Die Wärmewende braucht Wasserstoff

Gastautor Portrait

Gunda Röstel

Gastautorin

Die studierte Sonderpädagogin leitete von der Wende 1990 bis 1996 als Direktorin die Lernförderschule Flöha. Von 1996 - 2000 war sie Parteivorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. 2000 wechselte Gunda Röstel als Prokuristen der GELSENWASSER AG in die Energie- und Wasserwirtschaft. Zusätzlich zu ihrer Aufgabe der Verbändearbeit und politischen Kommunikationen übernahm sie für das Unternehmen ab 2004 die Position der kaufmännischen Geschäftsführerin im Tochterunternehmen Stadtentwässerung Dresden GmbH. In Gremien und Verbänden ist sie unter anderem als Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses und Mitglied im erweiterten Fachvorstand im BDEW aktiv. Dem international ausgerichteten deutschen Wasserverband „German Water Partnership“ sitzt sie als Vorstandsvorsitzende vor. Seit über zehn Jahren engagiert sie sich als Vorsitzende des Hochschulrates der Exzellenzuniversität TU Dresden. Gunda Röstel ist Mitglied der Aufsichtsräte der EnBW AG und der VNG AG. Den Freistaat Sachsen vertrat sie in der sog. Kohlekommission. Auf Bundesebene arbeitet sie im Nationalen Wasserstoffrat und im Rat für Nachhaltige Entwicklung mit.

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07. Februar 2022

Mehr als die Hälfte des deutschen Endenergieverbrauches entfällt auf den Wärmemarkt. Mit hohen saisonalen Schwankungen konzentriert sich dieser Bedarf in den Wohn- und Gewerberäumen in besonderer Weise auf den Winter. Doch auch die Grundstoff-, Papier- oder Nahrungsmittelwirtschaft – braucht viel Wärme für ihre Prozesse und zwar sicher, in unterschiedlichen Hitzegraden und exakten Dosen. Diese vielfältigen Anforderungen machen den Wärmemarkt zur Achillesferse der Energiewende. Eine der entscheidenden Fragen, um die Klimaziele einzuhalten, wird in den nächsten Jahren sein: Wie viel Wasserstoff braucht die Wärmewende?

Im bereits auf Energieeinsparung ausgelegten Neubau sind Wärmepumpen in puncto Effizienz nicht zu toppen und deshalb zunehmend das Mittel der Wahl.

Gunda Röstel

Seit 1990 gelang im Wärmesektor eine Reduktion von rund 90 Mio.t CO2. Zur Erreichung des Sektorziels 2030 mit einer Minderung um weitere 53 Mio.t muss sich das Minderungstempo in den verbleibenden 8 Jahren mehr als verdoppeln.

Statt zu sinken, steigen aber derzeit in Deutschland die CO2-Emissionen. Zeit wird im Kampf gegen den Klimawandel das knappste Gut. Also müssen wir schneller werden und kurzfristig runter mit den Emissionen. Die Ziele der Wärmewende zu erreichen, geht nur unter Einschluss aller derzeit verfügbaren Technologien. Vieles spricht deshalb für einen Mix aus Elektrifizierung, Einsatz von Biomasse und der Nutzung von klimafreundlichem und später klimaneutralem Wasserstoff.

Im bereits auf Energieeinsparung ausgelegten Neubau sind Wärmepumpen in puncto Effizienz nicht zu toppen und deshalb zunehmend das Mittel der Wahl. Doch über 90% der Gebäude gehören zum Bestand, 87% davon teil- oder unsaniert. Hier dominiert der Energieträger Erdgas, der sicher und direkt über die Gasverteilnetze 31 Mio. Menschen und 1,8 Mio. Industrie- und Gewerbeunternehmen versorgt. Weitere 3,0 Mio. Haushalte werden über die Fernwärme indirekt mit Erdgas geheizt. Die Transformation in Richtung Klimaneutralität für einen relevanten Teil der Bestandsgebäude kann nur bedeuten, fossiles Gas als Übergangstechnologie und so schnell wie möglich ein Switch hin zu klimafreundlichem und dann klimaneutralem Wasserstoff. Anders lassen sich weder die Klimaschutzziele erreichen, noch die nötigen Investitionen stemmen.

Hindernisse für vollständige Elektrifizierung der Wärmewende

Wärmepumpen werden unstrittig eine sehr wichtige Rolle im Wärmesektor übernehmen. Kurzfristig bis 2030 fehlt uns dafür aber noch der klimaneutrale Strom und auch langfristig gestaltet sich der Hochlauf nicht problemfrei. Es braucht einen weiteren Ausbau des Stromnetzes auf allen Spannungsstufen sowie einen Anstieg der Gebäudesanierungsrate von derzeit weniger als 1% auf mehr als 2% pro Jahr. Als Flaschenhals bei der Erreichung dieser Ziele dürfte sich der Fachkräftemangel erweisen. Ein 40%-iger Rückgang der Nachwuchskräfte für das Bau- und Baunebengewerbe ist symptomatisch für zahlreiche Handwerksberufe.

