War watt? Die Psychologie und die globale Energiewende

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist

Nach Studium, politischem Engagement und Berufseinstieg in Aachen zog es Hubertus Grass nach Sachsen. Beruflich war er tätig als Landesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Prokurist der Unternehmensberatung Bridges und Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Seit 2011 ist er als Unternehmensberater freiberuflich tätig.

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11. Juni 2015

Der Beschluss des G7-Gipfels, bis 2100 eine Dekarbonisierung der Energiewirtschaft zu erreichen, war eine Riesen-Überraschung. Selbst Umweltverbände jubelten. Geschehen ist fast nichts. G7-Beschlüsse sind unverbindliche Absichtserklärungen. Selbst für den Fall, dass die teilnehmenden Staaten sich alle an die Vereinbarungen halten, wäre im Hinblick auf den Klimawandel nichts gewonnen. Mit einer Dekarbonisierung der Energiewirtschaft, die erst in der 2. Hälfte des Jahrhunderts die nötige Fahrt aufnimmt, werden wir das 2-Grad Ziel verfehlen und damit die Wahrscheinlichkeit eines beschleunigten Klimawandels erhöhen.

Der Beschluss zur Dekarbonisierung markiert bestenfalls einen rhetorischen Geländegewinn im Kampf um die globale Energiewende. Dekarbonisierung, der vollständige Verzicht auf fossile Energieträger, haben vor wenigen Jahren nur Visionäre in den Mund genommen. Mit dem G7-Gipfel ist der offizielle Wortschatz um diesen Begriff reicher geworden. Mehr war nicht.

Globale Energiewende: Zu teuer, zu kompliziert

Gewinnerin des G7-Gipfels ist nicht die globale Energiewende, sondern Angela Merkel. Klima-Kanzlerin wird sie wieder genannt. Dieses Etikett hat in der Politik einen höheren Wert als reale Fortschritte, ein unsichtbarer Orden. Wie vergleichsweise schnell hat sie sich diese Meriten SolarBaum, globale Energiewendeverdient, während Sigmar Gabriel in den Mühen der nationalen Ebene seit Wochen um die Klimaabgabe kämpft. Wie der Bundeswirtschaftsminister am Ende die fehlenden 22 Mio. t CO2 aus der Energiewirtschaft für das Klimaziel 2020 zusammen bekommt, ist noch offen. Als Siegertyp a la Angela Merkel wird er aus diesem Konflikt nicht hervor gehen, denn was sind schon 22 Mio. t- CO2 gemessen an der Aufgabe einer globalen Energiewende? Zur Verhandlung stehen lediglich 2,5 Prozent der deutschen Emissionen. Der deutsche Anteil an den globalen Treibhausgasen liegt gerade einmal bei 2,2 Prozent. Sollen Arbeitsplätze in der Braunkohle für eine Verbesserung des Weltklimas im Promillebereich geopfert werden? Dass verlorene Arbeitsplätze an anderer Stelle neu entstehen, ist ein gutes Argument in der akademischen Auseinandersetzung, in den Energiewendeblogs und auf dem Kirchentag, es hat aber keinerlei Auswirkungen auf die Wucht der gegenwärtigen Proteste bei den Betroffenen, in den Parteien und Gewerkschaften und liegt daher außerhalb des politischen Kalküls.

Jeder Schritt der globalen Energiewende kostet Geld und schafft Veränderungen mit Gewinnern und Verlieren. Angela Merkel, die jede Woche die Demoskopen befragt, weiß:  In solchen Konflikten gibt es für einen Politiker, der seine hohe Zustimmungsrate in der Bevölkerung halten will, nichts zu gewinnen. Wer wieder gewählt werden will, begnügt sich mit rhetorischen Siegen.

 Die globale Energiewende – eine psychologische Überforderung

Politiker sind gezwungen in Wahlperioden zu denken und zu handeln, sonst werden sie nicht wieder gewählt. Aber auch das Gehirn von uns, den Wählerinnen und Wählern, ist nicht für eine Solaranalge, globale EnergiewendeHerausforderung geschaffen, deren Bewältigung einen Zeitraum von mehreren Dekaden und – wie die globale Energiewende – den langjährigen Teamgeist einer uns unbekannten Weltgemeinschaft erfordert. Andreas Ernst, Umweltpsychologe an der Universität Kassel, beschriebt in der Zeit (Nr. 23/2015, S. 16) dieses Dilemma: „Diese Probleme sind zu komplex für uns…Die Welt hat sich gewandelt, …aber uns Gehirn ist nicht mit gewachsen.“ Wir alle, und die Kanzlerin im besonderen Maße, sind darauf konditioniert, unser Handeln darauf auszurichten, in absehbarer Zeit unsere Mühe mit Erfolg honoriert zu bekommen. Intellektuelle Weitsichtigkeit dagegen mag unsere Reden beeinflussen, unsere Taten dagegen kaum. Das verdeutlicht  ein Paradoxon: Menschen, die sich mit dem Klimawandel intensiver beschäftigen und wegen dieser empfundenen Bedrohung für eine globale Energiewende streiten, haben in der Regel persönlich eine schlechtere CO2-Bilanz und verursachen einen überdimensionierten ökologischen Fußabdruck, weil sie beruflich wie privat viel unterwegs sind, mehr Wohnraum zur Verfügung haben als der Durchschnitt der Bevölkerung und mehr elektronische Geräte kaufen, nutzen und verbrauchen (der Autor dieses Beitrages eingeschlossen).

