Debatten-Abend – Welche Infrastruktur braucht die klimaneutrale Zukunft?

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Redaktion

Stiftung Energie & Klimaschutz
25. Oktober 2021

Der Weg in die klimaneutrale Zukunft führt unweigerlich durch die Netze, insbesondere die Verteilnetze. Beim vierten Debatten-Abend im Jahr 2021 waren die Gäste auf dem Podium Dr. Christoph Müller, Vorsitzender der Geschäftsführung der Netze BW GmbH, Peter Franke, Vizepräsident der Bundesnetzagentur sowie Prof. Dr. Anke Weidlich, Professorin für Technologien der Energieverteilung an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Die Moderation lag bei dem Fachjournalisten Michael Nallinger.

Debatten-Abend im Livestream aus dem Studio in Stuttgart

Erstmals seit langem konnte der Debatten-Abend wieder zumindest die Podiumsgäste physisch am gleichen Ort zusammenbringen und der Livestream direkt aus dem Stuttgarter Studio gesendet werden. Damit wurde auch wieder die Körpersprache zum Teil der Debatte, wie es Christoph Müller treffend anmerkte.

Im Mittelpunkt stand diese Frage mit all ihren Facetten: Wie sieht die Netzinfrastruktur der Zukunft aus – auch im Hinblick auf Sektorkopplung und E-Mobilität? Zum Einstieg in das Thema verwies Moderator Michael Nallinger auf die im Sommer vom BDEW veröffentlichten Progonosezahlen für 2030: Dann werden rund 20 Prozent mehr Strom durch die Netze fließen als gegenwärtig. Zudem werden rund 15 Millionen Elektrofahrzeuge, 15 Gigawatt Elektrolysekapazität und mehrere Millionen Wärmepumpen zum Beheizen von Wohnungen Teil des Energiesystems sein. Daran ist zu erkennen, dass die Energiewende in großem Maße im Verteilnetz stattfindet. Die Verteilnetzbetreiber werden zu Verteilnetzmanagern, so die von Nallinger zitierte Entwicklungs-Metapher. Dabei liegt der Schlüssel insbesondere in der Digitalisierung, um die zunehmende Komplexität auch langfristig im Griff zu behalten.

Ausbau der Elektromobilität als Treiber der Ertüchtigung der Netze

Die Zukunft der Energiewirtschaft ist „Almost All Electric“ – durch direkte Elektrifizierung und indirekt über Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe. Das Stromnetz bildet somit das Rückgrat der Energiewende, das mit anderen Infrastrukturen klug vernetzt und europäisch ausgebaut werden muss.

Prof. Dr. Anke Weidlich, Universität Freiburg

Anke Weidlich zitierte die von einem Zukunftsforscher aufgebrachte Popcorn-Metapher, um die derzeitigen Entwicklungen greifbarer zu machen: Lange sind keine Veränderungen erkennbar, aber wie beim Popcorn realisieren sich zu einem gewissen Zeitpunkt erste Transformationen, die dann ganz plötzlich Weitere zur Folge haben. Oft wird auch in Zusammenhang mit der Verkehrswende das Symbolbild der Fifth Avenue in New York gezeigt, wo innerhalb einer Dekade die Pferdekutschen komplett aus dem Straßenbild verschwunden und durch Autos ersetzt wurden. Ob wir in dieser Popcorn-Phase bereits seien, so Weidlich, wird sich in naher Zukunft herausstellen. Ein Blick auf die aktuellen Zulassungszahlen lässt das stark vermuten.

Das bestätigte auch Bundesnetzagentur-Vizepräsident Peter Franke, der auf den Stimmungswechsel sowohl in der Bevölkerung als auch in der Automobilindustrie verwies. Ein Trend, der nicht nur irreversibel ist, sondern sich auch beschleunige, betonte er. Insbesondere auf die Ortsnetze habe dies Auswirkungen, die der wachsenden Anzahl an E-Fahrzeugen gerecht werden müssen. Aber, so seine Einschätzung beim Debatten-Abend: Mit jährlichen Investitionen von rund vier bis fünf Milliarden Euro in die Verstärkung und den Ausbau dieser Netze sind wir gerüstet, um Engpässe zu vermeiden, sagte Franke sinngemäß.

Mit den Erfahrungen aus einem Modellprojekt in Ostfildern bei Stuttgart zeigte Netze BW-Geschäftsführer Christoph Müller auf, dass sich auch das Verhalten der Nutzer*innen ändert und nicht wie möglicherweise angenommen alle Fahrzeughalter gleichzeitig abends laden und die Netze in die Knie zwingen. Dem sei in dem über ein Jahr laufenden Modellversuch nicht so gewesen, lediglich ein einziges Mal für eine Zeitdauer von 20 Minuten hingen alle Fahrzeuge gleichzeitig an der Wallbox. Fakt ist, so Müller: „Wir betreten unbekanntes Terrain“ in Bezug auf das Nutzerverhalten – und entsprechend erfolgt auch eine Lernkurve bei der Ertüchtigung der Netze für die klimaneutrale Zukunft, so das Zwischenfazit.

