Ist Baden-Württemberg „ready“ für die Entstehung eines Wasserstoffmarktes? Bericht vom Debatten-Abend

Gastautor Portrait

Redaktion

Stiftung Energie & Klimaschutz
16. Oktober 2023
Foto: Uli Deck

Als eine der innovativsten Regionen der Welt steht Baden-Württemberg in der Verpflichtung, bei der Entstehung von Zukunftsmärkten ganz vorne mit dabei zu sein. Und dass Wasserstoff die Zukunft ist, daran ließen die Diskutanten des Debatten-Abends keinen Zweifel. Mit Vertretern aus der Energiewirtschaft und der energieintensiven Industrie sowie der zuständigen Ministerin für Energie und Klima war das Podium beim Debatten-Abend gewohnt fachkundig besetzt. Was bedeutet „ready zu sein“ für den Wasserstoffmarkt? Welche Kriterien sind zu erfüllen? Was kann und muss der Staat leisten? Und wann übernimmt der Markt das Geschehen? Der Abend wurde zum Lehrbeispiel über die Möglichkeiten und Grenzen wirtschaftlicher Planung.

Baden-Württemberg will von Anfang an vorne mitspielen

Thekla Walker, Ministerin für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg, sieht das Land durch die bisherigen Vorbereitungen wie die Roadmap Wasserstoff, den Wasserstoffbeirat des Landes sowie durch die intensive Kooperation zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung gut aufgestellt im kommenden Wettbewerb. Anspruch der Landesregierung sei, von Anfang an ganz vorne mitzuspielen. Dafür bringe Baden-Württemberg die Vorrausetzungen einer Forschungs- und Technologieregion mit. Im Ländle seien fünf Leitprojekte (Important Projects of Common European Interest – kurz: IPCEI) ausgewählt worden. Zudem bringe sich die Landesregierung massiv ein, habe einen mit  500 Mio. Euro ausgestatteten Fördertopf aufgelegt und schließe internationale Kooperationen.

Die drohende Deindustrialisierung ist noch nicht vom Tisch

Nicht alle Stahlwerke in Deutschland werden die Transformation in Richtung CO2-Neutralität überleben.

Markus Menges

„Nicht alle Stahlwerke in Deutschland werden die Transformation in Richtung CO2-Neutralität überleben.“ Markus Menges, Geschäftsführer der Badischen Stahlwerke, lenkte den Blick auf die Herausforderung der Branche, bei den immer noch hohen Energiepreisen im internationalen Wettbewerb zu überleben. Das Thema der Deindustrialisierung sei noch nicht vom Tisch. Duravit zum Beispiel baut seinen nächsten Produktionsstandort in Kanada.

Grundsätzlich, so Menges, sei der Weg der Transformation richtig. Aber die Geschwindigkeit sei zu hoch. Das System komme an seine Grenzen. Nach wie vor seien schleppende Genehmigungen etwa beim Einsatz von Elektrolyseuren zu beklagen. Dazu kämen mangelnde Kapazitäten in der Industrie. Auf manche Komponenten beim Bau industrieller Anlagen müsse man jahrelang warten.

Der Klimawandel schafft den Veränderungsdruck

Zögern können wir uns nicht mehr leisten. Ambitionierte Ziel sind notwendig.

Thekla Walker

Widerspruch kam von der Ministerin. Es sei nicht die Politik, die den Druck mache. Der käme durch den Klimawandel. Die Physik lasse uns keine andere Wahl: Wir müssen schnell raus aus der Verbrennung fossiler Rohstoffe. In der Vergangenheit habe man zu lange gezögert und sich darauf ausgeruht, dass über den Zwischenschritt Gas ein billiger Energieträger zur Verfügung stehe. Der russische Überfall auf die Ukraine habe diese Illusion zerstört. Mit Hinweis auf die Tipping Points beim Klimawandel meinte Thekla Walker: „Zögern können wir uns nicht mehr leisten. Ambitionierte Ziel sind notwendig.“

Sie fügte an: „Wir müssen die Industrie halten. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass wir uns zu sehr in Abhängigkeit begeben haben“. Sie plädierte für eine Industriestrompreis, der als zeitlich befristete Brücke in die fossil-frei Welt funktioniere.