Eine weitere Herausforderung im Wärmemarkt ist die Sozialverträglichkeit aller Maßnahmen. Schon jetzt ist der Wohnungsmarkt mehr als angespannt. In allen Städten unseres Landes lag der Anstieg der Mietkosten in der letzten Dekade über der Inflationsrate. Hinzu kommen aktuell die Preissprünge am Energiemarkt. Die von der Bundesregierung in Aussicht gestellten Ausgleichszahlungen mögen einzelnen Familien helfen. Das Grundproblem, dass Mieten und Mietnebenkosten einen immer größer werdenden Teil vom Haushaltseinkommen ausmachen, können sie nicht lösen.

Nationaler Wasserstoffrat arbeitet aktuell an einer Handlungsempfehlung

Von welchen Schultern sollen die anstehenden Investitionen getragen werden? Für eine exakte Antwort auf diese Frage ist es noch zu früh. Klar ist: Eine „one-size-fits-all“-Lösung im Wärmesektor gibt es nicht. Dafür sind die Bedingungen zu unterschiedlich. Der Wärmemarkt braucht folglich mehr als eine Dekarbonisierungsoption.

Der Nationale Wasserstoffrat arbeitet deshalb gemeinsam mit dem Fraunhofer IEE und ISE sowie verschiedenen Fachverbänden an einer sogenannten Bottom-up-Studie. Unter verschiedenen Kriterien, von Versorgungssicherheit bis hin zu Bezahlbarkeit, werden auf Basis realer Daten typischer Wärmeversorgungsstrukturen, sogenannte Wärme-Avatare, unterschiedliche Dekarbonisierungsoptionen bewertet. Noch vor der Sommerpause will der Rat auf Grundlage dieser Erhebung eine politische Handlungsempfehlung formulieren, wie Wärmewende und Wasserstoff zusammen passen.

Wie viel Wassererstoff braucht die Wärmewende?

Wir brauchen Erneuerbare Energien in großen Mengen so schnell und so kostengünstig wie eben möglich.

Gunda Röstel

Auch für den Wärmemarkt gilt: Wir brauchen Erneuerbare Energien in großen Mengen so schnell und so kostengünstig wie eben möglich. Parallel müssen wir im Interesse des Klimaschutzes wie im Interesse unserer technologischen und wirtschaftlichen Chancen alles dafür tun, den Hochlauf eines liquiden Wasserstoffmarktes zu organisieren. Wer möglichst viele der neuen Technologien von den Elektrolyseuren, über Komponenten bis zur Brennstoffzelle produzieren und exportieren will, muss diese auch selbst einsetzen. Darüber hinaus ist es kein Geheimnis, dass wir 70-80% des klimaneutralen Wasserstoffbedarfs aus dem europäischen und globalen Markt importieren werden.

Energieimport ist für unser Land keine neue Situation und für die neuen und alten Exportpartner eine Chance, mit Nachhaltigkeit schwarze Zahlen zu schreiben. Doch der Aufbau verlässlicher Partnerschaften und die notwendigen Investitionen brauchen Zeit. Deshalb werden wir nicht umhinkommen, übergangsweise unter Einsatz von CCS und CCU-Technologien auch blauen und türkisen Wasserstoff zu verwenden.

Auch für die Wärmewende gilt: Europäisch denken

All das setzt einen begleitenden Förderrahmen voraus. Die Schaffung der Grundlagen für die sogenannte Farbenlehre ist zeitnah nicht in Sicht. Der für Anfang Februar vorgesehene Beschluss zum delegierten Rechtsakt der Taxonomie stellt kumuliert Anforderungen an neue Gaskraftwerke, die kaum erfüllbar sind.

Darüber hinaus stehen mit dem Gasmarktpaket der EU-Kommission unnötige und sehr aufwändige Formen des vertikalen wie horizontalen Unbundlings in Rede. Dies dürfte sowohl Investitionen in Netze und Kraftwerke als auch generell den Hochlauf von Wasserstoff behindern.

Stärker als jemals zuvor müssen wir deshalb auch im Wärmesektor europäisch denken und handeln, wenn wir dem Klima nutzen wollen. Dies gilt für den Hochlauf der Erneuerbaren wie für den Hochlauf von Wasserstoff. Und ebenso für den länderübergreifenden Infrastrukturaufbau der Wasserstoffnetze, der Speicher und die Regulierung. Und dies gilt auch für eine wirksame Wasserstoffdiplomatie.

Anmerkung der Redaktion

Dieser Beitrag erschien in leicht veränderter Form zuerst im Handelsblatt.

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