Marktführer bei der Herstellung von Mobiltelefonen, gegen den Aufstieg des Smartphones erinnert. Wie die Geschichte ausgeht, wissen wir: Heute telefonieren wir mit den modernen Geräten anderer Hersteller.

Bürgerenergie Berlin demonstriet im Oktober für die Übernahme des Berliner Netzes.
Die Mitglieder von Bürgerenergie Berlin demonstrierten am 10. Oktober für die Übernahme des Berliner Netzes. © BürgerEnergie Berlin/Julian Busch

Bürgerenergie beschleunigt bundesweit die Energiewende

An diesen „modernen Geräten“ des Energiemarkts arbeiten heute schon viele Energiegenossenschaften. Bürgerenergie steht schon lange nicht mehr nur für die gemeinsam finanzierte Solaranlage. In Heidelberg setzte die örtliche Energiegenossenschaft eines der ersten solaren Mieterstrom-Modelle der Bundesrepublik um, die Heilbronner Kollegen sind mittlerweile Profis im Bereich Energieeffizienz, in Berlin wollen die Bürger das Stromnetz der Hauptstadt übernehmen und zum Smart Grid machen und über eine Dachgenossenschaft wird der selbst produzierte Strom an die Mitglieder vertrieben. Bundesweit sind in den vergangenen Jahren mehr als 1.000 Energiegenossenschaften entstanden. Deren Geschäftsmodelle, Mitglieder, Strategien und Ideen könnten unterschiedlicher nicht sein, doch der Antrieb ist überall derselbe: die lokale Energiewende und den Klimaschutz fördern. Quasi „im Vorbeigehen“ sorgen die Energiegenossen mit ihrem Engagement auch für regionale Wertschöpfung, Strukturentwicklung, demokratische Teilhabe, politische Bildung und steigende Akzeptanz für die Erneuerbaren Energien. So viel Beschleunigung für die Energiewende lässt sich wohl kaum anderswo finden.

Umso gefährlicher sind die Entwicklungen der vergangenen Monate: Das novellierte EEG bringt gleich eine ganze Reihe von Stolpersteinen für die Energiebürger mit sich und ist geeignet, deren Engagement zum Erliegen bringen. Dass sie damit auch das Gelingen der Energiewende und die nationalen Klimaschutzziele in Gefahr bringt, scheint die Bundesregierung billigend in Kauf zu nehmen. Diese Entwicklungen gilt es umzukehren – denn ohne Bürgerenergie gibt es keine Energiewende.

Diskutieren Sie mit

  1. Windmüller

    vor 2 Jahren

    Dem Artikel kann man nichts hinzufügen. Das Problem bei der Energiewende ist, dass das Klima durch Unehrlichkeit vergiftet ist. Bürgerenergiegenossenschaften werden abgewürgt, während man auf der anderen Seite keine Einwände hat, wenn schwedische oder britische Rentenfonds, oder US Hedgefonds in Onshore oder Offshore investieren.2016 ist ein extrem wind- und sonnenarmes Jahr, so dass 2016 nicht mehr Ökostrom erzeugt wird, als 2015. Trotzdem steigt die EEG Umlage. Wie kann das passen? Das kommt daher, dass immer mehr Unternehmen vom EEG begünstigt werden. So müssen am Ende immer weniger Schultern die Last tragen. Das kann man ja machen, nur sollte man das Kind dann auch beim Namen nennen, und nicht mantraartig vorbeten, Öko mache den Strom teuer.

Ich akzeptiere die Kommentarrichtlinien sowie die Datenschutzbestimmungen* *Pflichtfelder

Artikel bewerten und teilen

Keine Energiewende ohne Bürgerenergie
4.7
9