„Blauer“ versus grüner Wasserstoff – was dem Klimaschutz wirklich hilft

Gastautor Portrait

Michael Friedrich

Pressesprecher, Greenpeace Energy

Michael Friedrich war nach der Journalistenausbildung an der Henri-Nannen-Schule Redakteur bei WDR, Spiegel TV, GEO, Greenpeace Magazin und GEO SAISON. Seit 2015 ist er als Pressesprecher von Greenpeace Energy für die Energiewende aktiv. Foto: © Greenpeace Energy / Christine Lutz

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12. März 2020
Moderner Windgas-Elektrolyseur von Greenpeace Energy im fränkischen Haßfurt; © Greenpeace Energy / Florian Jänicke

Lässt sich die Realität einfach per Definition abschaffen? Das Bundeswirtschaftsministerium macht gerade einen solchen Versuch: In seinem Entwurf für eine Nationale Wasserstoffstrategie von Ende Januar 2020 erklärt es aus Erdgas hergestellten sogenannten „blauen Wasserstoff“ kurzerhand zum „CO2-freien“ Gas. Das ist reinster Etikettenschwindel – mit potenziell schwerwiegenden Folgen, wie Michael Friedrich von der Ökoenergiegenossenschaft Greenpeace Energy erklärt:

„Blauer Wasserstoff“. Für das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) ist das Gas eine Art Wundermittel für die Energiewende: Wichtige Wirtschaftssektoren wie die Stahlindustrie, die Chemiebranche, die Containerschifffahrt und der Luftverkehr haben enorme Energiebedarfe, lassen sich aber nicht mit grünem Strom aus Windkraft- und Solaranlagen „dekarbonisieren“. Mit einem auf den ersten Blick günstigen, angeblich „CO2-freien“ Gas auf Erdgasbasis hingegen, so die BMWi-Sicht, ließe sich die deutsche CO2-Bilanz zum Beispiel im Verkehr und der Industrie „verbessern“ – ohne am System selbst etwas ändern zu müssen. Deutschland könnte also weiterhin Erdgas in rauen Mengen importieren. Daraus hergestellter „blauer Wasserstoff“ ginge dem Plan zufolge u.a. an Raffinerien und würde nominell die CO2-Emissionen aus Kraftstoffen senken; Autohersteller wiederum könnten weiterhin Verbrennungsmotoren bauen. Und: Das BMWi, derzeit ein hartnäckiger Windkraft-Blockierer, müsste nicht den energischen Ausbau der Windkraft an Land vorantreiben, wie er für die Produktion von wirklich CO2-freiem Wasserstoff und die Energiewende unvermeidlich ist.

„Blauer Wasserstoff“ hilft dem Klimaschutz nicht, sondern schadet ihm

Emissionsentwicklung der verschiedenen Herstellungsverfahren für Wasserstoff

Schlimm genug. Noch irreführender wird die „CO2-frei“-Definition, wenn die Emissionen aus der „Vorkette“ mit eingerechnet werden. Sie entstehen bei der Förderung, der Verarbeitung und dem Transport des Erdgases – Produzenten von „blauem Wasserstoff“ können sie also nicht vermeiden. Dabei entstehen hier mindestens 25 Prozent der klimawirksamen Emissionen, die bei der Nutzung und Verbrennung von Erdgas insgesamt anfallen. Ein Nature-Artikel aus Februar 2020 legt dar, dass es wahrscheinlich sogar bis zu 50 Prozent der gesamten Erdgas-Emissionen sind, weil den neuen Daten zufolge wesentlich mehr des sehr klimawirksamen Gases Methan entweicht als bislang bekannt. „CO2-frei“? „Klimaneutral“? Im Gegenteil: „Blauer Wasserstoff“ hilft dem Klimaschutz nicht, er schadet ihm.

Eine Nationale Wasserstoffstrategie, die auf diese Scheinlösung zielt, trägt nicht dazu bei, dass Deutschland seine völkerrechtlichen Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaschutzabkommen erfüllt. Stattdessen würde „blauer Wasserstoff“ eine wirkliche Lösung blockieren, die bereits zur Verfügung steht, von der Bundesregierung bislang aber nicht auf die Schiene gesetzt wurde: Windgas – also grüner Wasserstoff, der per Elektrolyse mit erneuerbarem Strom hergestellt wird. Wasser wird dabei in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten.

Eine echte Lösung steht bereit: grüner Wasserstoff

Kostenentwicklung der verschiedenen Herstellungsverfahren für Wasserstoff

Zwar ist erneuerbar produzierter Wasserstoff noch teuer, weil Elektrolyseure derzeit als Einzelstücke von Hand montiert werden. Er wird jedoch rapide konkurrenzfähig zu „blauem Wasserstoff“, wenn die Elektrolyseure mit steigenden Stückzahlen in Serie gefertigt werden. Dazu muss die Bundesregierung aber konsequent auf klimafreundlichen grünen Wasserstoff setzen, anstatt klimaschädlichen „blauen Wasserstoff“ zu fördern.

Der Bedarf an erneuerbaren Gasen ist enorm, wie eine gemeinsame Studie des Wuppertal Instituts und von Energy Brainpool im September letzten Jahres zeigte : In einem künftig vollständig erneuerbaren Energiesystem verbraucht Deutschland 1.089 Terawattstunden (TWh) an grünen Gasen und daraus hergestellten Treibstoffen sowie 959 TWh an grünem Strom (Verbrauch heute: ca. 600 TWh). Rund ein Viertel dieser Gase kann kostengünstig in Deutschland produziert werden. Die fehlenden Mengen werden aus europäischen Anrainerländern mit mehr verfügbaren Flächen und besseren klimatischen Bedingungen importiert. Aus geopolitischen Gründen könnten die Lieferungen erneuerbarer Gase teils aber auch weiter aus Russland stammen, um das Land vor dem wirtschaftlichen Kollaps zu bewahren, vom Persischen Golf oder aus Nordafrika. Trotzdem stiege die Energieautarkie-Quote im Vergleich zum heute fossilen System von derzeit rund 30 Prozent auf dann gut 50 Prozent – bei gleichbleibenden Energiekosten für die Bürgerinnen und Bürger.

All dies gilt es in einer Nationalen Wasserstoffstrategie zu bündeln. Richtig umgesetzt, mit einer klaren Präferenz für grünen Wasserstoff, wie es auch das Bundesumweltministerium fordert, kann sie Energiewende und Klimaschutz einen entscheidenden Schritt voranbringen. „Blauer Wasserstoff“ hingegen wäre ein teurer, schädlicher Irrweg.

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  1. Thomas Unnerstall

    vor 4 Tagen

    Grundsätzlich einverstanden mit einer wesentlichen Ausnahme: 950 TWh grüner Strom und 25% der syntetischen Brennstoffe aus Deutschland bedeutet 1400 TWh PV- und Windstrom in Deutschland - das ist aus Akzeptanzgründen schwierig, aber vor allem wirtschaftlich nicht sinnvoll, weil eben synth. Brennstoffe in sonnenreichen Ländern viel günstiger hergestellt werden können. Daher : in D nur soviel, wie man aus Speichergründen braucht.

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