Ist der Kampf gegen die weitere Erderwärmung zum Scheitern verurteilt, weil unser Gehirn ungeeignet ist, auf komplexe Herausforderungen angemessen zu reagieren? Nach uns die Sintflut – ist das der Preis, den eine Menschheit zahlen muss, die dazu fähig ist, auf dem Mond zu landen, die aber immer noch von den gleichen Pawlowschen Reflexen gesteuert wird, die uns als Höhlenbewohner beeinflussten?

Das EEG und der Ablasshandel der katholischen Kirche

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Wir sollten unsere evolutionäre Beschränktheit zur Kenntnis nehmen und unsere Politik daran ausrichten. Das EEG wurde doch nicht deshalb zum Erfolgsmodell, weil plötzlich die Öko-Enthusiasten wie Pilze aus dem Boden schossen. Das EEG hatte Erfolg, weil man mit Öko-Strom in absehbaren Zeiträumen gute Rendite machen konnte. Ökologisch zu handeln, das zahlte sich mit dem EEG in Heller und Pfennig aus. In seinem Einfluss auf das menschliche Gehirn unterscheidet sich ein Gesetz wie das EEG nur geringfügig vom 500 Jahre alten Ablasshandel der katholischen Kirche. „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.“  Eine Investition wird angeregt mit dem Versprechen eines reinen (ökologischen) Gewissens. Wir handeln, weil der Reiz der Belohnung und des individuellen Vorteils winkt. Nach diesem einfachen, unserer nach wie vor simplen Psychologie folgendem Prinzip wurde der Petersdom in Rom gebaut. Auch die globale Energiewende können wir schaffen, wenn wir verstehen, dass die als „Glückshormone“ bezeichneten Neurotransmitter Serotonin und Dopamin unser Handeln wie zu Zeiten der Neandertaler steuern. Daran wird auch der nächste IPCC-Report nichts ändern.


Update 12. Juni, 2015: Als ergänzende Lektüre sei empfohlen: „Aus Klimasicht hat Merkel wieder alles richtig gemacht„. Ein Interview des Deutschlandfunks mit Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

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  1. Windmüller

    vor 3 Jahren

    Kompliment zum Artikel ! Ich würde aber nicht so negativ denken, und die Energiewende als psychologische Überforderung hinstellen. Es gibt viele Dinge, die wir uns vorher nicht hätten vorstellen können. Wir haben über Jahre mit der Mauer gelebt. Wenn man gesagt hätte, dass eines Tages der Schlagbaum geöffnet wird, man wäre als Spinner hingestellt worden. Es ist Realität geworden. Ich kann mich noch daran erinnern, dass VEW ( später in RWE aufgegangen ) 1990 in Dortmund eine Ausstellung hatte, in der erneuerbare Energien vorgestellt wurden. Damals präsentierte man eine Solarzelle, und zeigte die Spannungs- und Stromverläufe. Man hatte damals noch nicht mal ein Modul.Das war noch ausserhalb jeder Vorstellung. Heute pflastern wir mal eben 110.000 Module auf Tagebaurestflächen in den ostdeutschen Braunkohlegebieten, und erzeugen damit Strom zu Preisen, zu denen man kein neues KKW baut. Ich habe vor 12 Jahren mit Mitstreitern einen 10 Mio € Windpark in meiner Heimatstadt realisiert. Wir kämpften gegen die absurdesten Vorurteile an. Wenn man damals gesagt hätte, dass ein Stromkonzern wie Eon 9,3 Mrd € in Windkraft investieren könnte, man hätte Kopfschütteln geerntet. Nicht anders ist es mit E Autos. In 20 Jahren werden wir darüber lachen, dass man über Jahre mit Autos mit stampfenden Kolben gefahren ist. Realität ist ja heute schon, dass der weltweite Zubau an PV den weltweiten Zubau an Kernkraft bereits überschritten hat. Von daher halte ich es wie der Genosse Erich : Die weltweite Energiewende in ihrem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf.

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