Für die Entwicklung des Wasserstoffmarktes braucht es staatliche Unterstützung

Auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette stehen die Akteure bereit und warten auf den Startschuss.

Dirk Güsewell

Dass der Rollout der Wasserstoffwirtschaft nach den Festlegungen eines großen Plans funktionieren werde, sieht Dirk Güsewell nicht. Der Chief Operating Officer für Systemkritische Infrastruktur im Vorstand der EnBW meinte, man sei auch weit davon entfernt „H2-ready“ zu sein. Bei einem Markt, der vielleicht in 10 Jahren über relevante Mengen verfüge, sei das auch nicht notwendig, jetzt schon fertig zu sein. Güsewell sieht Deutschland gut in der Spur und zeigte sich zuversichtlich, dass die Transformation gelinge.

„Auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette stehen die Akteure bereit und warten auf den Startschuss“. Statt jetzt vorab alle Details festzulegen, komme es darauf an, die Basis-Infrastruktur zu schaffen und die Regularien für einen sich entwickelnden Markt zu entwerfen.  Bis sich beim Wasserstoff ein Marktvolumen entwickele, das eine Refinanzierung der Investitionen in die Leitungen über Netzentgelte erlaube, werde noch viel Zeit ins Land gehen. Darauf werde sich kein Investor einlassen.

Es brauche den Staat, so Güsewell, um die Orchestrierung des Markthochlaufs zu organisieren. Eine zentrale Frage sei, wie man das Interesse der Investoren wecken könne. Die Energiewende lebe vom Kapital.  Zudem müsse es Orientierungspunkte geben. Ein Drehbuch für die nächsten 20 Jahre zur Entwicklung des Wasserstoffmarktes sei überflüssig. Ob Gas-, Strom- oder andere Netze: Wo Leitungen zu ersten Ankerkunden gelegt wurden, haben sich auch andere angeschlossen. Das werde beim Wasserstoff nicht anders sein und sei en detail nicht planbar. Wichtig sei eine durch staatliche Unterstützung abgesicherte Startphase zu initiieren. Einschwingen werde sich der Markt dann selbst.

In den zentralen Fragen herrscht Einigkeit

Sowohl die Ministerin als auch Markus Menges als Vertreter der Industrie pflichteten dem bei. Staatliche Zuschüsse seien notwendig. Menges verwies auf die globale Konkurrenzsituation. Die USA hätten mit den heimischen Ressourcen ganz andere Voraussetzungen auf dem Energiemarkt. Mit dem Inflation Reduction Act gebe es ein attraktives Programm für die Transformation und entsprechend attraktiv sei es für die Stahl-, Zement- und Chemieindustrie, sich dort anzusiedeln.  Noch stärker sei die staatliche Steuerung in China. Wasserstoff müsse europäisch gedacht werden. Es gehe ums Überleben der mittelständigen Industrie.

Auch beim Umgang mit den Farben des Wasserstoffs herrschte Einigkeit auf dem Podium. Am Ende müsse 100 Prozent grüner Wasserstoff durch die Leitung und Anlagen fließen. Auf dem Weg dorthin sei Flexibilität und Pragmatismus erforderlich.

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  1. Prof. Dr. Eberhard Schlücker

    vor 3 Monaten

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    ich möchte eine Firma gründen mit der ich Häuser und Häusergruppen aus eigener Energie mit Strom und Wärme versorgen kann. Dies kann sogar bis zur Autarkie von außerhalb liegenden Strukturen wie Aussiedlerhöfe usw.... führen (alles patentiert). Es handelt sich dabei aber nicht um gasförmigen Wasserstoff sondern um eine LOHC die den Wasserstoff gefahrlos speichern kann. Im Hinblick auf die klimatische Entwicklung (Weltklimarat hält 2,5, bis 2,9 °C für erreichbar) ist es wichtig auch kommunalen Strukturen eine kostengünstige Lösung anzubieten zu können. Dies ist mit der angestrebten Technik möglich.

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