War watt? Die Energiewende, ein Kind der Aufklärung

Gastautor Portrait

Hubertus Grass

Kolumnist

Nach Studium, politischem Engagement und Berufseinstieg in Aachen zog es Hubertus Grass nach Sachsen. Beruflich war er tätig als Landesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, Prokurist der Unternehmensberatung Bridges und Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Seit 2011 ist er als Unternehmensberater freiberuflich tätig.

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07. Juli 2016

Die Energiewende ist ein Kind der Aufklärung. Es braucht die Vernunft, naturwissenschaftliche Erkenntnisse, eine freie Gesellschaftsordnung mit Bürger- und Menschenrechten und eine kritische Öffentlichkeit, um einen solch umfassenden Prozess wie die Energiewende anzustoßen und gegen beträchtliche Widerstände am Leben zu erhalten. So sehr haben wir uns schon daran gewöhnt, stetig aus unserer „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) heraus zu treten, dass wir nicht bemerken, wenn die 400 Jahre alten Grundlagen unseres Denkens in Frage gestellt werden. Gestern haben wir noch über eine Bewegung wie die Kreatonisten aus den USA gelacht, da hat heute schon die Gegenaufklärung in unseren Parlamenten Sitz und Stimme erobert.

Der IPCC koordiniert seit fast 30 Jahren die globale Klimaforschung, tausende Wissenschaftler arbeiten daran, die Klimaprozesse zu verstehen, zu modellieren und die Einflüsse der Treibhausgase zu berechnen. 190 Staaten sind bei der Pariser Weltklimakonferenz dem Rat des IPCC gefolgt. Doch dieses ökologische Denken, so sagte jetzt ein deutscher Politiker, sei ihm unsympathisch, weil es „nichts mit der nationalen Identität zu tun“ habe. Heute ist es in Deutschland wieder möglich, esoterisch und unwissenschaftlich zu argumentieren,  und dafür massenhaften Zuspruch zu erhalten. Das Grundsatzprogramm der AfD, ab Seite 79 geht es um Energie und Klimaschutz, beweist es.

Nationalismus in Kombination mit Populismus besiegt Wissenschaft

Auch in der Publizistik erhält die Gegenaufklärung Zulauf. Artikel, die Energiewende als Verteilung der Energiearmut klassifizieren, finden über die sozialen Medien massenhaft im Internet Verbreitung. Was würde Immanuel Kant auf solche Dummheiten antworten? Wer über Drei Jahrhundert der Aufklärung sind an Energiewende-Skeptikern spurlos vorüebr gegangen.diese Versuche, esoterischer Politiker und Publizisten auf den Lauf der Welt Einfluss zu nehmen, schmunzelt, der übersieht, welche Erfolge die Gegenaufklärung bereits heute schon feiert. So war die Brexit-Kampagne auch deshalb erfolgreich, weil sie sich gegen die Klimapolitik sowie die Beschränkungen bei der Fischerei wendete. Boris Johnson ist bekennender Klimaskeptiker.  Klimawandel, Überfischung der Meere? Auch Brexit-Kampagnenchef Michael Gove hatte auf große Herausforderungen einfache Antworten, denn die Bürger hätten genug von Experten: „Ich sage, die Leute sollen sich selbst vertrauen.”  Nationalismus in Kombination mit Populismus besiegt Wissenschaft.

Richtig gefährlich wird es für die Aufklärung, wenn die Kooperation von Nationalismus und Populismus sich mit dem Geld verbündet. Aus den USA ist das bekannt. Donald Trump darf man nicht als Witzfigur einstufen: Der Mann ist nicht nur Milliardär und Präsidentschaftskandidat der traditionsreichen Republikaner, sondern bekennender Leugner eines von Menschen gemachten Klimawandels. Seine Antwort auf die Energiefragen des 21. Jahrhunderts: „America first.“ Demagogen wissen: Gegen einen starken Mythos kommen Argumente nur schwer an. Es ist der Kampf Kopf gegen Bauch, Denken gegen Gefühlt. Was fehlt ist eine Basis der Kommunikation. Wer Meinung beeinflussen will und das nötige Geld hat, macht sich das zu nutze.
Wie stark die Verbindung des Kapitals mit den Klimaleugnern in den USA ist, wurde in der Insolvenz des größten privaten Kohlekonzerns der Welt, peabody, deutlich. Doch wenn es um Klimaschutz und andere politische Einflüsse auf die Umwelt geht, sind die Koch-Brüder wahrscheinlich die mächtigste Armada der Gegenaufklärung.

Energiewende und Aufklärung setzen Bildung voraus

Der Versuch, wissenschaftliche Erkenntnis zu unterdrücken, um politische Konsequenzen zu verhindern, findet nicht nur jenseits des Ärmelkanals und des Atlantiks statt. Dem Rechercheverbund von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung ist zu danken, die finanziellen Verflechtungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), einer staatlichen Behörde, mit der deutschen Industrie aufgedeckt zu haben.
„Das anthropogen eingebrachte CO₂ spielt mit einem Anteil von 1,2 Prozent am gesamten Treibhausgaseffekt nur eine untergeordnete Rolle.“ Zu dieser Erkenntnis, ist in der Süddeutschen zu lesen, kam eine Studie der BGR, die aus Mitteln des Unternehmens  Rheinbraun (heute RWE) finanziert wird.  Die Kooperation von vermeintlicher Forschung und industriellen Interessen gebiert Erkenntnis der Marke: >Rauchen ist nicht schädlich, meint Prof. Dr. Marlboro <.  Stefan Rahmstorf hat sich der Mühe unterzogen, derartigem wissenschaftlichen Unfug im Detail auf die Spur zu kommen.
Ob Konzerne die Enthüllungen bei der Bundesanstalt zum Anlass nehmen und nun von sich aus offenlegen, wie sie in früheren Jahren versucht haben, den wissenschaftlichen Fortschritt zu bremsen und die Bevölkerung in die Irre zu führen? Gibt es so viel Offenheit in der deutschen Industrie?
Das Projekt der Energiewende fußt auf Wissenschaft und Erkenntnis und bedarf der Forschung und des technischen Fortschritts, um erfolgreich zu sein. Sie kann sich ihrer Widersacher nur auf der Basis eines Diskurses erwehren, der ein Mindestmaß an Bildung zur Voraussetzung hat. Wir brauchen eine Bildungsoffensive für die Energiewende und unsere Demokratie. Ohne Bildung kommt die Aufklärung zum Stillstand. Und dann wird es wieder dunkel, wie im Mittelalter.

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