Die Netze als Blutbahnen für die Transformation in eine klimaneutrale Zukunft

Die Energiewende braucht Flexibilität und das Netz muss sicherstellen, dass für die Energiewende auch möglichst viel Flexibilität verfügbar ist.

Dr. Christoph Müller, Netze BW

Die Digitalisierung nahm beim Debatten-Abend wesentliche Teile der Diskussion ein. Es sei noch nicht der letzte Ortsnetzstrang digitalisiert, sagte Christoph Müller. Das Nachrüsten der Verteilnetze für die Fernauslesbarkeit ist ein Prozess, der noch ein bisschen dauern wird, ergänzte er dabei. Mit Blick auf das Beispiel der 5th Avenue sei die Situation aktuell vergleichbar – und in einem Zeitraum von zehn Jahren können sich sehr viel verändern, was letztlich zu sichtbaren Neuerungen führt.

Wie wichtig die Rolle der Digitalisierung ist betonte auch Anke Weidlich und verwies darauf, dass es sich zudem um eine natürliche Entwicklung handelt. Während die Übertragungsnetze schon lange stark automatisiert sind, wird nun sukzessive die Digitalisierung auch in den niederen Spannungsebenen eingeführt. Dieser Prozess bietet die Möglichkeit, den Aspekt Flexibilität einzubinden – was für Anke Weidlich besonders von Bedeutung ist. Die Frage, welche Geräte oder Anlagen man wie ansprechen und damit Flexibilität liefern kann – dafür werde die Digitalisierung definitiv dringend gebraucht. Dabei merkte sie an, dass es dazu schon viele Forschungsprojekte gab und gibt, aber bislang in der Praxis wenig oder mit gewisser Verzögerung umgesetzt wird. Möglicherweise lässt hier der Popcorn-Effekt noch auf sich warten.

Das Netz als dienende Funktion

“Es ist im Zweifel günstiger das Netz ausbauen, um die Flexibilität für eine Windfront oder andere Themen auf der Erzeugungsseite einzusetzen”, sagte Christoph Müller im Laufe des Debatten-Abends. Den dafür erforderlichen Ausbau bezeichnete er als „die große Linie“ und betonte damit die Bedeutung des Netzausbaus für die klimaneutrale Zukunft. In diesem Zusammenhang merkte er auch an, dass er die am 20. Oktober 2021 getroffene Entscheidung zur Senkung des Eigenkapital-Zins seitens der Bundesnetzagentur kritisch sieht, da dies nicht auf diese benannte Linie einzahle – das würde Sorgen bereiten, so sein Hinweis. Bundesnetzagentur-Vize Franke ging darauf auch ausführlich ein und zeigte die Situation aus Perspektive der Bundesnetzagentur auf, worauf die Entscheidung begründete. Die Details zu dieser Debatte können in der Video-Aufzeichnung nachvollzogen werden.

Debatten-Abend als Aufzeichnung

Interessierte finden die vollständige Aufzeichnung des Livestreams hier im Video. Wie immer konnten die Zuschauer*innen sich am Debatten-Abend via Chatbox beteiligen, was auch umfassend genutzt wurde. Wir möchten uns an dieser Stelle für Ihr Interesse und Ihre Beiträge bedanken und bereits heute ankündigen: Der nächste Debatten-Abend findet statt am 30. November 2021 und wird sowohl als Livestream als auch mit einer begrenzten Anzahl an Plätzen vor Ort in Stuttgart stattfinden. Mehr dazu erfahren Sie per Newsletter, zu dem Sie sich hier anmelden können.

Mehr von Dr. Christoph Müller zu diesem Thema lesen Sie auch im aktuellen Gastbeitrag mit dem Titel „Wir stehen vor Jahrzehnten der Infrastruktur“. Ebenfalls weitere Vertiefung bietet der aktuelle Gastbeitrag von Prof. Dr. Anke Weidlich unter dem Titel „Infrastrukturen für ein klimaneutrales Energiesystem: Szenarienstudien weisen den Weg“.

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Hinweis in eigener Sache: Blick ins Ausland mit Energie-Reporterin

Im Rahmen der Debatten-Abend stellt die Stiftung Energie & Klimaschutz regelmäßig ausgewählte Energie-Reporter*innen vor, die während ihres Auslandssemesters Videoreportagen zu Energiewende-Themen vor Ort erstellen. Passend zum Transformations-Thema dieses Debatten-Abends stand dieses Mal das Video von Studentin Charlotte Wagner im Fokus, in welchem sie die Elektromobilität in Schweden aus ihrer Perspektive skizziert. In welchem Umfang die Netze hierzulande zeitnah neuen Beanspruchungen durch die Verkehrswende gerecht werden müssen, kann am Beispiel von Schweden und auch Norwegen deutlich werden.

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